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Sie tötet mit der Eleganz eines Vogels

Commander Pigeon ist die einzige Kriegsherrin Afghanistans und für ihre Brutalität bekannt. Eine Reporterin des Magazins «The New Republic» hat sie besucht.

Gezeichnet durch den ewigen Kampf: Commander Pigeon mit ihren Kämpfern vor ihrer Hütte. (Bild: Lorenzo Tugnoli/newrepublic.com)
Gezeichnet durch den ewigen Kampf: Commander Pigeon mit ihren Kämpfern vor ihrer Hütte. (Bild: Lorenzo Tugnoli/newrepublic.com)

Sie lebt in einem kleinen Nest in den Bergen gegenüber dem Hindukusch, soll 150 Männer unter sich haben und ein ganzes Waffenarsenal bunkern: Bibi Ayisha, die einzige Kriegsherrin Afghanistans. Wie alt sie ist, weiss niemand genau. In einem Artikel des Senders BBC von 2006 wurde ihr Alter mit 55 beziffert. Demnach wäre sie heute 63. Man sagt, dass sie in einem Dorf namens Gawi geboren wurde als Tochter eines Mannes mit sieben Ehefrauen. Mit seiner zweiten Gattin hatte ihr Vater zehn Kinder, sein liebstes war Bibi Ayisha. Mit 14 erhielt sie eine Waffe, kurz darauf einen Ehemann. Dessen Ruf soll in der konservativen Region darunter gelitten haben, dass er seiner Frau erlaubte, Hosen zu tragen. Später wurde er krank und starb.

Mit der Eleganz eines Vogels

Ayisha blieb in den Bergen. Ihr Leben änderte sich schlagartig, als 1979 die sowjetischen Truppen ins Land einmarschierten. Sie eröffneten das Feuer auf Ayisha und ihre Familie, einer ihrer Söhne wurde getötet. Bibi Ayisha wusste sich nicht zu wehren, sie hatte kein Gewehr, also nahm sie eine Sense und tötete wahllos. Später soll sie den toten Sowjets die Waffen vom Leib gestohlen haben. Es war der Beginn ihrer Kriegskarriere. Ayisha trommelte eine Milizarmee von 150 Mann zusammen und kämpfte an der Seite des berühmten Militärführers Ahmad Shah Massoud gegen die sowjetische Besetzung. Man nannte sie fortan Commander Pigeon, Kommandantin Taube: Die Art, wie sie tötete und sich bewegte, erinnerte an die Eleganz eines Vogels.

Dies alles erzählt die Journalistin Jen Percy, die Ende 2013 zu Bibi Ayisha in den Nordosten Afghanistans reiste. Zu diesem Zeitpunkt bereitete die US Army ihren Abzug aus Afghanistan vor, und Commander Pigeon sollte Gerüchten zufolge eine Frauenmiliz für den Kampf gegen die Taliban aufbauen. Der Mythos einer Heldin umgibt sie, oft wird sie als Vorbild einer starken Frau genannt; als Beweis, dass Frauen auch in Afghanistan unabhängig und selbstbestimmt leben können.

Nur Gewalt als Antwort

Die Reporterin erreicht die Behausung der alten Frau: nach einer tagelangen Autofahrt durch das Gebirge Afghanistans, mit einer Burka vor dem Gesicht und der Angst im Nacken, Commander Pigeon könnte ihr eine Falle stellen und sie in die Luft sprengen. Doch was Percy in der kleinen Lehmhütte hoch im Gebirge antrifft, sieht nach etwas anderem aus: über ein Dutzend schwer bewaffnete Männer, der jüngste 13, der älteste etwa 80. Von Frauen keine Spur. Sie seien in einem separaten Gebäude, erklärt die Kriegsherrin auf Nachfrage, ihre Aufgabe sei es zu kochen, das Essen zu servieren und Tiere zu erlegen.

Ihre Tage verbringt Commander Pigeon im Gebirge, ständig auf der Hut vor den Behörden, die sie entwaffnen wollen, und im Kampf gegen die Taliban, die sie aufs Blut hasst. Die Afghanin wirft ihnen Raubüberfälle und Morde vor. Gegenüber der Reporterin ist sie nach anfänglichem Misstrauen zwar freundlich. Doch selbst eigentlich liebevolle Gesten führt sie mit einer eigentümlichen Rohheit aus. Als die Reporterin beim Essen nach ein paar Bissen bereits satt ist, füttert die Kriegsherrin sie – jedoch mit einer solchen Dominanz, dass es eher an einen Übergriff erinnert. Offenbar hat der ewige Kampf Commander Pigeon hart und einsam gemacht. Ihre stärkste Waffe ist ihre eigene Gewalt. Das veranschaulicht folgende Anekdote: Ein Polizist erzählt der Reporterin, kürzlich habe eine Frau aus dem Dorf Commander Pigeon um Hilfe gebeten, weil ihr Mann sie schlage. Die Kriegsherrin nahm darauf einen Stock und schlug den Mann, bis er blutete.

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