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Mursis Islamisten schlagen zurück – 30 Tote

Die gewalttätigen Proteste gegen die Absetzung Mursis gehen weiter: Im Norden des Sinai erstürmten Islamisten einen Gouverneurssitz. Zudem soll sich eine neue Extremisten-Gruppe formiert haben.

Die Regierungsbildung schreitet voran: Mohammed al-Baradei wird vom Interimspräsidenten Adli Mansur als Vizepräsident vereidigt. (14. Juli 2013)
Die Regierungsbildung schreitet voran: Mohammed al-Baradei wird vom Interimspräsidenten Adli Mansur als Vizepräsident vereidigt. (14. Juli 2013)
AP/zvg
Angriff der Islamisten: Ein zerstörtes Panzerfahrzeug in al-Arish. (12. Juli 2013)
Angriff der Islamisten: Ein zerstörtes Panzerfahrzeug in al-Arish. (12. Juli 2013)
AP Photo/Muhammed Sabry
Ende Juni intensivierten sich die Proteste gegen den damaligen Präsidenten Mursi. Die Forderung auf dem Tahrir-Platz ist missverständlich. (30. Juni 2013)
Ende Juni intensivierten sich die Proteste gegen den damaligen Präsidenten Mursi. Die Forderung auf dem Tahrir-Platz ist missverständlich. (30. Juni 2013)
Keystone
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Ägyptens Sicherheitskräfte bereiten sich auf neue Zusammenstösse mit Anhängern der entmachteten Staatsführung vor: Bewaffnete Bereitschaftspolizisten bezogen Stellung an mehreren Strassenkreuzungen und Brücken der Hauptstadt Kairo.

Zudem hat sich eine neue Extremisten-Gruppe formiert. Ansar al-Scharia gab ihre Gründung am Freitag auf einer Internet-Seite bekannt.

Die Absetzung des Islamisten Mursi sowie die Schliessung von TV-Sendern und der Tod von islamistischen Demonstranten laufe auf eine Kriegserklärung gegen den Islam in Ägypten hinaus, hiess es dort. Darüber berichtete die US-Organisation Site, die sich auf die Beobachtung von Islamisten-Foren im Netz spezialisiert hat.

Diese verwandelten das Land in «einen Kreuzritter und ein weltliches Monster.» Al-Scharia kündigte an, sich für das islamische Recht - die Scharia - einzusetzen. Dieses sollte notfalls auch mit Gewalt verteidigt werden. Dazu würden Waffen gesammelt und mit der Ausbildung der Mitglieder begonnen.

Mindestens 30 Tote

Am «Tag des Zorns» der islamistischen Muslimbruderschaft ist in Ägypten die Gewalt eskaliert: Mindestens 30 Menschen kamen bis in die Nacht zum Samstag nach Angaben des Gesundheitsministeriums bei Zusammenstössen zwischen Anhängern und Gegnern des abgesetzten Präsidenten Mohammed Musi ums Leben, mehr als 200 wurden verletzt. Brennpunkte waren der Tahrir-Platz und die Nil-Brücke des 6. Oktobers in Kairo sowie Alexandria und Al-Arisch auf der Sinai-Halbinsel. Angesichts der angespannten Lage traf der neue Übergangspräsident Adli Mansur mit Armeechef Abdel Fattah al-Sissi und Innenminister Mohammed Ibrahim zusammen, wie aus Behördenkreisen verlautete.

Auf der Nil-Brücke kam es am Freitagabend zu einer regelrechten Strassenschlacht, als Anhänger Mursis Richtung Tahrir-Platz strömten, wo sich zahlreiche Gegner des abgesetzten Präsidenten aufhielten. Beide Seiten feuerten Schüsse und Feuerwerkskörper ab, Steine flogen. Schützenpanzer der Streitkräfte tauchten erst nach einiger Zeit auf und drängten die Mursi-Anhänger zurück.

Muslimbruderschaft will Protesten nicht beenden

Kurz zuvor hatte der Führer der Muslimbruderschaft, Mohammed Badia, vor Zehntausenden von Islamisten erklärt, die Muslimbruderschaft werde ihre Strassenproteste nicht beenden, bis Mursi wieder als Präsident eingesetzt sei. «Gott mache Mursi siegreich und bringe ihn zurück in den Palast», sagte Badia vor Anhängern vor einer Moschee in Kairo in seinem ersten öffentlichen Auftritt seit Mursis Absetzung am Mittwochabend. «Wir sind seine Soldaten und wir verteidigen ihn mit unseren Leben».

Stunden später wurde Badias Stellvertreter, Chairat al-Schater, wegen Anstiftung zur Gewalt gegen Demonstranten zusammen mit seinem Bruder in Kairo verhaftet, wie das Innenministerium mitteilte. Al-Schater gilt als der eigentliche starke Mann der Muslimbruderschaft. Er war ihr ursprünglicher Kandidat für die Präsidentenwahl, durfte aber wegen einer vorherigen Gefängnisstrafe nicht antreten. An seiner Stelle kandidierte Mursi und wurde vor einem Jahr der erste freigewählte Präsident Ägyptens.

In der Hafenstadt Alexandra seien mindestens zwölf Menschen bei Zusammenstössen zwischen Gegnern und Anhängern Mursis getötet worden, teilte ein Sprecher der Rettungsdienste, Amr Salama, mit. Zu den Zusammenstössen sei es gekommen, als Hunderte von Islamisten zu einer Kundgebung von Mursi-Gegnern strömten und das Feuer mit Schusswaffen eröffnet hätten. Mursi-Anhänger stachen einen Mann nieder und warfen ihn vom Dach eines Gebäudes, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AP berichtete. Der Mann hatte zuvor die ägyptische Flagge gehisst und Beleidigungen gegen Mursi ausgestossen.

In der Stadt Al-Arisch wurden derweil bei Schiessereien mit militanten Islamisten fünf Polizisten getötet, wie Sicherheitskreise berichteten. Hunderte ägyptische Islamisten hatten dort in der Nacht zum Samstag den Sitz des Gouverneurs erstürmt. 18 Menschen erlitten Schussverletzungen. Am Mittag befanden sich immer noch Dutzende Islamisten in dem Amtsgebäude, wie Augenzeugen berichteten. Die Sicherheitskräfte griffen nach eigenen Angaben nicht ein, um weiteres Blutvergiessen zu vermeiden. Die dünn besiedelte Provinz Nord-Sinai grenzt an Israel und den Gazastreifen und hat eine Fläche von rund der Hälfte der Schweiz.

In Kairo waren der Tahrir-Platz und seine Umgebung am Samstagmorgen grösstenteils leer. Zurück blieben Trümmer - Überbleibsel der nächtlichen Kämpfe.

«Das Militär ist in eine Falle gegangen»

Die Islamisten hatten angekündigt, nach der Absetzung Mursis am Mittwochabend ihre Massen zu mobilisieren. Davor hatte es vier Tage Massenkundgebungen von Millionen Mursi-Gegnern gegeben. Ein Mitglied der mit den Muslimbrüdern verbündeten Gruppe Gamaa Islamija, Hamada Nassar, sagte der Nachrichtenagentur AP: «Das Militär ist selbst in eine Falle gegangen, indem es für eine Seite Partei ergriffen hat. Jetzt sieht es die Massen in den Strassen und erkennt, dass es zwei Völker gibt.»

Ein Sprecher der Streitkräfte, Oberst Ahmed Ali, sagte, die Muslimbruderschaft versuche, das Militär in einen Kampf zu ziehen. Damit solle im Westen der Eindruck erweckt werden, «dass das, was im Land geschieht, ein Putsch ist und das Militär gegen friedliche Demonstranten vorgeht.» Ähnlich äusserten sich das Oppositionsbündnis gegen Mursi, die Nationale Rettungsfront, und Jugendgruppen. Die Front rief die Öffentlichkeit auf, «die Volkslegitimität» gegen eine «heimtückische Verschwörung» der Bruderschaft» zu verteidigen.

SDA/kle/fko

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