Vier betende Juden in Jerusalem ermordet

Premier Benjamin Netanyahu kündigte an, mit «harter Hand» auf das Attentat zu reagieren.

Das schreckliche Attentat macht fassungslos: Menschen vor der Synagoge in Jerusalem. Foto: Ilia Yefimovich / Getty Images

Das schreckliche Attentat macht fassungslos: Menschen vor der Synagoge in Jerusalem. Foto: Ilia Yefimovich / Getty Images

Die beiden palästinensischen Terroristen hatten eine Botschaft. Ihr Ziel beim gestrigen Anschlag in Jerusalem, bei dem vier Menschen getötet wurden, war nicht willkürlich. Angegriffen wurde nicht eine Menschengruppe, die auf die Stadtbahn wartete, ein Strassenkaffee oder ein Bus, sondern eine Synagoge in einem ultraorthodoxen Jerusalemer Wohnviertel. Die beiden Angreifer kamen mit Schusswaffen, und doch wurden die meisten Opfer mit einer Axt niedergemetzelt. Hier sollte Angst ver­breitet werden unter gläubigen Juden. Damit nimmt der politische Konflikt ­zwischen Israel und den Palästinensern verstärkt auch religiöse Formen an.

Die Frustration der Palästinenser entlädt sich bei Demonstrationen und Krawallen. Kaum ein Tag vergeht in Jerusalem ohne den Anschlag eines Einzel­täters, der bereit ist, sein Leben für sein Volk zu opfern. Am Dienstag waren es zwei Cousins, die gemeinsam auszogen, um Juden zu ermorden. Es muss ein Blutbad gewesen sein, das sie in den frühen Morgenstunden unter den ultraorthodoxen Betenden anrichteten. «Dies», so twitterte ein Palästinenser an den ­israelischen Polizeisprecher zurück, sei «die Antwort auf den Lynchmord eines palästinensischen Busfahrers».

Am späten Sonntagabend war der Fahrer kurz vor Beginn seiner Schicht erhängt in seinem Fahrzeug aufge­funden worden. Eine Autopsie, an der auch ein palästinensischer Arzt beteiligt war, ergab, dass der Busfahrer Selbstmord begangen hatte. Das Gerücht von einem Mord durch jüdische Extremisten ­kursierte dennoch weiter auf den ­palästinensischen Strassen.

Netanyahu beschuldigt Abbas

Die Verzweiflung der Palästinenser, die seit fast 50 Jahren unter israelischer ­Besatzung leben, ist das Ergebnis einer einfachen Aufrechnung: Aktuell summieren sich die gescheiterten Friedensverhandlungen und der Gazakrieg im Sommer. Dazu kommen der von Israel fortgesetzte Siedlungsbau sowie das ­soziale Gefälle in Jerusalem, wo Araber ärmer sind als Juden. Vor allem aber geht es um den Tempelberg, den Ort, an dem Abraham seinen Sohn Isaak zu opfern bereit war, wo aber auch der ­Prophet Mohammed in den Himmel ­aufstieg. Dies ist die religiöse Dimension dieses politischen Konflikts.

Ob es den beiden Angreifern in der Synagoge tatsächlich um den Tempelberg ging, ist unklar. Sollte sich bewahrheiten, dass die «Ali-Abu-Mustafa-Bri­gaden», die sich zur Tat bekannt haben, auch verantwortlich sind, wäre es eher unwahrscheinlich. Denn die Brigaden stehen der weltlichen Volksfront zur ­Befreiung Palästinas (PFLP) nahe.

Israels Regierungschef Benjamin ­Netanyahu beeilte sich, die Hamas und den palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas, dessen «Hetze die internationale Gemeinschaft unverantwortlicherweise ignoriert», für den Gewaltakt in der Synagoge mitschuldig zu erklären. Tatsächlich aber hatte Abbas das Attentat und «die Morde an Unschuldigen» in einer öffentlichen Stellungnahme am Dienstag verurteilt. Joram Cohen, Chef des inländischen israelischen Geheimdienstes Shin Bet, widersprach denn auch seinem Regierungschef. Abbas sei an Terror nicht interessiert, meinte er.

«Jerusalem kocht»

Die Hamas pries hingegen den Terrorakt, der keinesfalls überraschend käme, so Ghazi Hamas, Sprecher der Islamisten im Gazastreifen. «Jerusalem kocht», meinte er und verurteilte das unterschiedliche Mass des israelischen Rechtssystems, das die Familienhäuser von ­palästinensischen Angreifern abreissen lässt, israelische Angreifer hingegen ­ungeschoren davonkommen lasse.

Netanyahu kündigte an, mit «harter Hand» auf den seit sechs Jahren schwersten Anschlag in Jerusalem zu reagieren. Noch ist unklar wie. Yitzhak Aharonowitsch, Minister für Öffentliche Sicherheit, will zunächst dafür sorgen, dass die israelischen Zivilisten besser bewaffnet werden, damit sie sich besser zur Wehr setzen können. So zermürbend die Einzelattacken für die Israelis sind, so stellen sie doch keine existenzielle Bedrohung für ihren Staat dar. Die aktuelle Gewaltwelle erinnert mit den Demonstrationen und individuellen Attacken ­allerdings sehr an die erste Intifada Ende der 80er-Jahre. Der Unterschied ist, dass sich die Angriffe bislang weit­gehend auf Jerusalem konzentriert haben. Diese Beschränkung hat die Aufgabe der Sicherheitskräfte überschaubar gemacht. Vorläufig ist die Botschaft der israelischen Regierung denn auch, dass man die Lage unter Kontrolle habe.

Ägypten verbreitert Pufferzone

Kairo beschuldigt die Hamas, den Islamisten auf dem Sinai Waffen zu liefern.

Das ägyptische Militär hat angekündigt, die Pufferzone entlang der Grenze zum Gazastreifen von 500 Metern auf einen Kilometer zu verdoppeln. Begründet wurde dies in einer am Montagabend verbreiteten Erklärung damit, dass die Armee Tunnel entdeckt habe, die aus dem von der Hamas kontrollierten Palästinensergebiet 800 Meter und mehr in ägyptisches Territorium reichten. Laut den ägyptischen Sicherheitskräften kamen die Waffen, die am 24. Oktober im Nordsinai für einen Anschlag auf einen Armeeposten mit mehr als 30 Toten benutzt worden waren, aus dem Gazastreifen. Belege dafür hat die Armee bisher nicht öffentlich gemacht.

Angriff auf Patrouillenboot

Der Sprecher des Innenministeriums beschuldigte am Montag «ausländische Geheimdienste», sie stünden hinter den Attentaten auf dem Sinai und einem Angriff auf ein Patrouillenboot der Marine im Mittelmeer nahe der Stadt Damiette in der vergangenen Woche. Ägyptische Medien zitieren anonyme Quellen im ­Sicherheitsapparat, die direkt die Hamas für den Anschlag verantwortlich machen – auch dies ohne Beleg. Die Hamas ist der palästinensische Ableger der Muslimbruderschaft, die in Ägypten als Terrororganisation verboten ist. Das Militär hatte 2013 den islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi entmachtet. Bei der darauf folgenden Räumung zweier Protestcamps der Muslimbrüder in Kairo durch die Sicherheitskräfte ­wurden Hunderte Personen getötet.

In einem am Wochenende verbreiteten äussert brutalen Video hatte sich allerdings die auf dem Sinai operierende Terrorgruppe Ansar Beit al-Maqdis zu dem Angriff auf den Militärposten bei Sheikh Zuweid bekannt. Der Film zeigt, wie sich zunächst ein Selbstmordattentäter in einem roten Pick-up vor dem Posten in die Luft sprengt und dann in einer zweiten Welle Dutzende Kämpfer mit automatischen Waffen das Lager stürmen und alle Überlebenden niedermetzeln. Ansar Beit al-Maqdis hatte in der vergangenen Woche der Terrormiliz ­Islamischer Staat Gefolgschaft geschworen. Der Gruppe werden Verbindungen zur Hamas nachgesagt, ebenso wie zur Muslimbruderschaft, aber auch dafür fehlen belastbare Beweise. (Paul-Anton Kürger, Kairo)

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt