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Der grosse Widersacher Salehs

Der jemenitische Stammesführer Al Ahmar hat mit dem Präsidenten Saleh gebrochen und zu den Waffen gegriffen. Mit seinem Reichtum und seiner Macht bringt er den Staatschef zunehmend in Bedrängnis.

Einer der Anführer, um den herum sich alle sammeln: Scheich Sadek al Ahmar.
Einer der Anführer, um den herum sich alle sammeln: Scheich Sadek al Ahmar.
Reuters

Hinter den Kulissen hat der jemenitische Stammesführer Scheich Sadek al Ahmar stets seinen Einfluss spielen lassen. Die Eskalation der regierungskritischen Proteste im Land machte ihn im März jedoch vom Verbündeten zum schärfsten Widersacher von Präsident Ali Abdullah Saleh. Mit seinem Reichtum, seiner Macht und seinen Waffen bringt der Mann an der Spitze des Haschid-Stammes den Staatschef zunehmend in Bedrängnis. Seit mehreren Wochen gehen die Anhänger Al Ahmars auch mit Gewalt gegen das Regime vor.

«Al Ahmar ist zu einem Anführer geworden, um den herum sich alle sammeln», sagt der politische Beobachter Faris Sadkaf. Seit dem Beginn der offenen Auseinandersetzungen zwischen den Kämpfern des Stammesführers und den jemenitischen Sicherheitskräften sind weit über hundert Menschen getötet worden. Nicht nur in der Hauptstadt Sanaa, sondern auch in abgelegenen Provinzen kommt es zu Gefechten. Das Land droht, in einen offenen Bürgerkrieg abzugleiten.

Kenner beschreiben Al Ahmar als eine Mischung aus Warlord, Tycoon und Königsmacher. Wenige Gegner Salehs verfügen über mehr Mittel als er. Der 55-Jährige hat das Kommando über tausende Haschid-Kämpfer. Deren Arsenal umfasst auch Mörsergranaten und Panzerabwehrraketen - und könnte bei Bedarf vermutlich noch ausgebaut werden.

Brüder mit Einfluss

Auch einige der neun Brüder Al Ahmars spielen in der jemenitischen Politik und Wirtschaft eine zentrale Rolle. Einer von ihnen ist im Besitz einer Bank, eines Telekommunikationsunternehmens und eines Fernsehsenders. Die wirtschaftlichen Verbindungen der Familie reichen auch in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Saudiarabien. Die Nachbarländer wiederum zeigen sich für den Schutz der Staatsgrenze beim Haschid-Stamm erkenntlich - unbestätigten Angaben zufolge mit bis zu fünf Millionen Dollar (3,5 Millionen Euro) monatlich.

Der wirtschaftliche Einfluss Al Ahmars, der die Führung des Haschid-Stammes nach dem Tod seines Vaters 2007 übernahm, ist enorm. Zugleich galt der 55-Jährige bis zuletzt als einer, der in der Politik im Hintergrund die Fäden zieht. Der Haschid-Stamm ist ein Zusammenschluss mehrerer kleinerer Stämme, einschliesslich dem von Präsident Saleh. Die Gesamtzahl der Angehörigen geht in die Hunderttausende. De facto regiert Al Ahmar über einen Staat im Staate.

Allianz unter Vermittlung von Saudiarabien

Al Ahmars Vater war einst ein enger Verbündeter Salehs. Als Saleh 1978 die Macht im Land übernahm, konnte er zunächst zwar nicht auf die Unterstützung des Haschid-Stammes zählen. «Der Jemen braucht keinen Mann des Militärs, sondern einen zivilen Staatschef», schrieb Abdullah al Ahmar in seiner Autobiografie. Unter Vermittlung des grossen Nachbarn Saudiarabien kam es dann aber doch zu einer Allianz.

Diese Allianz erwies sich für den Machterhalt Salehs in den folgenden Jahren als entscheidend. Nicht nur beim Zusammenschluss des pro-saudischen Nordens und des kommunistischen Südens 1990, sondern auch bei der Niederschlagung separatistischer Bewegungen im Süden 1994. Für die USA war Saleh wichtiger Verbündeter im Kampf gegen den regionalen Ableger der Terrororganisation al-Qaida.

Auch in diesem Kampf stand der Haschid-Stamm Saleh zur Seite. Doch zugleich kritisierte Al Ahmar wiederholt, der Präsident ginge nicht entschlossen genug gegen die Angehörigen der al-Qaida vor und sei im Grunde nur auf die von Washington für diesen Kampf bereitgestellten Millionen aus.

Gewalt liess Bündnis mit Saleh platzen

Das Bündnis zwischen Saleh und Al Ahmar zeigte besonders in den vergangenen Monaten immer deutlichere Risse. Als Massenproteste gegen den Staatschef ausbrachen, bot sich der Stammesführer zunächst als Vermittler an. Doch der Konflikt spitzte sich weiter zu. Als die Sicherheitskräfte am 18. März das Feuer auf friedliche Demonstranten eröffneten und mehrere Dutzend Menschen töteten, wandte sich Al Ahmar von Saleh ab. Seine Kämpfer hielt er jedoch vorerst zurück. Trotz der Gewalt des Regimes wollte die Opposition ihre Bewegung friedlich belassen.

Dies änderte sich im Mai, als die Regierungstruppen versuchten, das Anwesen Al Ahmars zu stürmen. «Saleh ist ein Angehöriger unseres Stammes, aber er hat zur Gewalt gegriffen», erklärte Al Ahmar. Saleh habe Zwietracht Land säen und das Land in einen Bürgerkrieg ziehen wollen, sagte der Stammesführer weiter.

«Es war seit einiger Zeit abzusehen, das die Familie Salehs und die der Al Ahmars auf eine entscheidende Machtprobe zusteuern», sagt der Jemen-Experte Gregory Johnsen von der Stanford Universität in Kalifornien. Ob Al Ahmar oder einer seiner Brüder langfristig selbst nach dem Amt des Präsidenten streben, sei derzeit unklar. Klar sei jedoch, dass sie es zu ihrem vorrangigsten Ziel gemacht hätten, Saleh aus diesem Amt zu vertreiben.

dapd/ Ahmed al-Haj und Maggie Michael/pbe

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