Manal al-Sharifs Autofahrt in die Freiheit

Nur weil sich Manal al-Sharif in Saudiarabien das Recht herausnahm, ein Auto zu steuern, musste sie das Land verlassen. Sie bezeichnet die saudischen Frauen als Sklavinnen.

Frauen, die in Saudiarabien Auto fahren, machen sich strafbar und werden massiv bedroht.

Frauen, die in Saudiarabien Auto fahren, machen sich strafbar und werden massiv bedroht.

(Bild: Keystone)

Manal al-Sharif hat zwei Leben: Das eine vor dem 19. Mai 2011, das andere danach. An jenem Tag tat die damals 32-jährige saudiarabische Frau etwas, das in der west­lichen Welt keine Nachricht wert wäre: Sie fuhr Auto. «An dem Tag war es einfach ein simpler Akt des Widerstands», erinnerte sich Sharif, die heute in Sydney lebt, im Gespräch mit dem australischen Sender SBS.

Revolution auf Youtube

Der Akt des Widerstands wurde zur Revolution – denn Manal al-Sharif liess sich während der Autofahrt filmen und interviewen und lud das Video im Anschluss auf Youtube, wo es innerhalb nur eines Tages 700 000 Menschen anschauten. Im Video sprach sie darüber, warum Frauen das Recht haben sollten, Auto zu fahren, und warum dies sogar essenziell wichtig sei. «Was soll eine Frau während eines Notfalls tun?», fragte sie im Video. «Falls – Gott bewahre – ihr Ehemann bei ihr ist und einen Herzinfarkt oder etwas anderes hat.»

Saudiarabien ist noch immer das einzige Land der Erde, das Frauen das Autofahren verbietet. Auch das sonstige Leben der saudischen Frauen ist von Männern beeinflusst: Um zu reisen, zu arbeiten, zu studieren oder zu heiraten, brauchen sie die Einwilligung eines männlichen Vormundes – im Normalfall der Vater, ein Bruder oder Verwandter. Auch Manal al-Sharif wuchs in einem strengen Haushalt auf. Sie selbst nennt ihn gar «extremistisch». Erst mit 21 Jahren hörte sie zum ersten Mal Musik – ein Lied der Backstreet Boys. Ihr Bruder war dafür verantwortlich. «Es gibt Leute, die immun sind gegen die Gehirnwäsche unserer Gesellschaft», sagte sie. Ihr Bruder sei einer davon. Musik werde in Saudiarabien als «Lava aus dem Höllenfeuer» betrachtet, die man in seine Ohren schütte.

Kampf gegen Vormundschaft

Im konservativen und streng religiösen Saudiarabien war dann auch die Reaktion auf ihr Youtube-Video extrem. «Ich bekam Morddrohungen, man drohte mir, mich zu vergewaltigen», sagte Manal al-Sharif. Manche Leute seien sogar zu ihr ins Büro gekommen und hätten sie beschimpft. Sharif arbeitete damals als Computeringenieurin.

Doch die saudische Frau war nicht kleinzukriegen. Drei Tage später fuhr sie erneut Auto – dieses Mal zusammen mit ihrem Bruder. Sie wurde von der Polizei gestoppt und festgenommen, wieder freigelassen und wenig später erneut verhaftet. Amnesty International schaltete sich einund nannte Sharif eine «politische Gefangene». Als ihr Bruder ihre Entlassungspapiere unterzeichnete, kam sie nach neun Tagen schliesslich frei. «Mein Problem ist nicht so sehr, dass ich nicht Auto fahren darf, sondern dass ich als das Eigentum von Männern betrachtet werde, mit einem Stück Papier, das mich von einem Mann zum nächsten überträgt», sagte Sharif. Das mache sie und die anderen 9 Millionen Frauen in Saudiarabien zu Sklavinnen.

Kind zurückgelassen

Nach der Autofahrt musste Sharif auf viel verzichten: Sie hat ihr Land verlassen, ihren Arbeitsplatz aufgegeben und ihren Sohn aus erster Ehe bei der Familie ihres geschiedenen Mannes zurückgelassen. Inzwischen lebt sie mit einem neuen Partner und ihrem zweiten Sohn in Sydney, ihren älteren Sohn kann sie nur ab und zu besuchen. Doch ihr Kampf für die Freiheit der saudischen Frauen geht weiter. Sie hat ein Buch veröffentlicht und reist weltweit herum, um auf die Situation in ihrem einstigen Heimatland aufmerksam zu machen und einen positiven Wandel anzustossen.

Denn sie tue dies alles nicht, weil sie ihr Land hasse, ganz im Gegenteil. «Ich liebe mein Land», sagte die Aktivistin bereits während eines Ted-Talks 2013, der von eineinhalb Millionen Menschen angeschaut worden ist. «Ich glaube aber, dass eine Gesellschaft nicht frei ist, bevor nicht die Frauen dieser ­Gesellschaft frei sind.»

Berner Zeitung

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