Botschaft an die Amerikaner im Irak

US-Präsident Donald Trump macht Teheran für die Eskalation in Bagdad verantwortlich. Tatsächlich haben schiitische Milizen im Irak enge Verbindungen zum Nachbarland.

Kämpfer einer der vielen paramilitärischen Gruppierungen, die ursprünglich eng mit dem Iran verbunden waren. Foto: Reuters

Kämpfer einer der vielen paramilitärischen Gruppierungen, die ursprünglich eng mit dem Iran verbunden waren. Foto: Reuters

Paul-Anton Krüger@pkr77

Sie haben, teils unterstützt von den USA, im Irak gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gekämpft. Und sie haben Mörsergranaten auf die US-Botschaft in Bagdad gefeuert. Die Rede ist von schiitischen Milizen, die bei den Spannungen zwischen dem Iran und den USA eine zentrale Rolle spielen. Es ist wahrscheinlich, dass wiederum eine dieser Gruppen verantwortlich ist dafür, dass am Sonntagabend eine Katjuscha-Rakete in der Grünen Zone in Bagdad einschlug, nur etwa 1,5 Kilometer von der US-Botschaft entfernt.

Im Verhalten solcher Milizen sieht die US-Regierung eine Bedrohung für die US-Truppen im Irak und die diplomatischen Vertretungen dort, das machte Präsident Donald Trump in einem brachialen Tweet nochmals klar – und ebenso, dass er den Iran dafür verantwortlich macht. «Wenn der Iran kämpfen will, dann wird dies das offizielle Ende des Iran sein. Bedrohen Sie nie wieder die Vereinigten Staaten!», schrieb Trump. Vergangene Woche hatte das Pentagon die Alarmstufe für die 5200 in Irak stationierten Soldaten erhöht, Aussenminister Mike Pompeo liess Botschafts- und Konsularpersonal abziehen.

Khamenei unterstellt

Offiziell unterstehen etwa 40 verschiedene Milizen der Volksmobilisierungseinheiten dem irakischen Premier Adil Abd al-Mahdi. Aber es gibt grosse Unterschiede zwischen den Verbänden mit insgesamt etwa 125'000 aktiven Kämpfern. Darunter sind auch sunnitische und christliche Gruppen; viele nehmen nur lokale Polizeiaufgaben wahr und halten sich an die Anweisungen aus Bagdad.

Andere sind in kriminelle Machenschaften verstrickt, werden wegen Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen beschuldigt. Vor allem aber hören manche dieser Milizen, darunter einige der kampfstärksten, auf die Befehle von General Qassem Soleimani, dem ebenso legendären wie berüchtigten Kommandeur der Quds-Brigaden der Revolutionsgarden, die für Auslandeinsätze zuständig sind. Sie unterstehen dem Obersten Führer des Irans, Ayatollah Ali Khamenei, nicht der Regierung von Präsident Hassan Rohani.

Die Volksmobilisierungseinheiten waren im Juni 2014 nach einem Aufruf des wichtigsten schiitischen Geistlichen im Irak, Grossayatollah Ali al-Sistani, aufgestellt worden, um den Vormarsch des IS zu stoppen. Die ­Jihadisten standen damals 30 Kilometer vor Bagdad.

Der Kontrolle entzogen

Allerdings gab es zuvor schon schiitische Milizen mit engen Verbindungen zum Iran. Die älteste und mächtigste von ihnen, die Badr-Organisation, war 1983 im Iran als bewaffneter Arm einer islamistischen irakischen Schiiten-Partei gegründet worden, die im ersten Golfkrieg gegen den sunnitischen Diktator Saddam Hussein aufseiten des iranischen Regimes kämpfte. Andere Iran-treue Gruppen begannen nach dem Sturz Saddams 2003 durch die USA Anschläge gegen deren Truppen im Irak zu verüben.

Etwa ein halbes Dutzend der eng mit dem Iran verbundenen Gruppen wie die Badr-Organisation, Asa’ib Ahl al-Haq, Kataib Hizbollah oder Harakat Hizbollah al-Nujaba haben sich schon während des Kampfes gegen den IS weitgehend der Kontrolle Bagdads entzogen. Manche Offensive ordnete General Soleimani entgegen Absprachen des irakischen Militärs mit den USA an. Später kämpften irakische Milizionäre unter dem Kommando der Revolutionsgarden oder der Hizbollah auf der Seite des Assad-Regimes im Bürgerkrieg in Syrien.

Manche Gruppen haben den USA offen gedroht, Washington hat manche von ihnen als terroristisch eingestuft und jüngst auch die iranischen Revolutionsgarden. So haben sich die Spannungen hochgeschaukelt. Die irakische Regierung bemüht sich, eine Eskalation zu ver­hindern. «In den vergangenen Tagen hat es kontinuierlich Treffen mit allen Gruppen gegeben, um die Botschaft der Regierung deutlich zu machen», sagte jüngst Said al-Jayashi, ein Be­rater des Premiers und Mitglied im Nationalen Sicherheitsrat: «Wenn irgendeine Gruppe etwas macht, dann ist es ihre Verantwortung, und nicht die des Irak.» Die ­Regierung sei verpflichtet, die US-Interessen im Irak zu schützen, und werde «zum Feind eines jeden», der diese Interessen gefährde.

In der Regierung vertreten

Zugleich sind Vertreter der Milizen im Parlament und teils auch in der Regierung präsent. Badr-Chef Hadi al-Ameri etwa wurde 2018 mit seiner Fatah-Allianz mit 48 von 329 Sitzen zweitstärkste Kraft bei den Wahlen. Der Machtkampf zwischen pro-iranischen Gruppen und ihren Gegnern ist der zentrale Grund dafür, dass die wichtigen Posten des Verteidigungs- als auch des Innenministers vakant sind. Ameri appellierte am Montag an die nationale und religiöse Verantwortung. Sie verlange, den Irak vom «Geist des Krieges» fernzuhalten. Wenn ein Krieg ausbreche, werde dieser alle verbrennen, warnte er.

Das US-Militär beobachtet die Milizen genau und hat offenbar auch Pläne für Vergeltungsschläge gegen Gruppen im Irak, sollten sie US-Soldaten oder Einrichtungen dort direkt angreifen. Zugleich könnte mit dem Tod von amerikanischen Diplomaten oder Soldaten die rote Linie überschritten werden, was US-Militärschläge gegen den Iran auslösen könnte.

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