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Der Student, der eine Kalaschnikow neben sich liegen hat

Er wollte eigentlich Elektrotechnik studieren, doch nun versteckt er sich inmitten der umkämpften Stadt Aleppo: Der 24-jährige Syrer Mohammed Shadi. Eine Reportage über den Alltag eines Aufständischen.

Augenzeugen berichten von mindestens zwei Explosionen: Rauch steigt über beschädigten Häusern in Aleppo auf. (3. Oktober 2012)
Augenzeugen berichten von mindestens zwei Explosionen: Rauch steigt über beschädigten Häusern in Aleppo auf. (3. Oktober 2012)
AFP
Zwei bis drei Detonationen: Stark beschädigtes Gebäude nach Bombenexplosionen in Aleppo. (Bild von der offiziellen syrischen Nachrichtenagentur Sana veröffentlicht) (3. Oktober 2012)
Zwei bis drei Detonationen: Stark beschädigtes Gebäude nach Bombenexplosionen in Aleppo. (Bild von der offiziellen syrischen Nachrichtenagentur Sana veröffentlicht) (3. Oktober 2012)
Keystone
Unter Beschuss: Ein beschädigtes Gebäude in Aleppo. (24. Juli 2012)
Unter Beschuss: Ein beschädigtes Gebäude in Aleppo. (24. Juli 2012)
Keystone
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Mohammed Shadi lebt versteckt in einem Haus der heftig umkämpften syrischen Stadt Aleppo, die immer noch unter Beschuss von Regierungstruppen steht. Der Elektroingenieur-Student, der ein Kalaschnikow-Gewehr neben sich liegen hat, passt seinen Tag dem Rhythmus der Kämpfe an. In ruhigen Momenten liest er auf seinem Laptop die jüngsten Kommentare zur Lage, denn im Internet begann nach seiner Ansicht vor fast anderthalb Jahren der Protest gegen den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad. «Seit März 2011 war ich bei Facebook in Gruppen, die mit Syrien zu tun hatten», berichtet der 24-Jährige. «Damals dachte ich, die Regierung werde in sechs Monaten gestürzt sein». Der junge Mann erinnert sich noch genau an seine erste Demonstration am 15. März 2011. Höchstens 400 Demonstranten waren damals in Aleppo auf der Strasse, aus der Ferne beobachtet von den Shabbiha-Milizen, Assads Handlagern. «Wir hatten nur Zeit, zweimal ‹Allah Akbar› (Gott ist gross) zu rufen, dann haben die Shabbiha begonnen zuzuschlagen», schildert Mohammed den Verlauf der Kundgebung.

Im Laufe der Wochen engagiert sich der Student wie viele andere Kommilitonen in der Protestbewegung gegen Assad. Die Universität von Aleppo, der strategisch wichtigen Wirtschaftsmetropole im Nordwesten, wird zum «Vulkan», immer mehr Studenten schliessen sich den Protesten an. Von Monat zu Monat wird die Auseinandersetzung mit den Assad-Treuen härter, erinnert sich Mohammed. Die Shabbiha gehen mit Elektroschockern, Knüppeln und Messern gegen die Demonstranten vor. «Um uns zu verteidigen, haben wir Steine geworfen, aber sie haben dann Schusswaffen eingesetzt».

Mohammed ergibt sich

Sein Freund Maher muss für neun Monate ins Gefängnis. Mohammed wird vorsichtiger und schläft stets woanders. Als das neue Studienjahr beginnt, nimmt der 24-Jährige Kontakt zu Kleinkriminellen auf, die die Demonstranten für rund 15 Euro beschützen sollen. «Die Shabbiha haben sie auch eingesetzt, warum wir nicht?», rechtfertigt er die Entscheidung. Im Oktober wird Mohammed zum ersten Mal festgenommen und vier Tage lang in einer Zelle des Militärgeheimdienstes verprügelt.

Doch die Gewalt schreckt ihn nicht ab: Wenige Monate später demonstriert er wieder mit 200 Studenten. Die Shabbiha wollen die Demonstration auflösen. Nachdem ein Schuss gefallen sei und ein Milizionär sein Gewehr erneut geladen habe, habe er sich ergeben, schildert Mohammed den schwierigen Moment. Es folgen acht Tage in einer Zelle der Militärsicherheit mit Dutzenden anderen Gefangenen.

Jeden Tag wird Mohammed verhört und schon im Gang geschlagen, mit verbundenen Augen. «Bist du bereit zu reden?», wird der Gefangene gefragt. Als Mohammed ausweichend antwortet, folgen neue Schläge. Die Peiniger wollen wissen, woher Mohammed von der Demonstration wusste, ob er Geld für die Teilnahme bekam und ob er zum Terrornetzwerk al-Qaida gehört. Manchmal werden mehrere Gefangene kniend aufgereiht, die Hände auf dem Rücken zusammengebunden. Dann bekommt jeder eine Frage gestellt. «Eine schlechte Antwort bedeutete fünf oder zehn Stockschläge auf die Fusssohlen. Dann mussten wir eine Runde rennen», erinnert sich der Student.

Ausschluss von der Universität

Nach acht Tagen verfügt ein Richter seine Freilassung. Doch Mohammed erfährt, dass er von der Universität ausgeschlossen werden soll und sich wohl nicht mehr frei bewegen kann. «Da wollte ich das Land verlassen». Er schickt seinen Bruder Ahmed los, um einen Pass zu besorgen. Doch der 21-Jährige wird ebenfalls festgenommen und 20 Tage lang gefoltert.

Mohammed will nun «der Revolution von ausserhalb helfen». Dass Präsident al-Assad abtreten wird, gilt für den Studenten als sicher. Doch Frieden werde dann noch lange nicht herrschen. Dafür gebe es zu viele Waffen unter den Rebellen und den islamistischen Gruppen. «Sie haben Waffen an 15- bis 17-jährige Jungen verteilt. Das macht mir Angst».

AFP/mw

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