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Das iranische Regime hofft auf Gott

Experten gehen von Tausenden Infizierten aus – die Zahl der Todesopfer ist hoch. Klerus und Politiker versuchen das wahre Ausmass der Pandemie zu verschweigen und raten zum Gebet.

Angst vor dem Coronavirus: Zwei Frauen in Teheran schützen sich mit Schutzmasken. Foto: Reuters
Angst vor dem Coronavirus: Zwei Frauen in Teheran schützen sich mit Schutzmasken. Foto: Reuters

Der oberste Führer gab sich Mühe, sein Volk zu beruhigen: «Das Ausmass des Unglücks ist unserer Meinung nach nicht so gross», sagte Ali Khamenei, als er Anfang Woche anlässlich des iranischen «Tags der Rohstoffe» symbolisch einen Baum pflanzte. Im Umgang mit dem Coronavirus rate er, auf höhere Mächte zu vertrauen. «Gebete können viele Probleme lösen», sagte er.

Dass dem Oberhaupt der Islamischen Republik das Zwiegespräch mit Gott als Schutzmassnahme jedoch selbst nicht ausreicht, zeigten die Hände Khameneis. Den Spaten, mit dem er Erde auf die Baumwurzel schob, hielt er mit durchsichtigen Handschuhen, die auch in OP-Sälen und Arztpraxen verwendet werden.

Als 80-Jähriger mit einer Gerüchten zufolge stark angeschlagenen Gesundheit zählt Khamenei zur Risikogruppe. Zudem verbreitet sich das Virus in seinem Umfeld rasant: 23 der 290 Abgeordneten im Iran sind positiv getestet worden, ausserdem der Vizepräsident Eshag ­Jahangiri, die Vizepräsidentin Masoumeh Ebtekar und der stellvertretende Gesundheitsminister Iraj Harirchi. Der 71 Jahre alte Mohammad Mirmohammadi, ein enger Berater Khameneis, ist dem Virus erlegen.

Erschreckend hohe Zahlen

Dass sich der Iran zu einem der am stärksten vom Coronavirus betroffenen Länder entwickelt hat, kann die Führung in Teheran nicht länger bestreiten. China ist der wichtigste Handelspartner des sanktionsgeplagten Staates, der Kontakt in das Ursprungsgebiet des Erregers hat die Verbreitung befördert. Mittlerweile habe das Virus fast alle Provinzen des Landes erreicht, sagte Staatspräsident Hassan Rohani. Die neuesten Zahlen sind erschreckend: 3513 Infektionsfälle sind nun bestätigt, über tausend mehr als noch zwei Tage zuvor. Die Zahl der Todesopfer ist auf 107 gestiegen, sie liegt nur in China höher – und gibt Wissenschaftlern Anlass zu grösserer Sorge.

Abgeordnete berichteten, Ärzte seien dazu angehalten worden, auf Totenscheinen von Corona-Opfern falsche Angaben zu machen.

Im Vergleich zur offiziellen Zahl der Infizierten ist die Menge der Verstorbenen überdurchschnittlich hoch – was darauf hindeuten könnte, dass die Erkrankungen im Land schwerer verlaufen oder schlechter behandelt werden als anderswo. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die hohe Opferzahl darauf hinweist, dass die Regierung das volle Ausmass der Pandemie wegen mangelnder Tests nicht kennt oder gezielt verschweigt: Von mindestens 4000 Fällen gingen Mediziner bereits Anfang der Woche aus, eine kanadische Studie errechnete nun sogar 18'000 oder noch mehr mögliche Infizierte.

Regierungssprecher Ali Rabei räumt ein, dass die kommende Zeit schwierig werden dürfte: «Wir haben zwei harte Wochen vor uns», sagte er. Vor 14 Tagen klang das noch anders. Da feierte die Islamische Republik ihr Krisenmanagement als «globales Vorbild» und verkündete den Export von Schutzmasken nach China. Nun aber sind auch im Iran Schulen und Universitäten geschlossen, auf Plakatwänden wird das richtige Schnäuzen und Händewaschen erläutert.

Gefangene freigelassen

Um weitere Ansteckungen zu verhindern, schickt die Regierung eine Menschengruppe präventiv nach Hause, die nur äusserst selten freibekommt: 54'000 zu kleineren Strafen verurteilte Häftlinge sollen die Gefängnisse vorübergehend verlassen dürfen, in denen sich das Virus rasant ausbreitete. 300'000 Soldaten und Freiwillige sollen mit Desinfektionsmitteln von Haus zu Haus gehen.

Doch die Zweifel wachsen, dass das wirklich ausreicht. Das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat ist spätestens seit den Lügen nach dem Abschuss der ukrainischen Passagiermaschine erschüttert. Gelernt hat das Regime daraus anscheinend wenig: Immer noch versuche Teheran eher, Informationen zum wahren Ausmass der Pandemie einzudämmen, als das Virus selbst, sagten Krankenhausmitarbeiter westlichen Medien. Einige Abgeordnete trauen sich jedoch, die veröffentlichten Zahlen als viel zu niedrig zu bezeichnen, und berichteten, Ärzte seien dazu angehalten worden, auf Totenscheinen von Corona-Opfern falsche Angaben zu machen.

Trotz allem beweisen Khamenei und sein Klerus Gottvertrauen: Die heiligen Schreine in den Städten Qom und Mashhad, wo die Infektionsraten besonders hoch sind, bleiben geöffnet. Sie werden weiter jeden Tag von Tausenden Pilgern berührt – und auch immer noch geküsst.

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