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Ein geschundenes Land

Nur die Geschichte des Landes kann erklären, warum Libyen seit Jahren im Chaos versinkt. Zentral war eine Wüstenschlacht mit japanischen Geländewagen.

Kriegsmaschinen auf zivilen Chassis: Mit Geschützen bestückte Geländewagen spielen im libyschen Bürgerkrieg eine Hauptrolle. Foto: Majid Saeedi (Getty)
Kriegsmaschinen auf zivilen Chassis: Mit Geschützen bestückte Geländewagen spielen im libyschen Bürgerkrieg eine Hauptrolle. Foto: Majid Saeedi (Getty)

Die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Agonie Libyens ist nur mit einem Blick auf die Geschichte des geschundenen Landes zu verstehen: ­Libyen besteht in seinen aktuellen Grenzen noch keine hundert Jahre. Die italienischen Kolonialherren fügten hier bis 1934 Gebiete zusammen, die sie nach und nach erobert hatten.

Ein Zusammengehörigkeits- oder gar Nationalgefühl konnte auch der von 1951 an regierende König Idris nicht schaffen. 1969 wurde er von einem 27-jährigen Hauptmann abgesetzt: Als Muammar al-Ghadhafi, Sohn einer Beduinenfamilie, nach der Macht griff, träumte er davon, mit fast 20-jähriger Verspätung die arabische Revolution seines Vorbilds Gamal Abdel Nasser zu wiederholen, des ägyptischen Präsidenten.

Doch nach nur wenigen Jahren wandte sich Ghadhafi von Nasser ab. In seiner «Dritten Universaltheorie» entwarf er einen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Kommunismus, in seinem «Grünen Buch» seine eigene Form der direkten Demokratie. Der schmale Band bekam in Libyen Verfassungscharakter.

Wie er sich die Machtverteilung in Wahrheit vorstellte, verriet Ghadhafi in den letzten beiden Sätzen seiner politischen Vision: «Theoretisch ist dies die wahre Demokratie. Aber in der Realität herrscht immer der Starke, das heisst, der stärkere Teil der Gesellschaft ist derjenige, der herrscht.»

Dass Muammar al-Ghadhafi mit «dem Starken» im Wesentlichen Muammar al-Ghadhafi meinte, zeigte sich bald: 1979 legte er sein letztes politisches Amt nieder und schwebte in der Folge als «Bruder Oberst» über allem. Und herrschte.

Der «Toyota-Krieg»

Für den bis heute andauernden Hauptkonflikt ist eine Episode relevant, die sich Ende der Achtzigerjahre an der Südgrenze des Wüstenstaats zuspielte. Aufgrund von Ansprüchen, die ausgerechnet auf die ihm verhassten Kolonial­herren zurückgingen, hielt Ghadhafis Armee den Nordteil des Tschad besetzt. Seine dank Öleinnahmen hochgerüstete Armee war den Kräften des durch Bürgerkriege zerrütteten Nachbarlandes weit überlegen – zumindest bis 1987, als der Toyota Hilux als Militärfahrzeug auf die Bühne der Geschichte rollte.

Am 22. März rasten 400 mit Milan-Raketen ausgestattete Pick-ups auf Wadi Dum zu, den grössten libyschen Stützpunkt im Tschad. Die Fahrzeuge waren eine Spende Frankreichs an den tschadischen Kriegsherrn Hissen Habré – und äusserst schlagkräftig. Am Ende des Tages waren nach französischen Angaben 1269 der 5000 libyschen Soldaten tot, über 400 gefangen genommen. Habrés Truppen erbeuteten Unmengen an Material: Von 18 Flugzeugen, 400 LKW und Geländewagen, 40 Werfern von Panzerabwehrraketen und Massen an Munition berichtete der damalige Schweizer «Zeit»-Korrespondent Roger de Weck. «Es war die Schatzhöhle von Ali Baba», bilanzierte er die Schlacht von Wadi Dum mit orientalistischem Tremolo.

Für Ghadhafi war die Niederlage in dem bald «Toyota-Krieg» genannten Konflikt peinlich. Nach dem Scheitern der panarabistischen Pläne hatte er sich Afrika zugewandt, nun aber auch dort sein Gesicht verloren. Ghadhafis Gegner Habré verspottete den zunehmend zu extravaganter Kleidung neigenden Libyer als «verweiblichten Grössenwahnsinnigen».

Der Terror breitet sich mit Ghadhafis Hilfe nach Europa aus

Folgenreich war für Libyen und die Welt, dass in Frankreich geäusserte Befürchtungen wahr wurden: Um von der Niederlage abzulenken, so fürchtete man damals in Paris, könnte Ghadhafi anderswo Angriffe planen. «Der Terrorismus wird in Europa fortfahren», hatte er selbst angekündigt. Auch um sich für Vergeltungsangriffe der USA nach dem libyschen Attentat auf die Berliner Disco La Belle zu rächen.

Und so kam es: Im August 1987 scheiterten von Ghadhafi finanzierte Palästinenser bei einem Anschlag auf ein Flugzeug, die Bombe explodiert nicht. Im November entführte die Gruppe acht belgische Bürger von einer Jacht im ­Mittelmeer nach Libyen, in die entgegengesetzte Richtung schmuggelten Agenten verstärkt Waffen für die Terrorgruppen ETA in Spanien und IRA in Nordirland. Ein Jahr später, 1988, gelang der grosse Anschlag: Nach einer Explosion fiel eine Boeing der Fluglinie Pan Am über dem schottischen Lockerbie vom Himmel, 270 Menschen starben.

General Haftar steht mit seinen Truppen vor Tripolis. Er will die Kontrolle über das ganze Land.

US-Präsident Ronald Reagan hatte Ghadhafi schon 1986 als «mad dog», als verrückten Hund, bezeichnet und Sanktionen verhängt. Um den Druck zu erhöhen, die Attentäter auszuliefern, zogen 4 Jahre nach Lockerbie auch die Vereinten Nationen nach. Ghadhafi wurde spätestens jetzt als der gefährliche Irre aus Tripolis porträtiert, sein Land isoliert. Was sich 10 Jahre später schnell änderte: Nachdem Ghadhafi dem Terror abgeschworen, die Attentäter ausge­liefert, Libyen zwar keine Schuld, aber «Verantwortung» für die Anschläge anerkannt und Entschädigungsfonds für die Hinterbliebenen der Opfer aufgelegt hatte, vergab und vergass man vor allem in Europa schnell.

Bald durfte Ghadhafi wieder sein legendäres Zelt in Rom und Paris aufschlagen, in Madrid, New York und Moskau. Mit seinen Fantasieuniformen und seiner aus Frauen bestehenden Leib­garde galt er nunmehr bloss als ex­zentrischer Exot. Eine Gefahr sah der Westen nun im islamistischen Terror und der illegalen Migration. Und im Kampf gegen beides konnte man Gha­dhafis immer noch effizient arbeitenden Geheimdienste gut brauchen.

Dennoch wirkt sich der «Toyota-Krieg» von 1987 bis heute auf Libyen aus: Unter den Gefangenen war damals ein Mann, der für Ghadhafi als Kommandant der Truppen im Tschad die «Schatzhöhle» von Wadi Dum be­wachte: Khalifa al-Haftar. Ob Haftar vor 33 Jahren gefangen genommen wurde oderob er überlief, kann nur er selbst be­antworten. Das Ergebnis bleibt jedoch gleich: Nach dem Fiasko von Wadi Dum sagte Haftar sich von Ghadhafi los und verschrieb sich dem Sturz seines einstigen Idols. Im Tschad baute er mit US-Hilfe eine sogenannte Libysche Nationalarmee auf, der jedoch kein grosser Erfolg beschieden war. 1990 nahmen ihn die USA auf, fortan lebte er in Virginia, wohl nicht zufällig in der Nähe der CIA-Zentrale in Langley.

Die Rückkehr des Generals

In seiner Heimat, wo er in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war, tauchte Haftar erst 2011 wieder auf und befehligte Truppenteile, die sich gegen Ghadhafi gestellt hatten. Dass er höhere Ambitionen hatte, als bloss seinen einstigen Verbündeten zu stürzen, zeigte sich 2014: Haftar erklärte in einer Fernsehansprache das Parlament für aufgelöst und kündigte an, gegen Islamisten vorzugehen. Sein Mittel dazu: die «Libysche Nationalarmee» – die denselben Namen trägt wie seine vor drei Jahrzehnten im Tschad gescheiterte Miliz. Und obwohl den selbst er­nannten Generalfeldmarschall zunächst nicht viele ernst nahmen, gelang es ihm, Armeeeinheiten, Teile der Luftwaffe und einige Rebellen auf seine Seite zu ziehen. Zunächst eroberte er die von Islamisten dominierten Städte Benghazi und Derna im Osten des Landes, dann die Ölhäfen in der Landesmitte. Mittlerweile steht Haftar vor den Toren von Tripolis und droht, seinen Krieg gegen die international anerkannte Regierung von Premier Fayez al-Sarraj auf die Hauptstadt auszudehnen. Vereinbarungen zu Waffenstillständen und zur Machtteilung hat der mittlerweile 76-Jährige wiederholt gebrochen. Er will die Kontrolle über das ganze Land. Und weil seine Unterstützer in Ägypten, Russland und den Vereinigten Arabischen Emiraten ihn immer wieder mit Nachschub versorgen (während Sarraj Waffen aus der Türkei erhält), hat die EU in dieser Woche beschlossen, das geltende Waffenembargo mit einer Marinemission durchsetzen zu wollen.

Wie effektiv eine solche Mission sein kann, ist ungewiss, zumal Khalifa al-Haftar seinen Nachschub etwa von den Emiraten meist über den Luftweg erhält. Und ein Mandat zur Einfuhrkon­trolle von Geländewagen dürfte die EU-Mission wohl kaum umfassen.

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