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«Viele Männer haben es auch satt, immer den Chauffeur zu spielen»

Aktivistinnen haben im Internet die Frauen in Saudiarabien dazu aufgerufen, heute Auto zu fahren – trotz des Verbots und Drohungen von Traditionalisten. Expertin Elham Manea von der Universität Zürich erklärt die Situation im Gottesstaat.

Verhaftet wegen Autofahrens: Wie sich saudische Frauen gegen ihre Unterdrückung wehren.

Frau Manea, das Fahrverbot für Frauen in Saudiarabien sorgt für immer mehr Proteste – obwohl es nicht auf einem Gesetz beruht, sondern auf Anweisungen von Geistlichen. Könnten sich die Frauen auf rechtlichem Weg dagegen überhaupt wehren? Leider nein. In Saudiarabien herrscht eine strenge Auslegung des Islam, und für die Frauen gibt es wenig gesetzlichen Spielraum. Das hat auch damit zu tun, dass sie nicht als mündig betrachtet werden. Sie brauchen in fast jeder Hinsicht einen männlichen «Vormund».

Warum haben die protestierenden Frauen gerade das Auto als Vehikel für ihre Forderungen gewählt? Autofahren bedeutet nicht nur Mobilität, sondern eben auch Unabhängigkeit von der Aufsicht der Männer – und damit einen Schritt hin zu weniger Kontrolle.

Auf Foren wie Facebook und Twitter bekunden viele Menschen Solidarität mit den Autofahrerinnen – allerdings häufig aus Ländern, wo solche Grundrechte selbstverständlich sind. Bekommen sie auch in Saudiarabien Unterstützung? Ich denke schon – übrigens auch von Männern. Viele von ihnen haben es nämlich auch satt, immer den Chauffeur für die Frauen spielen zu müssen. Und viele Männer wünschen sich auch eine humanere und offenere Gesellschaft in Saudiarabien.

Traditionalisten haben für heute auf Facebook dazu aufgerufen, Auto fahrende Frauen zu schlagen – mit dem Ikal, einer schweren Kordel, mit der die traditionelle Kopfbedeckung der Männer befestigt wird. Offenbar haben Tausende diesen Aufruf unterschrieben… Solche Reaktionen sind zu erwarten. In der politischen Elite gibt es viele Kräfte, die sich gegen Veränderungen wehren. Immer dann, wenn eine Kampagne für mehr Offenheit beginnt, gibt es auch bald eine Gegenkampagne.

Könnte der Widerstand der Frauen nicht eine starke Gegenreaktion hervorrufen, so wie es der Opposition im Iran ergangen ist? Wäre es strategisch womöglich klüger, behutsamer vorzugehen? Eine Gegenreaktion ist doch unvermeidlich. Denken Sie nur an die Rassentrennung in den USA. Wenn sich die Menschen nicht massiv dagegen gewehrt hätten, wäre nicht viel passiert. Und das Schöne in Saudiarabien ist, dass die Frauen auf friedliche Weise protestieren – so, wie sich Martin Luther King damals für die Farbigen eingesetzt hat.

Frauen haben noch immer kein Wahlrecht in Saudiarabien – auch wenn es in der jüngeren Vergangenheit Anzeichen gegeben hatte, dass der Gottesstaat die Zügel etwas lockern könnte. Wie entwickelt sich die Situation aus Ihrer Sicht? Es gibt schon ein Öffnung in diesem System. Zum Beispiel die Tatsache, dass Frauen heute eine eigene Identitätskarte haben – das war ein grosser Schritt in diese Richtung. Und die Schulbildung untersteht anders als früher nicht mehr direkt den Geistlichen, sondern einem Ministerium. Diese Veränderungen wurden alle unter König Abdullah al-Saud vorgenommen, der seit August 2005 an der Macht ist. Das reicht aber noch nicht, um die systematische Verletzung der Frauenrechte zu beenden.

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