Wilder Westen in Jerusalem

Der Aufruf der israelischen Behörden, die Bevölkerung solle sich bewaffnen, macht die Palästinenser im Land zu Freiwild.

Israels Sicherheitsapparat baut auf zivile Rücken­deckung. Yitzhak Aharonowitsch, Minister für Öffentliche Sicherheit, ruft zur Selbstwehr auf. Wer einen Waffenschein hat, soll sich eine Pistole besorgen. Im selben Tenor appellierte auch Arie Amit, der frühere Polizeichef von Jerusalem, gestern ans Volk und an die Bereitschaft für den «Krieg» in der Heiligen Stadt. Jeder Bürger, der eine Waffe hat, solle sie fortan stets bei sich tragen. «Habt keine Angst vor dem Richter», beruhigte er die Gewissen. Gruselige Zeiten stehen an für die Palästinenser in Jerusalem.

Schon jetzt heisst es für sie, sich zu sputen, wenn es wieder einen Anschlag mit jüdischen Opfern gegeben hat und der Zorn der Leute gefährlich werden könnte. Oft ist es mit bösen Blicken und Beschimpfungen von Passanten getan. Oft kommt es aber auch zu Gerangel und Schlägereien. Wie schnell kann da auch mal eine Kugel abgefeuert werden, schon gar, wenn man den Richter nicht fürchten muss? Der Aufruf zur Bewaffnung gilt dem Selbstschutz bei Terroranschlägen, nicht der Rache. Doch in so aufgeregten Zeiten wie diesen sitzt der Finger locker am Abzug.

Tagelang leisteten sich Sicherheitsdienste und Demonstranten im arabisch-israelischen Dorf Kfar Kana Strassenschlachten, nachdem dort Polizisten einen jungen Mann getötet hatten, der sie zwar mit einem Messer bedrohte, ohne dass jedoch konkret Gefahr für die Schutzleute bestand. Welche Folgen wird es haben, wenn der erste Palästinenser stirbt, auf den ein israelischer Zivilist versehentlich seine Waffe ­richtete und abdrückte?

Es ist ein Armutszeugnis für die Polizei, wenn sie die Mission, für die sie trainiert wurde, nicht allein erledigen kann. Und es ist eine Illusion, zu glauben, dass sich die Bedrohung von verzweifelten Einzel­tätern mit hartem Durchgreifen bewältigen lässt. Wer dem Terror den Nährboden nehmen will, sollte den jungen Palästinensern, die heute mit unerträglicher Leichtigkeit den Freitod wählen, eine Perspektive und neue Hoffnung geben. Sie zu Freiwild zu machen, wird nur neue Gewalt schüren.

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