Jerusalem droht mit Krieg 

Israelis und Palästinenser verhandeln eigentlich über eine Waffenruhe. Trotzdem schlagen Raketen ein.

Nach dem israelischen Bombardement am Mittwoch: Flammen und Rauch in Gaza-Stadt. Foto: Mahmud Hams (AFP)

Nach dem israelischen Bombardement am Mittwoch: Flammen und Rauch in Gaza-Stadt. Foto: Mahmud Hams (AFP)

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Die Nacht hat Itsik Askapa im Bunker verbracht. «Ich bin in Ordnung, ich habe trotzdem gut geschlafen», sagt der Anti-Terror-Experte. Der Israeli fügt lakonisch hinzu: «Ich bin das gewohnt. Warum soll ich mich fürchten?» Jede Wohnung in Sderot muss über einen Schutzraum verfügen, entlang der Strassen gibt es alle paar Hundert Meter Unterschlupfmöglichkeiten. Die Stadt mit 25'000 Einwohnern liegt nur fünf Kilometer Luftlinie vom Gazastreifen entfernt und gilt als der Ort mit den weltweit meisten Bunkern.

Die ersten von insgesamt neun Raketen auf Sderot landeten Mittwochabend. Spielplätze und Restaurants wurden sofort geräumt. Elf Menschen wurden verletzt, eine Frau schwer. 13 erlitten einen Schock. Alle Bewohner in den Orten entlang des Gazastreifens wurden auch am Donnerstag aufgerufen, in der Nähe von Bunkern zu bleiben. Immer wieder wurde Raketenalarm ausgelöst. Mehr als 180 Geschosse wurden aus dem Gazastreifen abgefeuert. Die meisten landeten auf freiem Feld.

Israels Armee flog in mehreren Wellen Vergeltungsangriffe und bombardierte nach eigenen Angaben 150 Ziele im Gazastreifen. Im Visier waren vor allem Raketenabschusssysteme und Tunnel. Nach Angaben palästinensischer Behörden wurden drei Menschen getötet, darunter der 30-jährige Sohn eines Qassam-Kämpfers. Ausserdem sollen eine schwangere 23-jährige Frau und ihre 18 Monate alte Tochter bei einem Angriff umgekommen sein.

Blockade aufheben

Abed Schokry, seine Frau und die vier Kinder haben erst gegen halb sechs Uhr früh etwas Schlaf gefunden. Der Palästinenser, der in Europa biomedizinische Technik studiert hat, versammelte seine Familie in Gaza-Stadt in einem Raum in der Nähe des Treppenhauses, das zur Strasse hin liegende Schlafzimmer erschien ihm zu unsicher. Aus der Nachbarwohnung seien immer wieder Schreie zu hören gewesen. «Besonders für unsere fünfeinhalb Jahre alte Tochter ist die Situation sehr schwer zu ertragen. Aber wir sind wenigstens unversehrt», sagt er.

Massive Reaktion der israelischen Streitkräfte: Raketeneinschlag in Gaza-Stadt. Foto: Reuters

Wie ist es zu dieser Eskalation gekommen? Schokry sagt, da habe offenbar noch jemand Stärke zeigen wollen – und verweist auf die Verhandlungen über eine dauerhafte Waffenruhe, die seit Tagen geführt werden und auf gutem Wege zu sein schienen. Am Mittwoch hatte die Hamas-Führung darüber beraten. Unter der Vermittlung von Ägypten und des UNO-Nahostbeauftragten Nikolai Mladenow wurde über einen auf fünf Jahre angelegten Plan verhandelt.

Der Vorschlag sieht vor, dass Israel und Ägypten nach einer Waffenruhe die Blockade des abgeriegelten Küstenstreifens aufheben, dann wird in den Wiederaufbau der Infrastruktur investiert. In die Verhandlungen eingebunden sind Israel, die Palästinensische Autonomiebehörde von Präsident Mahmoud Abbas und die Hamas.

Neuer Militäreinsatz im Gazastreifen möglich

Am Donnerstagmittag verkündete die Vereinigung für den bewaffneten Widerstand, hinter der die Hamas und die zweitgrösste Fraktion Islamischer Jihad stehen, einen Waffenstillstand. «Diese Eskalation ist aufgrund von internationaler und regionaler Vermittlung vorbei», hiess es in einer Stellungnahme. Ob die Gewalt beendet sei, liege nun an Israel. Drei Stunden später schlug in der Nähe des israelischen Beer Sheva eine Rakete ein – seit 2014 war man hier, 40 Kilometer vom Gazastreifen entfernt, nicht mehr mit Geschossen konfrontiert gewesen.

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Als Erklärung für den überraschenden Raketenhagel wird im Gazastreifen die Tötung zweier Kämpfer der Qassam-Brigaden, des bewaffneten Arms der Hamas, durch israelische Angriffe vermutet. Nach Einschätzung des ehemaligen israelischen Brigadegenerals Jossi Kuperwasser wollte die Hamas damit zeigen, dass man nicht aus einer Position der Schwäche heraus bereit sei, eine Vereinbarung mit Israel und auch der Palästinensischen Autonomiebehörde einzugehen. Israel sei möglicherweise zu einer weiteren Eskalation gezwungen, sagt Kuperwasser.

Derweil mehrten sich die Anzeichen, dass es zu einem neuen Militäreinsatz im Gazastreifen kommen könnte. Das israelische Sicherheitskabinett kam vergangenen Donnerstag zu seiner zweiten Sitzung innert 24 Stunden zusammen. Premier Benjamin Netanyahu und Verteidigungsminister Avigdor Lieberman hatten die Nachtstunden im Hauptquartier der Armee verbracht. Lieberman ist seit längerem für eine Militäroperation im Gazastreifen. Selbst Oppositionspolitiker erhöhten den Druck auf Netanyahu, endlich zu handeln.

Evakuierungen geplant

Denn es ist das dritte Mal binnen kurzer Zeit, dass die Hamas Dutzende Raketen nach Israel abfeuert und dann nach wenigen Stunden einen Waffenstillstand verkündet. Nicht nur in Militärkreisen wird diskutiert, warum sich Israel von der Hamas das Vorgehen diktieren lasse. Zum ersten Mal seit dem Beginn der Auseinandersetzungen am 30. März mit inzwischen etwa 160 Toten erklärte ein Armeesprecher, man bereite sich auf die Evakuierung israelischer Orte entlang des Gazastreifens vor.

Auch die Hamas gerät unter Druck, weil sich die humanitäre Lage verschlechtert. Die UNO hat Israel aufgefordert, wieder Treibstoff durchzulassen, der für Generatoren gebraucht werde. Sonst müssten Spitäler schliessen. «Hoffentlich kommt es bald zu einer Vereinbarung, die Leidtragenden sind die normalen Menschen auf beiden Seiten», sagt der Palästinenser Schokry. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2018, 08:47 Uhr

Ein Friedensplan existiert nicht

Es ist Sommer, und das heisst im Nahen Osten oft, es ist Kampfeszeit. Der Sechstagekrieg 1967, die Libanon-Feldzüge 1982 und 2006, die Gaza-Offensive 2014 – bei den meisten der Kriege, Präventivschläge und Vergeltungsaktionen, die Israels Armee durchgeführt hat, rief sie die Soldaten und Reservisten in den Monaten zwischen Juni und September an die Front.

Doch nicht nur das zieht sich wie ein rotes Band durch die Geschichte der israelischen Militäreinsätze. Die meisten waren von dem Dilemma geprägt, in dem ­Israel auch heute steckt, da ein weiterer Gaza-Feldzug immer wahrscheinlicher wird: Dass die hochgerüstete israelische Armee einen militärischen Sieg erringen wird, ist eigentlich sicher. Die Frage ist jedoch jedes Mal wieder aufs Neue, wie viel ihr dieser Sieg bringen wird.

Der Sieg, den Israels Armee 1967 erkämpfte und durch den das Land die Kontrolle über den Sinai, den Gazastreifen, die Golanhöhen und über Ost-Jerusalem und das Westjordanland ­errang, erwies sich als vergiftet: Israel erhöhte zwar seine Sicherheit, indem es die Armeen der arabischen Staaten vernichtend schlug und seine Grenzen vom Kernland wegschob. Folge ist aber auch die zumindest im Westjordanland bis heute anhaltende Besatzung, die dem Land scharfe Kritik einbringt, gegen die sich die Palästinenser in zwei Intifadas erhoben und deren Ungerechtigkeiten bis heute dafür sorgen, dass der Hass auf Israel von Generation zu Generation weitergegeben wird. Und natürlich auch, weil Scharfmacher auf der palästinensischen Seite die Verhältnisse für ihre Indoktrination nutzen.

Abzug brachte neue Gewalt

Dass jedoch die Gewalt erst richtig eskalieren kann, wenn Israel gesiegt hat, zeigen die Beispiele Libanon und Gazastreifen. Bei allen Unterschieden ähneln sich die Grundmuster: Israels Armee hielt den Südlibanon von 1982 bis 2000 besetzt, den Gazastreifen von 1967 bis ins Jahr 2005, als der damalige Premier Ariel Sharon einen Abzug gegen starke Widerstände durchsetzte. Kurz nach dem Abzug begannen Grenzscharmützel und Raketenbeschuss. Im Libanon provozierte die schiitische Hizbollah, bis Israel vom 12. Juli 2006 an in 33 Tagen versuchte, die Stellungen der von Iran unterstützen Miliz zu zerstören – was nur teilweise gelang. Nach dem Waffenstillstand kehrte die Hizbollah zurück, heute ist sie stärker denn je.

Im Gazastreifen stellt sich das Problem verschärft, weil Israel durch seine bis heute anhaltende Blockade weiter die Lebensbedingungen dort mitbestimmt. Weite Teile des Gazastreifens sind seither verwüstet, die Wirtschaft liegt am Boden. Die UNO stuft das abgeriegelte Gebiet, das als das am dichtesten besiedelte der Welt gilt, als «unbewohnbar» ein – für Radikale ideale Voraussetzungen zum Rekrutieren. ­Israel konnte die Attacken mit Brandbomben, die Militante nun zusätzlich zu Raketen mit Drachen über die Grenze schicken, nicht verhindern. Auch deshalb scheint Israels Armee auf einen neuen Sommerkrieg zu drängen – wie danach ein friedlicher Herbst erreicht werden könnte, weiss jedoch niemand.

Moritz Baumstieger

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