Der Krieg in Afghanistan begünstigt den Opium-Boom

Die Opiumernte in Afghanistan ist so gross wie nie zuvor, erklären Experten. Nicht nur die Taliban profitieren: Der Anbau des Mohns ist für viele Bauern zur einzigen Einkommensquelle in Kriegszeiten geworden.

Ein junger Mann steht in einem afghanischen Schlafmohnfeld. Die Pflanze ist für viele Afghanen zur einzigen Einkommensquelle geworden.

Ein junger Mann steht in einem afghanischen Schlafmohnfeld. Die Pflanze ist für viele Afghanen zur einzigen Einkommensquelle geworden.

(Bild: Keystone)

«Es besteht wenig Zweifel, dass die Opiumernte in diesem Jahr die grösste wird, die Afghanistan jemals hatte», sagt David Mansfield. Die Anbaufläche sähe noch grösser aus als «die 224 000 Hektaren aus 2014». Mansfield und seine Kollegen vom afghanischen Rechercheinstitut Areu werten komplexe Serien von geografischen Daten aus und forschen in mehreren Provinzen. Allein in der südafghanischen Provinz Helmand, die mit Abstand das meiste Opium hervorbringt, sehen sie eine Expansion der Felder in ehemalige Wüstengebiete.

«Schlafmohn ist eine natürliche Wahl für Bauern im Krieg, es birgt wenige Risiken in einer Hochrisikoumgebung», sagt Jelena Bjelica vom Rechercheinstitut Afghanistan Analysts Network (AAN). Die UNO sieht in einem neuen Bericht zu den ­sozioökonomischen Umständen des Opiumbooms die meisten Anbaugebiete in Gegenden, in denen es weniger Regierungsleistungen gibt, weniger Sicherheit und damit weniger Zugang zu Märkten, um andere Produkte verkaufen zu können.

Radikale und Korrupte

Ein Hauptverdiener am Geschäft sind die Taliban, die die wachsenden Anbauflächen in ihren Gebieten besteuern und für den Schmuggel Schutzgelder nehmen. Die Taliban beeinflussen oder kontrollieren nun wieder rund 11 Prozent des Landes und kämpfen um weitere 30 Prozent. Laut dem UNO-Sicherheitsrat haben sie 2016 etwa die Hälfte ihres Einkommens aus den Drogen bezogen – bis zu 400 Millionen Dollar. Afghanistan bekämpft damit nicht mehr nur Aufständische, sondern aufständische Narkofürsten. Da ist es fraglich, ob die Regierung ohne eine Lösung für das Drogenpro­blem je gewinnen kann.

Was die Situation schlimmer macht, ist, dass Regierungsbeamte «ihre schmutzigen Hände im Geschäft» haben, sagt Hashim Alokosai, ein Senator aus Helmand, bitter. Zum Beispiel: «Eine Spezialeinheit, die Opiumvorräte finden und verbrennen soll, registriert nur einen kleinen Teil der Drogen, die sie findet.» Den Rest verkaufen die Männer. Das Drogengeld macht korrupte Beamte reich und damit ein­flussreich.

Es geht aber nicht mehr nur um den Anbau. Früher wurde das Rohopium oft im Ausland weiterverarbeitet. Opium ist der Grundstoff für viele verschiedene Drogen, unter anderem Heroin. Heute seien «Drogenfabriken von internationalem Standard» in den Bezirken Musa Kala, Washir und Nausad, sagt Alokosai.

«Monumentales Versagen»

Die internationale Gemeinschaft scheint aufgegeben zu haben. Projekte und Büros werden seit Jahren kleiner und schlechter finanziert. Berichte sind rar und oft kurz. Weder Mitarbeiter des UNO-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) noch Experten der Regierung wollen namentlich zitiert werden. Es ist teilweise «Verlegenheit über ein monumentales Versagen», wie ein westlicher Diplomat es nennt. In einem Papier des Ost-West-Instituts über die Versuche, alternative Einkommensquellen für Bauern zu schaffen, heisst es 2016, Regierungs- und Geberinitiativen seien weder konsistent noch breit unterstützt gewesen, und Programmen habe es an Fachwissen gefehlt.

Das Wachstum der Drogenindustrie, befeuert nicht nur vom Krieg, sondern auch von mehr Heroinsüchtigen weltweit, ist mehr als eine Frage der Kriminalitätsbekämpfung. Für Afghanistan ist es eine von Leben und Tod.

Berner Zeitung

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