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Der Taliban, der keiner war

Die peinliche Geheimdienst-Panne in Afghanistan, wo sich ein Ladenbesitzer erfolgreich als Talibanführer ausgab, sorgt weiter für rote Köpfe – laut neuen Medienberichten vor allem beim britischen Secret Service in London.

Schweigen nach dem Irrtum: Der Sitz des mächtigen Secret Intelligence Service, auch MI6 genannt, in der britischen Hauptstadt.
Schweigen nach dem Irrtum: Der Sitz des mächtigen Secret Intelligence Service, auch MI6 genannt, in der britischen Hauptstadt.

Britische Agenten hätten den Mann seit Mai bezahlt, schrieben Zeitungen in Grossbritannien und den USA am Freitag. Erst im November sei der Schwindel aufgefallen. Die «Washington Post» berichtete, ein Mitarbeiter des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai habe die Panne bestätigt: Britische Agenten hätten den falschen Taliban in den Präsidentenpalast gebracht, sagte Mohammad Daudzai der Zeitung. Einem Afghanen sei aufgefallen, das es sich «nicht um den richtigen Mann» handelte. Die Angaben habe ein hoher amerikanischer Regierungsbeamter bestätigt.

Angebliche Nummer 2 der Taliban

Der britische Auslandsgeheimdienst MI6 habe dem Mann geglaubt, er könne Verhandlungen zwischen den Aufständischen und der afghanischen Regierung sowie den amerikanischen Militärs anbahnen, schreibt die britische «Times». Er hatte vorgegeben, die Nummer zwei hinter Taliban-Chef Mullah Omar zu sein.

Was der britische Geheimdienst intern als «historischen Durchbruch» gefeiert habe, erwies sich jedoch als Fehleinschätzung einer Hochstapelei. Berichten zufolge handelte es sich um den einfachen Besitzer eines kleinen Ladens in der pakistanischen Stadt Quetta.

Die «Times» zitiert einen hochrangigen Regierungsbeamten in Kabul mit den Worten: «Der britische Geheimdienst war naiv, und es gab fromme Wünsche auf unserer Seite.» Eine weitere Regierungsquelle bezeichnete die ganze Angelegenheit in schlichten Worten als «grosse Scheisse». Bill Harris, scheidender US-Repräsentant in Kandahar, sagte der Zeitung auf die Frage, ob die Briten allein schuld gewesen seien: «So etwas Dummes geht im allgemeinen nur mit Teamwork.»

Freiflug zu einem Treffen mit Karzai

Nach Informationen von afghanischen und westlichen Beamten soll es drei Friedensgespräche mit dem vermeintlichen Taliban-Führer gegeben haben. In einem Fall sei der Mann sogar in einer Nato-Maschine zu einem Treffen mit Karzai nach Kabul geflogen worden. Der afghanische Präsident hatte die Anschuldigungen nach Bekanntwerden zunächst als «Propaganda der Medien» zurückgewiesen.

Afghanen: Lieber alleine verhandeln

Karzais Mitarbeiter Daudzai sieht die peinliche Episode laut Medienberichten als Beweis dafür, dass die Verhandlungen mit den Taliban möglichst allein «von den Afghanen geführt» werden müssten. «Afghanen kennen dieses Geschäft. Wir behandeln es mit Vorsicht, wir handhaben es mit einem ergebnisbezogenen Ansatz, mit viel weniger Schaden für alle anderen Prozesse», sagte er in dem Interview der «Washington Post».

Karzai setzt sich seit langem für Gespräche mit den Aufständischen ein, um den Konflikt am Hindukusch zu beenden. Erst Anfang Oktober hatte er einen «Hohen Friedensrat» ins Leben gerufen, um den Dialog mit den Taliban voranzutreiben. Kurz darauf räumte er erstmals «inoffizielle private Kontakte» zu den Aufständischen ein.

Offizielle Verhandlungen zwischen beiden Seiten soll es bislang nicht geben. Die Geheimdienstposse habe nun Zweifel an den angeblichen Fortschritten im Friedensprozess aufkommen lassen, schreibt die «Washington Post» weiter.

SDA/raa

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