Terrorverdächtiger war in Zürcher Hotel

Mindestens einer der mutmasslichen Attentäter von Katalonien war im Dezember 2016 in der Schweiz.

Solidarität und Trauer: König Felipe und Königin Letizia legen in Barcelona Blumen für die Opfer nieder. Foto: Manu Fernandez (Keystone/AP)

Solidarität und Trauer: König Felipe und Königin Letizia legen in Barcelona Blumen für die Opfer nieder. Foto: Manu Fernandez (Keystone/AP)

Simone Rau@simonerau
Thomas Knellwolf@KneWolf
Kurt Pelda@KurtPelda
Moritz Baumstieger@baumstieger

Noch ist sie vage, aber es gibt eine Verbindung zwischen dem Anschlag von Barcelona und der Schweiz: Mindestens einer der mutmasslichen Terroristen war Ende letzten Jahres in Zürich. «Wir haben Kenntnis von einer Hotelübernachtung im Raum Zürich im Dezember 2016», sagt Cathy Maret, Sprecherin des Bundesamtes für Polizei (Fedpol). Auf welchen Namen die Buchung lautet und wo im Raum Zürich sich das Hotel befindet, gibt das Fedpol nicht bekannt. Man sei daran, die genaueren Umstände der Reise abzuklären. «Es lässt sich noch nicht sagen, ob und was für eine Verbindung die Täter zur Schweiz haben», sagt Maret. Die Bedrohungslage bleibe erhöht.

Die spanischen Medien berichten gar von zwei Verdächtigen, die im Dezember 2016 nach Zürich gereist sein sollen. Sie beziehen sich auf ein Organigramm, das angeblich von der Regionalpolizei Mossos d’Esquadra stammt. Es zeigt die mutmasslichen Terroristen mit Namen sowie ihre jeweiligen Beziehungen zu den Attentaten in Barcelona und Cambrils. Bei den zwei Männern, die in die Schweiz gereist sein sollen, handelt es sich um die beiden Marokkaner Mohamed H. und Youssef A.

Der 24-jährige Mohamed H. war offenbar an der Anmiete der Tatfahrzeuge beteiligt. Gemäss bisherigen Angaben nutzte die Terrorzelle bei der Planung und Durchführung des Anschlags mindestens drei Lieferwagen. Der mutmassliche Terrorist wurde in der Nacht auf Freitag im Küstenort Cambrils, rund 100 Kilometer südwestlich von Barcelona, von der Polizei getötet.

Bereits 2015 erste Verbindung

Der andere Verdächtige heisst Youssef A. Er könnte am Mittwoch kurz vor Mitternacht bei einer Explosion in Alcanar, noch weiter südlich in Katalonien, ums Leben gekommen sein. Die Ermittler gehen davon aus, dass dort eine Bombenwerkstatt der Terrorzelle in die Luft ging. Diese habe in dem Haus mindestens 120 Gasflaschen für «einen oder mehrere Anschläge» in Barcelona gehortet, teilte die Polizei am Sonntag mit. Für den Tod von Youssef A., der möglicherweise am Bombenbau für den Anschlag beteiligt war, fehlen den Ermittlern aber die DNA-Beweise. Er könnte auch geflüchtet sein.

Wie berneroberlaender.ch/Newsnetz–Recherchen zeigen, hat die spanische Polizei bereits Ende 2015 eine Verbindung zwischen Terrorzellen in Barcelona und der Schweiz vermutet. Worin die Zusammenarbeit genau bestand und ob es sich bei der damaligen Barceloner Zelle um dieselbe Zelle handelte wie die jetzt aktiv gewordene Gruppe, ist nicht bekannt. Im aktuellen Fall spricht die katalanische Polizei von einer zwölfköpfigen Gruppe. Fünf der mutmasslichen Attentäter seien beim Anti-Terror-Einsatz in der Stadt Cambrils getötet worden. Vier wurden verhaftet, drei weitere identifiziert.

Bildstrecke: Terroranschläge in Barcelona und Cambrils

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Die vier festgenommenen Verdächtigen sollen voraussichtlich morgen dem zuständigen Ermittlungsrichter vorgeführt werden. Die Zeitung «El País» berichtete unter Berufung auf die Ermittler, man werde die Männer mit speziellen Polizeifahrzeugen von Barcelona aus zum nationalen Staatsgerichtshof in der Hauptstadt Madrid bringen. Alcanar, wo am Mittwoch die Bombe hochging, die mehrere Menschen tötete und verletzte, ist eigentlich nicht der Ort, an dem man eine Terrorzelle vermutet. Die Gemeinde mit nicht mal 10'000 Einwohnern liegt in der Provinz Tarragona, ihr Strand zieht Touristen an und Spanier mit Zweitwohnsitz.

Als Hotspots der Islamistenszene galten bisher eher die Einwandererviertel von Madrid und Barcelona. Besonders die teils vernachlässigte Altstadt der katalanischen Metropole sei seit Jahren als «zentraler Schauplatz der Jihadisten­szene in Spanien» bekannt, wie der Politikprofessor Fernando Reinares von der Juan-Carlos-Universität in Madrid schreibt. Das Gassengewirr, leer stehende Textilfabriken und fensterlose Quartiere, in denen Grossfamilien hausen, sind ideale Verstecke.

Mohamed H. (Zweiter oben links) und Youssef A. (Zweiter unten links) sollen in Zürich gewesen sein, schreibt die katalanische Regionalpolizei Mossos d’Esquadra. Bild: Twitter

Und durch seine geografische Lage ist Barcelona Durchgangsstation für die vielen perspektivlosen Nordafrikaner, die ihr Glück in Europa suchen und nur ein prekäres Leben finden. Vor sechs Wochen hat Reinares eine Studie veröffentlicht, in der er die Hintergründe aller 178 terrorverdächtigen Islamisten untersucht, die zwischen 2013 und 2016 in Spanien festgenommen wurden. Die Terrorgefahr in Spanien, so das Ergebnis, geht vor allem von jenen enttäuschten Migranten aus, die in ihren Heimatländern «Harraga» genannt werden – «die Verbrannten», weil sie ihre marokkanischen, tunesischen und algerischen Pässe vernichten, um Abschiebungen zu erschweren.

Die grösste Gruppe der Festgenommenen sind Marokkaner (43 Prozent), gut die Hälfte ohne Arbeit, ein Viertel wohnte zuletzt in der Grossregion Barcelona. Und die meisten kamen nicht mit dem Vorsatz zu töten nach Europa: Neun von zehn radikalisierten sich erst in Spanien, vor allem nach Beginn des Bürgerkrieges in Syrien 2011.

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