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«Das ist mehr als eine Katastrophe»

Nach dem Anschlag in Sousse verlassen Tausende von Feriengästen Tunesien. Der afrikanische Staat bangt um die Zukunft des Tourismus.

Schnelle Abreise: Britische Touristen verlassen Tunesien nach dem Attentat in Sousse. (27. Juni 2015)
Schnelle Abreise: Britische Touristen verlassen Tunesien nach dem Attentat in Sousse. (27. Juni 2015)
Keystone
Auch Feriengäste aus anderen Länder wollen überstürzt nach Hause reisen. 38 Menschen kamen bei den tödlichen Schüssen des Attentäters ums Leben. (27. Juni 2015)
Auch Feriengäste aus anderen Länder wollen überstürzt nach Hause reisen. 38 Menschen kamen bei den tödlichen Schüssen des Attentäters ums Leben. (27. Juni 2015)
Keystone
Männer legen Blumen an den Tatort, bei dem noch Blutspuren zu sehen sind. (27. Juni 2015)
Männer legen Blumen an den Tatort, bei dem noch Blutspuren zu sehen sind. (27. Juni 2015)
AFP
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Die britischen Reiseanbieter Thomson und First Choice flogen heute nach dem blutigen Anschlag in Sousse, der gestern 38 Menschen das Leben gekostet hatte, mit zehn Flugzeugen rund 2500 Feriengäste heim. Auch der deutsche Reiseanbieter TUI brachte 80 Urlauber nach Hause.

Zu dem Anschlag bekannte sich die sunnitische Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Ein «Soldat des Kalifats» habe den «abscheulichen Hort der Prostitution, des Lasters und des Unglaubens» angegriffen, hiess es. Bei den von ihm getöteten Menschen handle es sich «zum Grossteil um Angehörige von Staaten, die gegen den IS kämpfen».

Die Regierung in Tunis kündigte einen entschlossenen Kampf gegen den Terrorismus an. Unter anderem sollen innerhalb einer Woche bis zu 80 Moscheen geschlossen werden, in denen weiterhin «Gift zum Terrorismus» verbreitet werde. Daneben sollten verdächtige Parteien oder Vereine überprüft und eventuell aufgelöst werden.

Angst vor der Zukunft

Das Attentat dürfte der so wichtigen Tourismusbranche in Tunesien langfristig schaden. Hotelangestellte, Händler und andere vom Tourismus abhängige Tunesier in Sousse fürchten nun um ihre Zukunft. «Das ist ein tödlicher Schlag für den Tourismus», sagt Ali Soltani, Händler in der Altstadt von Sousse. «Das ist mehr als eine Katastrophe, es gibt nun für mehrere Jahre keine Hoffnung», glaubt er. Auch der Kupferschmied Kamel Ben Sadok zeigt sich pessimistisch. «Ich habe gar keine Lust mehr zu arbeiten», sagt er. «Seit gestern fühlen wir uns wie Dummköpfe, die nichts tun können», sagt er.

Viele Tunesier blicken ungläubig auf die jüngsten Anschläge gegen Ausländer in ihrem Land: 21 ausländische Touristen starben bei einem Anschlag im März auf das Bardo-Nationalmuseum in Tunis, 38 Menschen wurden bei dem gestrigen Hotel-Attentat am Freitag getötet – die meisten davon Urlauber aus Grossbritannien, Deutschland und Belgien. Ein bewaffneter Mann war auf das Gelände des Fünf-Sterne-Hotels Riu Imperial Marhaba in Port el Kantaoui bei Sousse eingedrungen und hatte mit einem Maschinengewehr auf Urlauber gefeuert, bevor er selbst getötet wurde.

Ein herber Schlag

«Das tut sehr weh», sagt Alya, eine Einwohnerin von Sousse. «Wir waren gerade erst dabei, die Wunden von Bardo zu heilen, und nun haben wir einen noch schwereren Schlag erlitten.» Ähnlich sehen das Tourismusexperten. «Der Anschlag auf das Bardo-Museum war bereits schwierig, aber jetzt wurden die Touristen am Strand getötet», sagt ein französischer Branchenfachmann. «Das ist es, was die Leute abends im Fernsehen sehen, und natürlich wollen sie dort dann nicht ihren Urlaub verbringen.»

Weil der Anschlag auf das Bardo-Nationalmuseum noch in den Köpfen potentieller Touristen präsent war, setzten die Veranstalter zuletzt vor allem auf Lastminute-Buchungen und warben mit den unschlagbaren Preisen in Tunesien, um die diesjährige Saison noch zu retten. Der Anschlag vom Freitag ereignete sich unmittelbar zu Beginn der Hauptsaison in einem Land, in dem der Tourismus etwa sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht und rund 400'000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt vom Tourismus abhängen.

Bereits im April – einen Monat nach dem Anschlag auf das Nationalmuseum – war nach Angaben der tunesischen Zentralbank ein Rückgang von 25,7 Prozent bei den Touristenzahlen im Vergleich zum Vorjahr registriert worden. Bei den touristischen Deviseneinnahmen war es ein Rückgang um 26,3 Prozent. Im Mai 2015 waren die Hotelketten in Tunesien zu 44,9 Prozent belegt, im Mai 2010 waren es noch 72,6 Prozent.

Verständnis für die Ausländer

Viele Tunesier haben Verständnis dafür, dass die Touristen in unsicheren Zeiten wegbleiben. «An ihrer Stelle würde ich in solchen Zeiten keinen Fuss nach Tunesien setzen», sagt der Händler Imed Triki aus Sousse. «Es ist normal, dass sie das Land nach dieser Katastrophe schnell verlassen. Kommen sie, um Ferien zu machen oder um zu sterben?», sagt er und zeigt sich überzeugt, dass die Touristen die Gegend nun «für lange Zeit meiden werden».

Der Welttourismusverband (WTTC) verurteilte den «brutalen Anschlag», der «direkt ins Herz der Tourismusindustrie getroffen» habe, rief aber Anbieter in aller Welt auf, die tunesische Tourismusbranche weiterhin zu unterstützen. Zugleich müsse die tunesische Regierung für «angemessene Sicherheitsvorkehrungen» sorgen. Der französische Reisebüroverband Snav sprach nach dem Anschlag von einer «katastrophalen» Situation für das Land zu einem Zeitpunkt, «zu dem wir das Gefühl hatten, dass das Reiseziel gerade wieder zu laufen begann».

AFP/fal

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