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«Boxershorts halfen uns, den Krieg zu gewinnen»

Sie verbündeten sich und planten Offensiven: Ohne amerikanische Gefängnisse im Irak wäre die Terrormiliz IS heute nicht so stark. Ein Jihadist und Ex-Häftling von Camp Bucca erzählt.

Eine Fabrik, die IS-Kämpfer schuf: Gefangene beten in Camp Bucca. (März 2009)
Eine Fabrik, die IS-Kämpfer schuf: Gefangene beten in Camp Bucca. (März 2009)
Keystone
Hier trafen sich Jihadisten und knöpften neue Bündnisse: Zwei Insassen von Camp Bucca.
Hier trafen sich Jihadisten und knöpften neue Bündnisse: Zwei Insassen von Camp Bucca.
Keystone
Selbst US-Offizieren war irgendwann bewusst, dass Camp Bucca den Jihadisten beim Organisieren half.
Selbst US-Offizieren war irgendwann bewusst, dass Camp Bucca den Jihadisten beim Organisieren half.
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Weniger als ein Jahr brauchte Abu Bakr al-Baghdadi, um zu einem der gefürchtetsten Terroristen der Gegenwart zu werden. Anfang 2014 hatte seine Terrormiliz Islamischer Staat ein Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht, das vom Westen des Irak bis in den Norden Syriens an die türkische Grenze reicht. Seither machen immer neue Meldungen über Offensiven und Gräueltaten des IS die Runden.

Zwar existiert der Islamische Staat bereits seit 2006. Doch die Wurzel seiner erstarkten Version mit al-Baghdadi als mächtigem Anführer findet sich laut «Guardian» in einem US-Gefängnis im Irak: Camp Bucca.

Camp Bucca, nahe der Stadt Umm Qasr am Persischen Golf gelegen, war eines von mehreren amerikanischen Gefängnissen im Irak. Ab 2003 inhaftieren die US-Armee dort Kämpfer und Führungspersonen des irakischen Widerstandes. Das Camp zählte bis zu 20'000 Gefangene, die in 24 Unterlagern untergebracht waren.

Wie sich al-Baghdadi zu Privilegien verhalf

Einer der Bucca-Insassen war Abu Ahmed, ein Mitglied des IS. Nach langer Überzeugungsarbeit erklärte sich Ahmed bereit, «Guardian»-Autor Martin Chulov über seine Zeit im Gefängnis zu erzählen.

Ahmed kam 2004 als junger Jihadist ins Camp Bucca. Zeitgleich sass auch Abu Bakr al-Baghdadi ein. Gegenüber Chulov schildert Ahmed, wie al-Baghdadi im Gefängnis begann, auf subtile Weise seinen Einfluss unter anderen Jihadisten auszuweiten. «Er war eine ruhige Person. Und er war charismatisch.» Mitinsassen hätten al-Baghdadi zunächst als unnahbar und undurchsichtig wahrgenommen; der Gefängnisleitung fiel er positiv auf – sie sah in al-Baghdadi einen Schlichter. «Al-Baghdadi war einer, der das Camp ruhig halten konnte.»

Von da an war al-Baghdadi vor Ort, wo immer es Probleme gab. Er verschaffte sich den Respekt der US-Armee; die wiederum gewährte ihm Privilegien, die andere Insassen nicht hatten. So durfte er etwa Häftlinge in anderen Unterlagern besuchen, wie Ahmed erzählt. Über kurz oder lang war al-Baghdadis Plan aufgegangen: Er war zum gut vernetzten Zentrum von Camp Bucca geworden.

Telefonnummern in den Boxershorts

Im Dezember 2004 entschieden die USA, al-Baghdadi stelle kein Risiko mehr dar. Er wurde entlassen. Abu Ahmed sass noch ein halbes Jahr länger in Haft. Doch das Vernetzen unter den Jihadisten ging weiter. Das Gefängnis war laut Ahmed der perfekte Ort, um gemeinsam zu planen: «In Bagdad hätten wir uns nie so versammeln können, das wäre viel zu gefährlich gewesen. Im Gefängnis waren wir sicher. Wir hatten Zeit und die Führungsriege von al-Qaida war erst noch im selben Camp.»

Nach ihrer Entlassung wollten sich die Jihadisten wieder treffen und koordiniert in den Kampf gegen die USA und die Schiiten ziehen. Telefonnummern und Wohnorte schrieben sie sich gegenseitig auf die weissen Elastikbänder ihrer Boxershorts.

Zurück in der Freiheit trennte Ahmend als Erstes den Elastik seiner Boxershorts auf und nahm den Kontakt zu den anderen Jihadisten aus Camp Bucca auf. Weitere vier Jahre später war Ahmed zusammen mit Abu Bakr al-Baghdadi Teil des neuen erstarkten IS.

«Bucca war unsere Fabrik»

Die irakische Regierung geht davon aus, das 17 der 25 wichtigsten Chefs des Islamischen Staates zwischen 2004 und 2011 in US-Gefängnissen im Irak sassen. Selbst ranghohe amerikanische Offiziere anerkannten irgendwann, dass ihre Gefängnisse eine zentrale Rolle bei der Radikalisierung von jungen Männern und dem Organisieren von Gruppierungen wie dem IS spielten.

Auch Abu Ahmed ist überzeugt: Ohne amerikanische Gefängnisse im Irak gäbe es heute keinen dominanten IS. «Bucca war unsere Fabrik – sie kreierte uns alle und baute unsere Ideologie auf. Und Boxershorts halfen uns, den Krieg zu gewinnen.» Dennoch, am IS zweifelt Ahmed mittlerweile, wie er dem «Guardian» verrät. Die Brutalität der Organisation widerspreche immer mehr seiner Einstellung. Nur aussteigen, das sei zu gefährlich.

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