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Israelische Armee übt an der Nordfront

Israel hat indirekte Gespräche mit Syrien begonnen. Doch die Militärs proben vorläufig den Krieg – gegen die Hizbollah von Hassan Nasrallah und dessen Gönner in Damaskus.

Der Berg Adir liegt auf halber Strecke zwischen Rosh Hanikra, dem israelisch-libanesischen Grenzübergang am Mittelmeer, und Metulla, der nördlichsten Ortschaft Israels. Aus 1000 Meter Höhe blickt man weit über Land. Westwärts sieht man Zarit. Dort entführten Milizen der Hizbollah am 12. Juli 2006 die israelischen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev und lösten den zweiten Libanonkrieg aus.

Ostwärts, etwas jenseits der Grenze, liegen die Schiitenhochburgen Maroun al-Ras und Bint Jbeil. Den Einwohnern dort können die israelischen Militärs von ihren Beobachtungsposten aus quasi über den Tellerrand schauen. Trotzdem wurde Bint Jbeil für sie vor zwei Jahren zur Todesfalle. Am 26. Juli 2006 wollten die Israeli das südlibanesische Städtchen stürmen. In wenigen Stunden verloren sie acht Mann.

Sechs Jahre trügerische Ruhe

Für Kobi Marom zeigte sich dabei exemplarisch, wie tief die israelische Armee gesunken war. Der Oberst der Reserve hat im ersten Libanonkrieg eine Brigade befehligt. Mit jenem Feldzug, der 1982 begann, hatten Premier Menachem Begin und sein damaliger Verteidigungsminister Ariel Sharon die palästinensischen Flüchtlinge nach Jordanien vertreiben und im Libanon eine Marionettenregierung einsetzen wollen. Die Pläne scheiterten. Stattdessen erstarkte die Hizbollah. Maron gesteht, dass er nur «schweren Herzens» akzeptiert habe, dass Ehud Barak als Ministerpräsident im Mai 2000 die Truppen aus dem Südlibanon abzog. Schon im Oktober jenes Jahres drangen Hizbollah-Kämpfer am Berg Dov auf israelisches Territorium vor und verschleppten drei israelische Soldaten. Auf diese und andere Provokationen hat Israel laut Marom gar nicht oder nur lau reagiert.

«Sechs Jahre lang wiegten wir uns in trügerischer Ruhe», sagt Marom. «Vor unsern Augen bauten die Iraner derweil ein beträchtliches Waffenarsenal auf. Im zweiten Libanonkrieg kam das jähe Erwachen. Zwei Wochen brauchte die Armeeführung, bis sie begriffen hatte, dass dieser Krieg mit der Luftwaffe allein nicht zu gewinnen war. Selbst wenn wir in Bint Jbeil 1000 Häuser bombardierten, so änderte das militärisch nichts, solange sich unsere Gegner in Bunker zurückziehen konnten, die mit herkömmlichen Bomben nicht zu zerstören sind. Als die Bodentruppen endlich zum Einsatz kamen, rächte sich das mangelnde Training.»

Er äussere nur seine private Ansicht, betont Marom, der den Armeedienst quittiert hat. Ähnliche Töne schlägt die Winograd-Kommission an, die das Debakel des Sommers 2006 im Auftrag der Regierung untersucht hat. Jüngst doppelte General Moshe Ivri-Sukenik nach, der die Bodentruppen im Norden vor Jahren selbst kommandiert hatte.

Nach dem zweiten Libanonkrieg prüfte er die Kampfbereitschaft einer bestimmten Division. Dabei entdeckte er, wie er der Zeitung «Haaretz» erzählte, dass es an den elementarsten Dingen gefehlt hatte. «Können Sie sich vorstellen, dass die keine Karten von den Golanhöhen hatten? Die Truppen verstanden auch nicht, was es heisst, sich im Gebirge zu bewegen.»

Einige Lehren habe man aus den Turbulenzen gezogen, räumt Ivri-Sukenik ein, aber es werde nach wie vor zu wenig trainiert. Prompt würden auch wieder Kürzungen des Verteidigungsbudgets diskutiert. «Dabei ist es immer das Einfachste, in der Ausbildung zu sparen, weil sie einiges kostet. Doch wirkt sich das sofort aus. Wenn wir hier kürzen, wird der Bereitschaftsgrad schon im nächsten Jahr wieder vermindert sein», warnt der pensionierte General. Ein Kompaniekommandant der Bodentruppen müsse stets bereit sein, «das übt man nicht im Internet», mahnt er. Noch immer verwende man zu viel Trainingszeit für den Einsatz in Nablus oder Gaza statt für einen grösseren Krieg. «Wer ein Bataillon führt, muss wissen, wie er im Golan verteidigt und angreift», beharrt Ivri-Sukenik.

Israels Generalstab widerspricht. Man sei heute besser auf einen möglichen Krieg im Norden vorbereitet als 2006, verlautet aus dem Gremium, dem der Kritiker einst selber angehörte. Die 7. Brigade etwa, die in Bint Jbeil ein schlechten Eindruck machte, nahm im Sommer auf den Golanhöhen an einem Manöver teil. Fallschirmspringer probten ein libanesisches Szenario: Sie landeten in schwierigem Terrain und versuchten, ihre Aufgaben unter simuliertem Artilleriefeuer zu erfüllen. Panzer übten den Zusammenstoss mit einer Armee, die der syrischen glich.

Mandat der Blauhelme beschränkt

Das sei kein Zufall, Israel müsse «an allen Fronten gegen böse Überraschung gefeit sein», unterstreicht Eli Rubinstein, Offizier der Informationsabteilung. Wir fahren mit ihm die Strasse ab, die zwischen Rosh Hanikra und Metulla direkt entlang der Grenze verläuft. Jenseits des Grenzzauns patrouillieren Blauhelme. Die 15 000 Mann der Unifil sollen gemäss Uno-Resolution 1701, die den zweiten Libanonkrieg beendete, die libanesische Armee bei der Kontrolle des Grenzgebietes unterstützen. Noch flattern hier aber neben Uno-Flaggen auch solche der Hizbollah.

Dennoch erfüllten die internationalen Truppen ihren Auftrag heute gewissenhafter als auch schon, sagen Kibuzzim in Malkiya und Kfar Giladi. Spanier, Italiener und Franzosen täten, was sie könnten, ihr Mandat sei freilich beschränkt. «Zudem operiert die Unifil nur südlich des Litani-Flusses. Für das Gebiet nördlich davon ist sie nicht zuständig. Dort rüstet die Hizbollah weiter auf und schafft über Syrien iranische Raketen mit stets grösseren Reichweiten heran», erklärt Rubinstein.

Indirekte Friedensgespräche mit Syrien hin oder her, Israels Armee hält sich einstweilen an die alte römische Maxime: «Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.» Die USA sagten am Freitag neue Unterstützung zu. Das Pentagon will der israelischen Luftwaffe 1000 Bomben des Typs GBU-39 liefern. Damit lassen sich Bunker tief im Untergrund durchdringen – im Libanon, im Iran und anderswo.

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