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Der israelische Minister, der für den Iran spionierte

Gonen Segev ist angeklagt, Staatsgeheimnisse verraten zu haben. Ihm könnte gar die Todesstrafe drohen.

Der frühere israelische Energieminister Gonen Segev im April 2004 vor einem Gericht in Tel Aviv. Foto: Yariv Hatz (AFP)
Der frühere israelische Energieminister Gonen Segev im April 2004 vor einem Gericht in Tel Aviv. Foto: Yariv Hatz (AFP)

Nicht einmal in einem schlechten Spionage-Triller wäre man auf diese Idee gekommen: Der ehemalige israelische Minister Gonen Segev soll 2012 in Nigeria persönlich in die iranische Botschaft marschiert sein und seine Dienste als Spion angeboten haben. Ausgerechnet Israels Erzfeind Iran! Teheran hat diese Gelegenheit genutzt und nicht lange gezögert, den früheren Politiker als Quelle anzuheuern. Zweimal soll der 62-Jährige sogar selbst in den Iran gereist sein, um Berichte zu übergeben und sich mit Geheimdienstmitarbeitern zu treffen.

Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung in Äquatorialguinea im Mai soll er noch als Agent aktiv gewesen sein. Er wurde nach Israel ausgeliefert und nach seiner Ankunft am Flughafen Ben Gurion festgenommen. Am Montag wurde der Fall durch die Regierung publik gemacht, Segev wurde wegen Spionage angeklagt.

Nach Erkenntnissen des israelischen Geheimdienstes Shin Bet hat Segev sensitive Informationen über Örtlichkeiten von Sicherheitseinrichtungen und Energie-Infrastruktur preisgegeben. Ausserdem soll er über Personen und Einrichtungen, die im diplomatischen und im sicherheitspolitischen Bereich tätig sind, Auskunft gegeben haben. Mit seinen iranischen Kontaktleuten soll sich Segev in Hotels und Apartments in verschiedenen Ländern getroffen haben. Er soll auch eine Ausrüstung erhalten haben, um verschlüsselt mit ihnen kommunizieren zu können, teilte der israelische Geheimdienst mit – in einer sehr ausführlichen Stellungnahme, was ungewöhnlich ist.

Handel mit Ecstasy-Pillen

Über den Energiesektor und die Infrastruktur weiss Segev ganz gut Bescheid, schliesslich war er Mitte der Neunzigerjahre als Minister für diese Bereiche zuständig. Als 35-Jähriger war der damalige Kinderarzt in die Politik eingestiegen; er war vier Jahre lang Knesset-Abgeordneter. Sein Nachbar Rafael Eitan, der Gründer der ultranationalistischen Partei Tzomet, warb ihn für die Politik an. Nachdem Segev sich mit Eitan überworfen hatte, gründete er 1994 zusammen mit zwei weiteren Knesset-Abgeordneten die nicht ganz so weit rechts stehende Partei Jiud. Als der damalige Ministerpräsident Yitzhak Rabin im Parlament Stimmen für die Verabschiedung des Oslo-Abkommens suchte, sicherte ihm die neue Partei die Mehrheit. Ihr Gründer Segev bekam den Minister- posten und den Ruf als Wendehals. Denn vor seinem Karrieresprung in die Regierung hatte Segev noch erklärt, er sei gegen den Friedensplan mit den Palästinensern.

Nach seinem Ausstieg aus der Politik 1996 verdingte er sich als Wirtschaftsberater und war viel auf Reisen. 2002 tauchte sein Name auf einer Liste möglicher israelischer Entführungsopfer der libanesischen Hizbollah auf. Das israelische Verteidigungsministerium warf ihm 2004 vor, sich an die Armee von Sri Lanka mit dem Angebot herangemacht zu haben, dass er zu einem viel günstigeren Preis israelische Waffen beschaffen könne als auf dem offiziellen Weg. Im gleichen Jahr fiel der Mediziner Segev bei dem Versuch auf, eine grosse Menge an Pillen nach Israel zu schmuggeln: Es stellte sich heraus, dass es sich bei den 32'000 Tabletten um Ecstasy handelte und nicht um Schokobonbons der Marke «M & M», wie Segev behauptet hatte. Er zeigte auch einen eigentlich abgelaufenen Diplomatenpass vor, an dem deshalb manipuliert worden war.

Lügner und Hochstapler

Zuvor hatte Segevs Ex-Frau in seinem Auftrag dessen Platinum-Karte bei seiner Kreditkartenfirma als gestohlen gemeldet. Blöd war dabei nur, dass er selber nach der Anzeige noch sechsmal beim Abheben von insgesamt 5600 US-Dollar in Hongkong mit genau dieser Kreditkarte gefilmt worden war. Bekannt wurde dann im Zuge der Ermittlungen auch, dass Segev ein Konto in Luxemburg unterhielt. Während des Gerichtsverfahrens beschrieb ihn sein Cousin im Zeugenstand als «pathologischen Lügner, der ständig Ausflüchte macht und keine Verantwortung für seine Taten übernimmt».

Seine medizinische Zulassung erhielt Segev auch nach seiner vorzeitigen Entlassung aus dem Gefängnis 2007 nicht mehr zurück. Er liess sich in Nigeria nieder und gründete in der Hauptstadt Abuja eine Klinik. Angehörige sämtlicher Botschaften und Geschäftsleute, darunter auch viele Israelis, sollen seine Patienten gewesen sein. Er knüpfte nach Angaben des Geheimdienstes bewusst Kontakte in Israel, die ihm für seine Spionagetätigkeit nützlich sein konnten. Er soll auch direkte Verbindungen zwischen Israelis und iranischen Geheimdienstmitarbeitern hergestellt haben, die er als Geschäftspartner vorstellte. 2016 versuchte er zum bislang letzten Mal, seine Zulassung als Mediziner in Israel wiederzuerlangen.

Im Falle einer Verurteilung droht Segev eine lebenslange Strafe. Sein Fall hat aber auch Debatten ausgelöst, ob auf ihn nicht die Todesstrafe angewandt werden könnte – was in Israel nur ein einziges Mal beim NS-Verbrecher Adolf Eichmann gemacht wurde. Nach Angaben seines Anwalts hat er all das nur deshalb gemacht, weil er eigentlich Israel habe helfen wollen. Er habe die Iraner irreführen wollen und so gehofft, als Held in seine Heimat zurückzukehren.

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