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Über diesen Weltrekord freut sich niemand

Mit reichlich Sarkasmus hat Belgien einen traurigen Weltrekord gefeiert. Seit 249 Tagen schon ringen die zerstrittenen Politiker aus Flandern und der Wallonie um die Bildung einer neue Regierung.

249 Tage ohne Regierung: Die belgischen Medien feiern ihren «Weltmeistertitel».
249 Tage ohne Regierung: Die belgischen Medien feiern ihren «Weltmeistertitel».

Die Regierungskrise in Belgien schlägt alle Rekorde. Heute übertrumpfte das Königreich den Irak, wo im Dezember nach 249 Tagen ohne Regierung eine Einigung zwischen Kurden, Schiiten und Sunniten gelang.

In Belgien, das sich seit der Wahl am 13. Juni ohne Regierung befindet, ist jedoch noch immer keine Lösung in Sicht. Tatsächlich steckt das Land mit elf Millionen Bürgern, das Sitz der Europäischen Union und der Nato ist, schon seit April 2010 in der Krise, als die Koalition unter Yves Leterme am Streit zwischen flämischen und französischsprachigen Belgiern zerbrach.

Freibier und Pommes umsonst

In Gent wollten sich am Abend 249 Menschen ausziehen. In Löwen gibt es Pommes umsonst, das belgische Nationalgericht. In der Studentenstadt Neu-Löwen ist Freibier versprochen. Kurz: Was für viele Länder eine Schmach wäre, wird in Belgien gefeiert.

«Natürlich ist es ein ernstes Problem, dass wir keine Zentralregierung haben», sagte Kris Peeters, Ministerpräsident des niederländisch sprechenden Flandern. «Auf der anderen Seite finde ich den Humor vieler Protestaktionen toll.»

«Wir sind das Land der Schlümpfe»

«Wir nehmen uns nie ernst. Wir sind das Land der Schlümpfe, von Tim und Struppi, von René Magritte und dem Surrealismus'», sagt der Brüsseler Politiker Luckas Vander Taelen. «Im Vergleich mit Frankreich oder Grossbritanniens lieben wir es, uns selbst auf den Arm zu nehmen.»

Wie viele andere nimmt der Abgeordnete des flämischen Parlaments die schier endlose Staatskrise gelassen. In jedem Land, in dem sich zwei Volksgruppen ein Territorium teilen, gibt es Spannungen«, sagte Vander Taelen. »Und in Belgien streiten sich Wallonen und Flamen seit 180 Jahren - ohne einen einzigen Todesfall. Das ist vielleicht langweilig, aber besser als ein Bürgerkrieg.»

«Ein glückliches Volk in einem glücklichen Land»

Grund für die lange Staatskrise ist der Kampf um eine neue Verfassung, die einer stärkeren Autonomie der Gliedstaaten Gestalt geben soll. Das reichere Flandern im Norden mit seinen sechs Millionen Einwohnern will so viel Selbstbestimmung wie möglich, und so wenig Geld wie möglich in die ärmere Wallonie (4,5 Millionen Einwohner) überweisen. Zudem wird erbittert um Einfluss in der Hauptstadt Brüssel gerungen.

Wegen der politischen Lähmung ist das hoch verschuldete Land zwar auch schon ins Visier der Finanzmärkte geraten. Doch ein Sorgenkind wie Griechenland oder Portugal droht Belgien so schnell nicht zu werden, dazu ist die Wirtschaft - trotz allem - zu stark.

«Im Grunde wissen wir, dass wir ein sehr glückliches Volk in einem sehr glücklichen Land sind«, sagte Vander Taelen auch mit Blick auf den Irak als bisherigen Rekordhalter ohne Regierung. »Klar haben wir politische Probleme«, so der Abgeordnete. »Aber wir haben auch schöne Häuser, eine fantastische Sozialversicherung und exzellente Schulen.»

SDA/bru

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