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Nach Mandelas Tod kommt die Unsicherheit

Noch sind die Südafrikaner vereint in Trauer um Mandela. Aber schon jetzt wird spürbar: In einem Teil der Bevölkerung ist die Angst vor unruhigen Zeiten gross.

Der «Vater der Nation» ist tot: Ein Junge geht in Johannesburg an einem Wandgemälde vorbei, dass verschiedene Abschnitte von Nelson Mandelas leben zeigen.
Der «Vater der Nation» ist tot: Ein Junge geht in Johannesburg an einem Wandgemälde vorbei, dass verschiedene Abschnitte von Nelson Mandelas leben zeigen.
Keystone

«Wenn Madiba stirbt, stirbt die Freiheit», lautete 2012 einmal die reisserische Überschrift einer Kolumne in der «Times». Der tief pessimistische Beitrag in der südafrikanischen Zeitung spiegelte die Ängste vieler, vor allem weisser Südafrikaner wider. Rechtsradikale Blogs verbreiteten sogar die Furcht vor einem sogenannten «Uhuru«-Plan, demzufolge sich nach dem Tod Mandelas der Hass auf Weisse entladen werde.

Nach 20 Jahren gelebter Demokratie und relativ friedlichem Zusammenleben in Südafrika ist das kaum vorstellbar - auch wenn die tiefen Wunden des rassistischen Apartheidsystems sicher noch nicht verheilt sind. Aber viele fürchten, dass Südafrika nach dem Tod des «Vaters der Nation» vor schwierigen Zeiten steht. Selbst Präsident Jacob Zuma hatte im Juni angesichts des damals schon bedrohlichen Gesundheitszustands von Mandela seine Landsleute vor «Panik» gewarnt.

Ex-Erzbischof Desmond Tutu gehört zu jenen, die an die Stabilität der jungen Demokratie glauben. Er widersprach denen, die meinten, nun stehe «ein Desaster» bevor, «das Land (werde) in Flammen aufgehen».

Der Tod Mandelas «wird die Beziehungen zwischen den Rassen nicht destabilisieren», betonte auch das angesehene «Institut für Rassenbeziehungen» (IRR) in Johannesburg. Der Architekt James in Kapstadt sagt: «Es wird keine Strassenschlachten geben. Für uns junge Menschen aller Hautfarben ist Apartheid Geschichte.»

Angst vor zunehmender Spaltung

Viele Südafrikaner sehen das anders - nicht nur weil Politiker wie der Führer der neuen linkspopulistischen Partei EFF («Economic Freedom Fighters»), Julius Malema, die Schwarzen mit radikalen Thesen wie der nach Enteignung der Weissen mobilisieren wollen. «Jetzt wird vielleicht manches schlechter, ich glaube, Südafrika wird sich jetzt wieder mehr spalten», glaubt Taxifahrer Sarah Xholi in Kapstadt.

Zwar beschwört Zuma nun die Ideale Mandelas als das politische Erbe, dem die Südafrikaner nun gerecht werden müssten. Aber der Präsident und seine Regierungspartei ANC stehen seit Jahren im Zentrum von Skandalen um Korruption und Klüngelei. «Der ANC bleibt ... eine typisch afrikanische, korrupte, von Misswirtschaft gebeutelte Partei», meinte der Politologe Prof. Stephan Bierling im Bayrischen Rundfunk.

Ohne den «Übervater» Mandela werde es für den ANC jetzt erheblich schwerer - andere meinen, manche «Beisshemmung des ANC gegenüber den Weissen» werde nun abgelegt, so eine Unternehmerin in Kapstadt, die ihren Namen nicht genannt haben möchte. Dass der Ton zwischen Schwarz und Weiss rauer werden wird, glauben viele Weisse.

Das Gewissen der Nation

Mandelas Tod markiert das Ende einer Ära, auch wenn er schon lange nicht mehr politisch aktiv war. Der Friedensnobelpreisträger blieb aber stets das Gewissen der Nation, ein stummer Mahner für Freiheit und Friedfertigkeit. Südafrikas erster schwarzer Präsident ein blühendes Gemeinwesens ohne krasse soziale Gegensätze.

Seine besondere Vision aber, seine für einen siegreichen Freiheitskämpfer eher ungewöhnliche Botschaft war die der Versöhnung mit den ehemaligen Feinden. Mandela wollte in der «Regenbogengesellschaft» Schwarze, Weisse und Farbige friedlich vereinen.

Nach 27 Jahren im Gefängnis lehrte Mandela die tief gespaltene Gesellschaft, sich demokratisch über Herkunft, Hautfarbe und Klassen hinwegzusetzen. Diese Vision aber droht oft in Vergessenheit zu geraten. «19 Jahre nach dem Entstehen einer nicht-rassistischen Demokratie, bleibt Rassismus Teil der Realität, über den niemand offen spricht», analysierte der Ex-US-Botschafter John Cambell in «Foreign Policy».

«Apartheid wurde ersetzt von Selbst-Absonderung», viele Südafrikaner lebten in rein weissen oder schwarzen sozialen Umgebungen. Fast die Hälfte aller Südafrikaner sprächen Umfragen zufolge nie mit Menschen anderer Hautfarbe.

Soziale Ungleichheit

Vor allem die schwarze Mehrheit ist enttäuscht über das Tempo des sozialen Wandels. Noch leben Millionen in bitterer Armut, die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei 25 Prozent, fast jeder zweite junge Schwarze ist ohne Job. Den meisten bleibt die Teilnahme am Reichtum Südafrikas mit seiner Industrie und reichen Bodenschätzen verwehrt.

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist seit 1994 trotz ANC-Herrschaft kaum kleiner geworden. Nur wenige Schwarze schafften als Unternehmer, Akademiker oder Spitzenbeamte den sozialen Aufstieg. Seit Jahren verstärken sich nun die Klassenkampftöne, nehmen aggressiver schwarzer Nationalismus und politische Gewalt zu.

Auch die Wirtschaftslage ist eher düster. Davor warnte kürzlich auch die deutsche Aussenhandelskammer für das südliche Afrika.

Mandelas Tod wird auch tagespolitisch Auswirkungen haben. Denn im Frühjahr 2014 stehen Wahlen an. Die Opposition fürchtet eine Welle der Sympathie für den ANC, die Partei Mandelas. Sein Tod werde sicher «die ANC-Mitglieder mobilisieren wie nichts zuvor», sagte Oppositionschefin Helen Zille. Aber der ANC «teilt nicht mehr die wundervollen Visionen Madibas», sagt die Ministerpräsidentin der Provinz Westkap, den Clannamen Mandelas verwendend.

SDA

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