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«Das wahrscheinlich riskanteste Gebiet, in dem wir arbeiten»

Dürre und teure Lebensmittel: In Somalia herrscht jetzt offiziell eine Hungersnot. Allein die Soforthilfe kostet Hunderte Millionen Dollar – und wird durch den seit 20 Jahren tobenden Bürgerkrieg erschwert.

Die Kleinen trifft der Hunger am stärksten: Ein Kind weint, während es in einem Feldlazarett in Dadaab, Kenia, gewogen wird. (25. Juli)
Die Kleinen trifft der Hunger am stärksten: Ein Kind weint, während es in einem Feldlazarett in Dadaab, Kenia, gewogen wird. (25. Juli)
Keystone
Schwer gezeichnet: Ein Mädchen in einem Spital von Mogadischu. (24. Juli 2011)
Schwer gezeichnet: Ein Mädchen in einem Spital von Mogadischu. (24. Juli 2011)
Keystone
Die Dürre wird zuweilen von heftigen Regenfällen unterbrochen: Kinder spielen in den überfluteten Strassen im Quartier Hamar Jajab der somalischen Hauptstadt Mogadiscio. (14. Juli 2011)
Die Dürre wird zuweilen von heftigen Regenfällen unterbrochen: Kinder spielen in den überfluteten Strassen im Quartier Hamar Jajab der somalischen Hauptstadt Mogadiscio. (14. Juli 2011)
Reuters
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Angesichts der entsetzlichen Zustände am Horn von Afrika hat die UNO nun offiziell eine Hungersnot ausgerufen. Betroffen sind die beiden unter Kontrolle der islamistischen Al-Shabab-Miliz stehenden Regionen Bakool und Lower Shabelle im Süden Somalias.

Dort sind nach Angaben der Vereinten Nationen bis zu 350'000 Menschen vom Hungertod bedroht. Die Menschen in diesen Regionen seien nicht mehr in der Lage, Nahrungsmittel zu finden, sagte der Uno-Koordinator für humanitäre Hilfe in Somalia, Mark Bowden, in Nairobi.

Viele Kinder sterben

«Wenn wir jetzt nicht handeln, wird die Hungersnot in den kommenden beiden Monaten auf alle acht Regionen im südlichen Somalia übergreifen», sagte Bowden. Eine akute Hungersnot herrscht laut UNO dann, wenn in mindestens 20 Prozent der Haushalte extremer Nahrungsmittelmangel besteht und mehr als 30 Prozent der Menschen stark unterernährt sind. Ein weiterer Richtwert ist der Hungertod von täglich mindestens zwei Menschen pro 10'000 Einwohner.

In Teilen Südsomalias - einst die Kornkammer des Landes - liege die Sterblichkeitsrate bereits bei täglich sechs Kindern unter fünf Jahren auf 10'000 Einwohner, sagte Bowden. Zur Dürre kommen die extrem hohen Lebensmittelpreise in der Region. Insgesamt seien bereits 3,7 Millionen Menschen allein in Somalia von der Krise betroffen.

UNO benötigt 1,6 Milliarden Dollar

«Zehntausende sind schon gestorben, die meisten von ihnen Kinder», betonte Bowden. Diese verzweifelte Situation erfordere ein sofortiges Eingreifen. Bis Ende September würden 300 Millionen Dollar gebraucht, um die Folgen der Dürre zu bekämpfen, aber diese Summe werde wahrscheinlich noch steigen.

In den vergangenen zwei Wochen hatte Grossbritannien 145 Millionen Dollar zugesagt, Spanien zehn Millionen Dollar, Deutschland 8,5 Millionen Dollar und die EU rund acht Millionen Dollar. US-Aussenministerin Hillary Clinton kündigte am Mittwoch an, ihr Land werde zusätzlich zu den im laufenden Jahr bereitgestellten Hilfsgeldern in Höhe von 431 Millionen Dollar weitere 28 Millionen Dollar fliessen lassen.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon bezifferte in einem Appell an die internationale Staatengemeinschaft in New York den Bedarf an Hilfsgeldern für das dürregeplagte Somalia auf insgesamt 1,6 Milliarden Dollar.

Grösste Notfalloperation der Geschichte

Die Hälfte der somalischen Bevölkerung sei in Not und dies werde «verheerende Folgen» für Somalia und seine Nachbarländer haben, sagte Ban heute an einer Pressekonferenz.

Das Welternährungsprogramm (WFP) bezeichnete die Krise als «weltweit höchste humanitäre Priorität» und startet nun die grösste Notfalloperation seiner Geschichte starten. Dabei sollen vor allem Kinder in der Region mit vitaminreicher Spezialnahrung versorgt werden.

Politisches Chaos erschwert Hilfe

Allerdings sei es in Somalia - anders als etwa in Äthiopien und Kenia - sehr schwer, die Menschen zu erreichen, die am dringendsten Hilfe brauchen, sagte WFP-Direktorin Josette Sheeran in Addis Abeba. Es werde nun darüber nachgedacht, Lebensmittel für Mütter und Babys per Luftbrücke ins Land zu bringen, wo sie von vor Ort tätigen Organisationen verteilt werden sollen.

In Somalia herrscht seit dem Sturz von Machthaber Siad Barre 1991 Bürgerkrieg. Die schwache Übergangsregierung kontrolliert nur einen kleinen Teil von Mogadischu. Grosse Gebiete der Hauptstadt sowie des Südens und des Zentrums des Landes sind in der Hand der Al-Shabab-Miliz.

«Das riskanteste Gebiet, in dem wir arbeiten»

Vor zwei Jahren hatten die Rebellen alle ausländischen Hilfsorganisationen aus den von ihnen beherrschten Gebieten mit der Begründung verbannt, sie würden für den Westen spionieren. Erst kürzlich hatte die Miliz erstmals wieder Hilfslieferungen in Somalia zugelassen. Denn viele Hungernde sind bereits zu schwach, um die Flüchtlingslager in Äthiopien und Kenia zu erreichen.

«Somalia ist wahrscheinlich das riskanteste Gebiet, in dem wir arbeiten», erklärte Sheeran. Rund ein Dutzend WFP-Mitarbeiter seien dort seit 2008 ums Leben gekommen. Hinzu komme die fehlende Infrastruktur. Ein «transparenter Dialog» mit der Welt sei nötig, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. «Aber wir sind fest entschlossen, überall dahin zu gehen, wo Menschen an Hunger leiden.»

SDA/ami

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