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Für die afghanische Bevölkerung steht nun viel auf dem Spiel

Das US-Abkommen mit den Taliban sieht bis Ende April 2021 den Abzug aller westlichen Soldaten aus Afghanistan vor.

US-Diplomat Khalizad und Talibanchef Baradar. Foto: Epa
US-Diplomat Khalizad und Talibanchef Baradar. Foto: Epa

Für Ghizal Haseeb war es ein ­aufregender Tag. Sie habe im Fernsehen verfolgt, wie knapp 4000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt dieser Vertrag unterschrieben worden sei, sagt sie. «Das sind nicht einfach nur ein paar Blätter Papier, das ist eine Vereinbarung, die das Schicksal der afghanischen Bevölkerung beeinflusst», ist sich die 23 Jahre alte Frau sicher.

In Doha haben sich der amerikanische Diplomat Zalmay Khalilzad und der Talibanverhandlungsführer Mullah Abdul Ghani Baradar am Wochenende in einem Hotel die Hand geschüttelt. Auch US-Aussenminister Mike Pompeo war anwesend, als sie die Vereinbarung unterzeichneten: Nach mehr als achtzehn Jahren Krieg in Afghani­stan soll die Gewalt enden. Die USA und in ihrem Gefolge alle westlichen Soldaten verpflichten sich, unter Bedingungen bis Ende ­April 2021 das Land zu verlassen. Die Taliban versichern dafür, dass Afghanistan für Terroristen kein sicherer Rückzugsort mehr werde.

Für Ghizal Haseeb bietet dieser Tag eine neue Perspektive: auf ein Leben, das nicht mehr von Unsicherheit geprägt ist. Doha «könnte alles verändern», sagt sie. «Ich hoffe, dass dieser Deal uns einen umfassenden Frieden bringt und wir nicht mehr die Geräusche von abgefeuerten Kugeln hören, keine Selbstmordanschläge mehr er­leben müssen. Ich will, dass jeder Mensch in Afghanistan ohne Angst zur Arbeit oder in die Schule gehen kann.» Dass sich ihre Wünsche erfüllen, ist alles andere als gewiss. Denn in Doha haben eineinhalb Jahre lang nur die USA und die Islamisten verhandelt. Die afghanische Re­gierung blieb aussen vor.

Regierung zerstritten

Zwar betonen die Amerikaner, sie würden ihren Abzug daran koppeln, ob sich die Taliban an die Vereinbarungen hielten. So sollen eigentlich innerhalb von zehn Tagen die Gespräche zwischen der Regierung von Prä­sident Ashraf Ghani und den Taliban beginnen. Dennoch kann niemand seriös vorhersagen, ob eine Aussöhnung zwischen den Taliban und Kabul gelingen wird. So will Ghanis Sprecher auch noch nicht von einem historischen Tag in Doha sprechen. Er nennt ihn lieber «einen wichtigen Schritt in Richtung unseres Friedensprozesses».

Schliesslich gibt es in Afghanistan auch noch keinen Konsens zwischen den politischen Fraktionen. Seit der Wiederwahl von Präsident Ghani ist sein bisheriger Regierungspartner Abdullah Abdullah davon überzeugt, bei der Abstimmung betrogen worden zu sein. Abdullah will nun eine Parallelregierung auf die Beine stellen – ungünstige Vorzeichen für einen politischen Block, der sich den Taliban in Verhandlungen entgegenstellt.

In Pakistan neu gruppiert

Doch vom politischen Chaos will sich Ghizal Haseeb gerade nicht die Laune verderben lassen. Die Studentin ist zu Zeiten des Talibanregimes geboren worden, und sie war noch ein kleines Kind, als Osama Bin Laden von Afghanistan aus die Anschläge auf die USA am 11. September 2001 orchestrierte. Bald darauf kamen die amerikanischen Soldaten in ihr Land. Sie vertrieben die Taliban und machten Jagd auf Bin Laden. Die Taliban konnten sich jedoch von Pakistan aus neu gruppieren.

Donald Trump betont nun voller Stolz, er sei es, der die Afghani­stan-Mission beende und die Soldaten endlich nach Hause hole. Die Taliban ihrerseits inszenieren sich als Gruppierung, die der Supermacht die Stirn geboten und die ausländischen Besatzer zum Abzug bewogen habe.

Entscheidender für Afghaninnen wie Ghizal Haseeb ist die Frage, wie es nun mit ihrem Land weitergeht. Dass die junge Frau in Kabul Betriebswirtschafts­lehre studieren kann, wäre zu Zeiten des Talibanregimes undenkbar gewesen. «Werden die Taliban die Frauen so wie früher behandeln?», fragt sie. Eine Antwort hat noch niemand.

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