Wenn auf der Piazza plötzlich nicht mehr alle klatschen

Kippt die Stimmung in Italien? Matteo Salvini verliert zum ersten Mal etwas Gunst – und darob die Contenance. Seine Kritiker nennt er jetzt «Zecken» und «Kiffer».

Matteo Salvinis Nimbus der Unbesiegbarkeit ist weg. Foto: EPA

Matteo Salvinis Nimbus der Unbesiegbarkeit ist weg. Foto: EPA

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Matteo Salvini wirkt gereizt, manchmal sogar richtig entnervt. Die lächelnde Gelassenheit des Aufsteigers und Seriensiegers aus dem vergangenen Jahr: wie ausgeschaltet, fast über Nacht. Es läuft gerade einiges schief für den italienischen Innenminister, und dies just vor den Europawahlen, die seinen Triumph besiegeln sollen.

Alle italienischen Umfrage­institute signalisieren in ihren jüngsten Erhebungen einen deutlichen Knick seiner rechten Lega. Der Meinungsforscher des «Corriere della Sera» registriert gar einen Einbruch um sechs Prozentpunkte. Salvinis Partei wird die Wahlen wohl zwar mit etwa 30 Prozent der Stimmen gewinnen, plus/minus. Davon sind noch immer alle Demoskopen überzeugt, obschon mehr als ein Drittel der italienischen Wähler sich noch nicht festgelegt hat. Doch die Kurve, die zeigt erstmals nach unten. Auch Salvinis persönliche Gunst im Volk er­leidet eine kleine Trendwende.

In der Nervosität stilisierte er jetzt die Europawahlen hoch zu einem «Referendum zwischen Leben und Tod», um seine Wähler zu mobilisieren.

Der Nimbus ist weg

Es gibt mehrere Gründe für den Durchhänger. Zunächst einmal bezahlt er für die Korruptions­affäre, die seinen engen Vertrauten und Berater Armando Siri umweht. Dem Senator aus dem innersten Machtzirkel der Lega wird vorgeworfen, er habe gegen Schmiergeld Unternehmer begünstigt, die der sizilianischen Mafia nahestehen. Dafür kann Salvini wahrscheinlich nichts. Doch er stützte seinen Mann auch dann noch, als längst klar war, dass die Cinque Stelle, seine Regierungspartner, Siri aus dem Kabinett werfen würden. Wider alle Einwände Salvinis. Siri wurde entlassen, und Luigi Di Maio, der oft belächelte Chef der Cinque Stelle, kann nun behaupten, er habe die Regierung vor einem moralischen Schaden bewahrt. Politisch wichtiger noch: Salvinis Nimbus der Unbesiegbarkeit ist weg. Seitdem streiten die beiden nur noch, über alles, vor allem aber über die Migrationspolitik.

Am Wochenende sagte Salvini, er werde ein neues Sicherheitsdekret in den Ministerrat bringen, das seine Blockade­politik ausweiten werde: Zwölf Artikel, alles sei vorbereitet. Ein Paragraf handelt davon, dass in Zukunft internationale Hilfsorganisationen im Mittelmeer, die Migranten vor den Küsten Libyens aufnehmen und nach Italien bringen, mit Geldstrafen belegt würden: 3500 bis 5500 Euro für jeden Passagier. Italienischen NGOs droht Salvini zudem mit dem Entzug der Lizenzen.

Geldbussen für die Rettung von Menschen in Seenot? Di Maio spricht von einer Provokation, einer «ultrarechten» Agitation. Salvini wolle damit nur von seinen Misserfolgen bei der Repa­triierung von abgewiesenen Zuwanderern ablenken. Ausserdem, sagte Di Maio noch, fielen die italienischen Häfen in den Kompetenzbereich des Transportministers und nicht in jene des Innenministers. Premier Giuseppe Conte liess ausrichten, dieses Dekret werde es gar nicht erst in den Ministerrat schaffen, dafür werde er schon sorgen.

«Rotes Ungeziefer»

«Es ist, als würde man eine Ambulanz dafür büssen, dass sie Patienten ins Spital fährt – einfach absurd», sagte Claudia ­Lodesani, Präsidentin von Ärzten ohne Grenzen. Die Kriminalisierung der Helfer hat nun immer öfter tragische Folgen. Erneut sind vor den tunesischen Küsten mindestens 65 Menschen umgekommen, die in Libyen abgelegt hatten und in Not gerieten. Glück hatten 136 Flüchtlinge auf mehreren Booten, die am Wochenende von der italienischen Marine, der Küstenwache und der Mare Jonio, dem Schiff einer NGO, gerettet und nach ­Italien gebracht wurden. Es sieht nun so aus, als funktioniere ­Salvinis Abschottungs- und Ausweisungspolitik gar nicht so gut, wie er immer erzählt.

Im Norden Italiens, dem Stammgebiet der Lega, finden ohnehin viele, Salvini konzen­triere sich zu stark auf die Mi­grationsfrage. Es wäre ihnen lieber, er würde die Steuern senken und den reichen Regionen Lombardei, Veneto und Emilia Romagna mehr Autonomie beschaffen, wie er das versprochen hatte. Selbst in seiner Partei regt sich Unmut. Es gibt da bekannte Leute, die es vorziehen würden, wieder mit Silvio Berlusconi und dessen bürgerlicher Forza Italia zu regieren statt mit den Cinque Stelle. Wie einst.

Recht humorlos

Neu ist auch, dass Salvini nun bei öffentlichen Auftritten auf den Piazze des Landes, die er alle locker füllt, auch mit lauten, unliebsamen Chören konfrontiert wird. «Meno uno», skandieren sie, eine Stimme weniger. Früher hätte er seinen Kritikern «bacioni» zugeworfen, dicke Küsse,und sie «amici» geheissen. Jetzt nennt er sie «Zecken», «Kiffer», «rotes Ungeziefer».

Sprechchöre gegen Salvini in Turin (13. Mai). Video: Rep TV

Besonders stark irritieren ihn die, die sich als Fans ausgeben, in die Schlange stellen für ein Selfie und dann die Aktionen, die Salvini für seine Selbstdarstellung in den sozialen Medien braucht, mit kleinen Persiflagen sabotieren. Auf Sizilien küssten sich zwei Frauen im Momentdes Klicks, einmal versuchte ein junger Mann, ihn auf die Wange zu küssen. Salvini fand das nicht so lustig, er flirtet nun mal gerne mit homophoben Kreisen.

Ironie ist nicht so sein Ding, zumal wenn sie seine politischen Widersprüche entlarvt. In Salerno bei Neapel stellte sich eine Frau neben ihn und sagte: «Und, sind wir Süditaliener jetzt keine beschissenen Erdfresser mehr?» Salvini mochte nicht an seinen alten Slogan über den Mezzogiorno erinnert werden. Er forderte die Frau auf, das Video zu löschen. Die Szene ging schnell viral. Und so steht nun ausgerechnet ein Selfie für die erste Entzauberung des «Capitano».

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