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«Wir Europäer machen heute das, was die Schweiz vorgemacht hat»

Joschka Fischer erklärt in einem Interview zur Euro-Krise, warum er im März die Nerven verloren hat und wieso ihm Peter Spuhler aufgefallen ist. Über seine eigene Zukunft sagt er: «Meine Zeit ist vorbei.»

«Die Schweiz leistet mit dem Gotthard-Basistunnel grosse Beiträge»: Joschka Fischer.
«Die Schweiz leistet mit dem Gotthard-Basistunnel grosse Beiträge»: Joschka Fischer.
Keystone

«Wir (die Europäer, Anm. der Redaktion) befinden uns in einer Situation wie die Schweiz vor ihrer neuzeitlichen Gründung. Im Sonderbundskrieg 1847 ging es um die Frage: Bleibt die Schweiz ein Staatenbund, oder wird sie zum Bundesstaat?» So erklärt der frühere deutsche Aussenminister Deutschlands, Joschka Fischer (63), in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung» die derzeitige Ausgangslage in Europa. Und die Antwort liefert Fischer auch gleich selbst: Europa mache «entweder einen Schritt zurück in die Renationalisierung» oder «einen ganz entscheidenden Schritt vorwärts zur Zentralisierung».

Der Vollblutpolitiker nennt ausdrücklich das Schweizer Modell als Vorlage für Europa: «Wir Europäer machen heute eigentlich das, was die Schweiz uns schon viel früher vorgemacht hat.» Die verschiedensprachigen Landesteile hätten ihre Identität behalten, der Röstigraben sei «faszinierend und lehrreich».

Über Spuhler und Ackermann

Fischer scheint sich auch in der Schweizer Politik bestens auszukennen, wenn er sagt, selbst SVP-Unternehmer wie Peter Spuhler würden die wirtschaftliche Integration der Schweiz innerhalb Europas anerkennen. Sowieso sieht Fischer das Verhältnis zwischen der EU und der Schweiz – auch bezüglich der bilateralen Verträge – entspannt: «Die Schweiz leistet mit dem Gotthard-Basistunnel grosse Beiträge. Das Schweizer Volk hat Schengen angenommen. Schweizer Soldaten leisten im Kosovo ihren Beitrag. Die Zusammenarbeit funktioniert auf vielseitige Art und Weise.»

Ganz kritiklos geht es dann doch nicht. Die «fremdenfeindlichen Parolen» der SVP findet er «schlimm». Und hierbei blickt er auch auf den Austausch von Spitzenmanagern: «Auch wenn Josef Ackermann oft hart kritisiert wird für seine Äusserungen – es ist nie, niemals bei uns ein Thema gewesen, dass er Schweizer ist.» Die Familie Blocher sei doch dereinst aus Deutschland eingewandert, verweist Fischer auf die fremdländische Herkunft des SVP-Übervaters.

Die «Vorteile» des Schweizer Finanzplatzes

An die Adresse des Schweizer Bankings sagt Fischer: «Wer glaubt, man könne sich mit den USA anlegen, muss um die Bedeutung der USA für die Schweizer Grossbanken wissen. Das war offensichtlich eine Verkennung der Realität.» Trotz Ende des Bankgeheimnisses müsse sich der Schweizer Finanzplatz aber keine Sorgen machen: «Er hat auch sonst seine Vorteile.»

Eine Rückkehr in ein wichtiges politisches Amt scheint für Fischer aber keine Option mehr: «Ich bin draussen (…) meine Zeit ist vorbei. Jetzt sind andere dran.» Wechselweise war das Animal politique als EU-Aussenminister, Grünen-Kanzlerkandidat oder UNO-Nahostvermittler gehandelt worden. Lust mitzureden, hat er immer noch. Als Deutschland im Frühling einer Beteiligung an der Libyen-Mission der Nato ein Absage erteilte, sei er «richtig ausgerastet». «Ich habe einen Tobsuchtsanfall bekommen.»

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