Brandanschlag auf Schweizer Hilfswerk in Syrien

Die Kindertagesstätte der Organisation Noah in der syrischen Provinz Idlib ist komplett ausgebrannt. Für viele Hilfswerke ist die Region zu gefährlich.

Komplett ausgebrannt: Die Kindertagesstätte des Hilfswerks Noah wurde Opfer eines Brandanschlags. Foto: Sara Sutter

Komplett ausgebrannt: Die Kindertagesstätte des Hilfswerks Noah wurde Opfer eines Brandanschlags. Foto: Sara Sutter

Kurt Pelda@KurtPelda

Eigentlich bedeutet das Abkommen zwischen Russland und der Türkei über die Einrichtung einer Pufferzone eine Atempause für die geplagte Zivilbevölkerung in Syriens unruhigem Nordwesten. In der Provinz Idlib und angrenzenden Gebieten, die immer noch mehrheitlich von islamistischen Aufständischen und Jihadisten kontrolliert werden, leben laut Schätzungen der huma­nitären Genfer Denkfabrik Reach etwa 3,3 Millionen Menschen, unter ihnen 1,3 Millionen Vertriebene. Viele davon gehören zu den mehr als 11 Millionen Syrern, die in ihrem Heimatland auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind. Das entspricht einem Anteil von über 60 Prozent der Bevölkerung, mehr als in den schlimmsten afrikanischen Kriegsgebieten.

Aus den vom Assad-Regime kontrollierten Landesteilen kommt praktisch keine Hilfe nach Idlib, obwohl viele der grossen westlichen Nichtregierungsorganisationen in Damaskus akkreditiert sind. Nahrungs­mittel und andere Hilfsgüter ­gelangen vor allem über Bab al-Hawa, das Tor des Windes, ins Land. Es ist der einzige geöffnete Grenzübergang zwischen der Türkei und Idlib. Den Rest der Grenze hat Ankara mit einer Mauer abgeschirmt, um ein weiteres Überschwappen des Flüchtlingsstroms zu verhindern. Die Türkei hat bereits rund 3,5 Millionen Syrer aufgenommen, so viele wie kein anderes Land.

Die Hälfte sind Flüchtlinge

Auch das kleine Kinderhilfswerk Noah im Baselbieter Pratteln bringt seine Hilfsgüter über diesen Grenzübergang nach Syrien. Zielort ist das Städtchen Kafr Takharim, nur wenige Kilometer von der türkischen Grenzmauer entfernt und weit ausserhalb der zwischen Moskau und Ankara vereinbarten Pufferzone. Die Ortschaft hat etwa 55'000 Einwohner, von denen 25'000 aus anderen Landesteilen vertrieben wurden, wie Sara Sutter, die Präsidentin des Kinderhilfswerks Noah, erklärt. Erst im letzten November hat der Verein aus Pratteln in Kafr Takharim eine Kindertagesstätte eingerichtet, wo unter vielem anderen auch psychologische Hilfe für traumatisierte Mädchen und Buben angeboten wird. Wie grosse Nichtregierungsorganisationen in anderen gefährlichen Krisengebieten – darunter Somalia und der Jemen – arbeitet der kleine Verein Noah in Kafr Takharim ausschliesslich mit einheimischem Personal. Deren aus der Schweiz bezahlte Löhne stellen einen wichtigen Wirtschaftsfaktor in einer Gegend dar, wo es ausser in der Landwirtschaft kaum Arbeit gibt.

Auch das Spielzeug ist verbrannt: Das Hilfswerk Noah sammelt spenden für ein neues Zentrum. Foto: Sara Sutter

Vor einer Woche sei die am Nordrand des Städtchens ziemlich abgelegene Kindertagesstätte Ziel eines nächtlichen Brandanschlags geworden, erzählt Sara Sutter weiter. Unbekannte hätten ein vergittertes Fenster aufgeschnitten und einen Brandsatz ins Innere geworfen. Das Haus brannte dabei vollständig aus, obwohl sogenannte Weisshelme, eine zivile Rettungsorganisation in den Rebellengebieten, das Feuer am Ende löschen konnten. Wer die Urheber waren, ist unklar. Es könnte sich um einen Racheakt nach einem lokalen Streit gehandelt haben oder aber um einen Anschlag von radikalen Islamisten, die sich durch die Präsenz eines westlichen, nicht muslimischen Hilfswerks herausgefordert fühlen.


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Sara Sutter weiss um die Risiken der Hilfe im Kriegsgebiet Idlib. Bewusst habe sich der Verein Noah eine Ortschaft ausgesucht, wo die in der Region Idlib sonst stark vertretenen Terroristen von Hayat Tahrir al-Sham (HTS) nicht anwesend seien. Hervorgegangen ist HTS aus der Nusra-Front, dem syrischen Zweig von al-Qaida. Kafr Takharim wird hingegen von der sogenannten Sham-Legion kontrolliert, die wiederum Teil der von der Türkei unterstützten Nationalen Befreiungsfront ist. Aus der Sicht von Damaskus und Moskau handelt es sich bei all diesen bewaffneten Gruppen um Terroristen.

Hilfe aus dem Ausland

Druck aus Damaskus und die Anwesenheit islamistischer Bewaffneter sind die Hauptgründe, warum die grossen und bekannten Hilfswerke in der Region Idlib kaum aktiv sind. Aus der Schweiz gibt es neben dem Baselbieter Kinderhilfswerk noch die Berner SyriAid, die vor allem in den ­kurdischen Siedlungsgebieten Nordsyriens hilft, in Idlib aber den Wiederaufbau einer durch Luftangriffe zerstörten Schule mitfinanziert. Für das Kinderhilfswerk Noah ist der Brandanschlag nicht der erste Rückschlag, seit es im Jahr 2014 seine Hilfsaktionen in Idlib aufgenommen hat. 2017 wurde das Lager der Organisation zerstört, als ein Flugzeug eine Bombe auf das Spital von Kafr Takharim abwarf. Bei einem anderen Luftangriff war zuvor das Büro von Noah verwüstet worden.

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Dass die Vertriebenen in Idlib noch zu essen erhalten, hat auch mit den Hilfslieferungen des World Food Programme der UNO aus der benachbarten Türkei zu tun. Allein im Juli wurden so knapp 550'000 Menschen in Idlib und den angrenzenden Gebieten ernährt. Viele Vertriebene besorgen sich daneben auch Essen, indem sie ihr Hab und Gut verkaufen. Manche erhalten Überweisungen von Verwandten in Europa. Auch syrische Flüchtlinge in der Schweiz unterstützen ihre Familien in Idlib mit Überweisungen in die Türkei. Von dort gelangt das Geld über das traditionelle Hawala-Transfersystem nach Syrien.


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