Wer rettet die CDU?

Die Sehnsucht nach einem wie Friedrich Merz, einem Wirtschaftsliberalem, oder Jens Spahn, einem jungen Neo-Konservativen ist gross.

CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer (r.) gilt als mögliche Nachfolgerin von Angela Merkel als Parteichefin. Foto: Getty Images

CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer (r.) gilt als mögliche Nachfolgerin von Angela Merkel als Parteichefin. Foto: Getty Images

Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

Fragt man die Konservativen, fällt die Analyse ganz leicht: Angela Merkel hat die Christ­demokratie nach links geführt und dabei ideologisch entkernt. Kehrt die CDU zu ihrem traditionellen Konservatismus zurück, wird sie der Alternative für Deutschland (AfD) zu ihrer Rechten die Luft nehmen und zu alter Grösse zurückkehren.

Entsprechend gross ist in diesen Kreisen jetzt, da die ­alte Matriarchin die Spitze der Partei endlich freigibt, die Sehnsucht nach einem wie Friedrich Merz, einem Wirtschaftsliberalen von altem Schrot und Korn, oder Jens Spahn, einem jungen Neo­konservativen modernen Zuschnitts.

Das Problem der beliebten Ansicht ist, dass sie strategisch in die Irre führt. Die politische Entwicklung seit der Bundestagswahl hat ja gerade gezeigt, dass die CDU längst nicht mehr nur von der AfD bedrängt wird, von rechts also, sondern zunehmend auch von den ­erneuerten Grünen in der Mitte. Während die CDU von fast 40 auf 25  Prozent schrumpfte, wuchsen die Grünen von unter 10 auf über 20 Prozent und überholten sowohl SPD wie AfD. Jeder Schwenk nach rechts oder links wird in einer solchen Lage Verluste auf der anderen Seite provozieren.

Rechtsrutsch würde eher schaden als nützen

Das deutsche Parteiensystem verwandelt sich gerade in rasendem Tempo. Die historischen Volksparteien CDU und SPD schrumpfen. Nicht nur weil die Menschen von deren aktueller Regierung enttäuscht sind, sondern auch weil sich deren Stammwählerschaft zunehmend auflöst. Dank Merkels lange Zeit aussergewöhnlicher Beliebtheit vermochte die CDU diese Entwicklung länger zu kompensieren als die SPD. Nun aber, da ihre Ausstrahlung verblasst, greift auch bei den Christdemokraten jene Orientierungslosigkeit und Existenzangst um sich, die die Genossen längst befallen hat.

Natürlich wäre ein kernig konservativer CDU-Vorsitzender namens Spahn oder Merz für die AfD ein unbequemerer politischer Gegner als Merkel, die der Partei unfreiwilligerweise nicht nur ihren Namen, sondern als «Flüchtlings­kanzlerin» einen erheblichen Teil ihrer rebellischen Energie geliehen hat. Allerdings hat nur jeder sechste AfD-Anhänger früher die CDU gewählt. Die Vorstellung, ein kräftiger Rechtsrutsch könnte die populistische Konkurrenz erledigen, erscheint deswegen naiv. Erfahrungen der bayerischen CSU und der sächsischen CDU haben zuletzt den Schluss nahegelegt, dass solche Manöver eher schaden als nützen.

Christlich-sozial, liberal und konservativ

Merkels Verdienst als Parteichefin war es, dass sie die CDU in den letzten beiden Jahrzehnten politisch und kulturell dem Zeitgeist angepasst und modernisiert hat. Sie erschloss ihr dadurch in der Mitte neue Wählerschichten, die sich selber meist nicht als konservativ, sondern als pragmatisch verstehen. Folgt man Merkels Kritikern, dann ist ihr betont sachlicher und unideologischer Stil aber spätestens seit der Flüchtlingskrise an seine Grenze gestossen. In dem Masse wie sich die gesellschaftliche Debatte polarisiert habe, herrsche nun eine neue Sehnsucht nach Re-Ideologisierung, nach «Alternativen», nach «Kante» und klarem Profil. Die Beobachtung trifft wohl zu. Aber würde eine betont konservativere CDU am rechten Rand wirklich jene Stimmen gewinnen, die sie in der Mitte verliert – da, wo sich nach eigenem Bekunden mindestens drei von fünf deutschen Wählern zu Hause fühlen?

Schon Konrad Adenauer, einer der Gründer der CDU, beharrte darauf, dass diese keine rein ­konservative Partei sei. Sie habe vielmehr drei Wurzeln: die christlich-soziale, die liberale und die konservative. Wer auch immer die Partei nach Merkel in die Zukunft führt, wird gut daran tun, alle drei Wurzeln zu hegen. Nur wer die drei Ausrichtungen glaubwürdig verbinden und in eine Balance bringen kann, bewahrt die Breite, die die CDU benötigt, wenn sie auch in Zukunft noch Volkspartei sein will.

Die Grünen machen es vor

Die «Zeit» hat einmal treffend geschrieben, Merkels Nachfolger komme die Aufgabe zu, einen zeitgenössischen sozialen Konservatismus zu entwickeln, der den Ängstlichen im Lande ein nicht-reaktionäres Angebot mache. Ein solches würde sich wohl eher an die Mitte richten als an den rechten Rand. Unter den bisherigen Kandidaten für Merkels Nachfolge würden Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer oder der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet eine solche Ausrichtung eher verkörpern als die Konservativen Spahn und Merz.

Aber auch ein erneuerter Mitte-Kurs müsste erheblich vitaler daherkommen als das schlaffe «Weiter so» der späten Merkel. Dafür ist programmatische Fantasie vonnöten, Charisma würde auch nicht schaden. Vor allem aber bräuchte es mehr Leidenschaft. Die wiederum bringen eher Spahn und Merz mit als die wohltemperierten Kramp-Karrenbauer und ­Laschet.

Die Grünen machen gerade vor, wie man mit frischem Personal, einer lebendigeren Sprache und dem Abwerfen ideologischen Ballasts Zuversicht verströmen und sich als «neue Kraft» bei Mitte-Wählern beliebt machen kann. Eine solche Erneuerung steht der CDU noch bevor. Im Zweifelsfall wird dabei Leidenschaft und der Wille zu Mitte und Mass wichtiger sein als die «richtige», das heisst, konservative Gesinnung.

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