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Genau im Fadenkreuz der Rebellen – und der Armee

In Kongo haben die Gefechte zwischen Regierungstruppen und Tutsi-Rebellen bisher über 250'000 Menschen vertrieben. Eine Reise zu verzweifelten Flüchtlingen im eigenen Land und ins Reich von Rebellenchef Laurent Nkunda.

Der alte Mann blickt zum Himmel, und seine müden Augen sehen schwarz. Dicke Wolken ballen sich zusammen, gleich werden sie sich mit aller Kraft entladen. Seit Tagen schon prasselt der Regen auf die steilen, grünen Hänge herab. Und er macht alles noch schlimmer. Hätten sie wenigstens ein Dach über dem Kopf. Doch David Bibutshuhoze sagt: «Wir haben nichts, ausser den Kleidern, die wir auf dem Leib tragen.» Der alte Mann hat blaue Flipflops an den Füssen, eine dünne Hose, ein T-Shirt und eine Jeansjacke. Damit muss er nun den Unwettern trotzen, in einer Höhe über 2000 Metern.

Verhallende Friedensappelle

Hier, in den unwegsamen Bergen entlang der kongolesisch-ugandischen Grenze, kämpfen Tausende Flüchtlinge ums Überleben, keiner weiss genau, wie viele es sind. Der Krieg im Osten Kongos hat sie weit versprengt. Und die Vereinten Nationen wissen nicht, wie sie all die Menschen finden, geschweige denn versorgen sollen. Unten, in den Tälern, flammen immer wieder Kämpfe auf und bremsen die Arbeit der Helfer, die Nahrung, Medizin, Zelte und Decken verteilen.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon beklagt ein Drama «katastrophalen Ausmasses», Minister aus Europa und Amerika trafen am Wochenende die Staatschefs der Region, um das Morden zu beenden. Doch die Friedensappelle verhallen schnell in den Hügeln von Kivu. Dort sprechen Mörser und Kalaschnikows. Wer überleben will, muss fort, so schnell er kann.

In den Bergen nördlich des Grenzortes Busanza ist kein Gefechtslärm zu hören. Dennoch sei noch keine Hilfe angekommen, sagen die Flüchtlinge. Nur schmale Pisten führen hier herauf, die in der Regenzeit schwer zu befahren sind. Überall gähnen tiefe Abgründe, sodass selbst ein Allrad-Jeep an seine Grenzen stösst. Dann geht es nur zu Fuss noch weiter.

Jede Nacht wird zur Qual

Die Vertriebenen von Busanza haben sich aus Ästen kleine Iglus zusammengeflochten, die sie mit Gras und Bananenblättern abdecken. Wie Pilze krallen sie sich in die steilen Hänge. Aber ein trockener Unterschlupf ist das nicht. Ohne Decken und Planen wird jede Nacht zur Qual. Die Kinder stehen stumm zusammen, sie sind barfuss und husten. «So viele hier sind krank, und wir haben keine Medizin», fleht der alte Mann.

Wer Glück hat, findet Zuflucht bei verwandten ugandischen Bauern. Auf beiden Seiten der Grenze leben viele Hutus. Und die Flüchtlinge, die nun aus Kongo nach Uganda kommen, fürchten die Truppen des aufständischen Tutsi-Generals Laurent Nkunda, der grosse Gebiete in Ostkongo erobert hat.

Wer den Blick von Busanza nach Süden schweifen lässt, erblickt die Kegel der Virunga-Vulkane, die sich zu einer grandiosen Viererkette reihen. Man könnte die Bergwelt im Dreiländereck Kongo, Uganda und Ruanda geniessen – tobte unten in den Tälern nicht ein vertrackter Krieg. Seit Ende August haben die Gefechte zwischen kongolesischen Regierungstruppen und Tutsi-Rebellen mehr als 250000 Menschen vertrieben. 800'000 Menschen mussten schon bei früheren Kämpfen fliehen. Und von allen kämpfenden Gruppen in Kongo, auch der Armee, sind Kriegsverbrechen dokumentiert. Die Truppen Nkundas sind bis an die Stadt Goma herangerückt, er droht sogar, bis in die ferne Hauptstadt Kinshasa zu marschieren, wenn die Regierung nicht mit ihm rede. Die nationale Armee ist geflohen, die UN-Friedenstruppe Monuc hilflos, und die Weltgemeinschaft, die 2006 freie Wahlen in Kongo mit Milliardenhilfe unterstützte, wirkt überrumpelt. Die Monuc hat den Auftrag, Zivilisten zu schützen, doch meist kommt sie zu spät –wenn sie überhaupt auftaucht.

Der Krieg sei zurückgekehrt, sagen manche. Doch in Wahrheit hatte er gar nie aufgehört. Kaum etwas ist geschehen, um den Konflikt in Nordkivu zu lösen. So triumphiert Kriegstreiber Nkunda gegen die unfähige Armee von Präsident Joseph Kabila – und legt die Saat für noch mehr Gewalt, noch mehr Vertreibung, noch mehr Elend. Niemand ist bereit, die Rebellen zu stoppen.

Wie in einem Polizeistaat

Der Weg ins Reich von Laurent Nkunda führt über den Grenzort Bunagana, ganz im Süden Ugandas. Hinter dem Schlagbaum herrschen die Milizen. Es ist noch früher Morgen, der Regen prasselt, die Milizionäre haben sich in grüne Jacken gehüllt und frösteln. Oben auf dem Hügel haben sie ihre Artillerie eingegraben. Bunagana ist eine Hochburg der Rebellen, von Blauhelmen keine Spur. Vertreter des kongolesischen Staates sind auch nicht mehr anzutreffen, in der Polizeistation hausen die Ziegen. Wer von hier aus weiterreisen will, muss mit einem der Männer von Nkunda verhandeln. Mit seiner randlosen Brille erinnert er mehr an einen Psychologiestudenten im dritten Semester als an einen Buschkämpfer. Dieudonné heisst er – «Geschenk Gottes». Er ist eloquent und gibt sich freundlich. Doch jeder Schritt, den der Besucher fortan macht, wird von den Rebellen überwacht. Es ist wie in einem Polizeistaat – nur dass Nkunda keinen Staat regiert, auch wenn er dies gerne so hätte. Doch die Nkunda-Milizen sind Besatzer, die tun und lassen können, was ihnen gefällt. Recht und Gesetz gibt es nicht, Nkundas Reich ist ein Reich für Tutsis, in dem andere kuschen und knechten müssen, wollen sie überleben. Ständig spricht Nkunda von den Dämonen, die 1994 Ruanda in den Völkermord stürzten und nun auch seine Volksgruppe in Kivu bedrohten. Doch die Geschichte der Tutsi-Minderheit in Kongo ist kompliziert. Nkundas Versuch, seine Volksgruppe nur als Opfer darzustellen, verzerrt das Bild. Derzeit sind Nkundas Kämpfer fest entschlossene Täter, seine Truppen setzen brachial militärische Ziele durch. Sie haben keinen Rückhalt bei den kongolesischen Wählern, die den Frieden ersehnen und die von Ruanda gestützten Tutsis als brutale Besatzer empfinden.

Begehrter Rohstoff Coltan

Viele Kongolesen sind überzeugt, dass Nkunda nur ein Wirtschaftsimperium schützen will, das die Tutsis mit Hilfe des ruandischen Präsidenten Paul Kagame in zwei Kongo-Kriegen aufgebaut haben. Jetzt, da Nkunda ein zusammenhängendes Gebiet kontrolliert, sieht alles danach aus, dass er seine autonome Provinz abstecken will. Ruanda, das die USA im Rücken weiss, hätte damit einen Brückenkopf mitten in Kongo, der die Ausbeutung von Rohstoffen sichert, etwa des seltenen Coltan, das die Handyindustrie dringend braucht. Es ist kaum ein Zufall, dass Nkunda neuerdings sagt, er kämpfe auch gegen einen 5-Milliarden-Deal der Regierung, der den Chinesen Zugang zu den Rohstoffen der Region sichern soll.

Präsident Kabila wird militärisch zurückschlagen, wenn er kann. Schon hat er, sofern UN-Beobachtungen zutreffen, Truppen aus Angola an seiner Seite, um gegen Nkunda zu kämpfen. Wie in früheren Jahren intervenieren die Nachbarländer. Die Hutu-Milizen, die Kabila zu entwaffnen versprach, bleiben unangetastet. Und der Krieg weitet sich aus.

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