Der ewige Störenfried gibt auf

Der Publizist Boris Dezulovic wird in Bosnien zensiert, weil er sich über den Vergleich Erdogans mit einem Propheten lustig machte.

Der wohl witzigste und mutigste Kolumnist des Balkans: Boris Dezulovic. Foto: PD

Der wohl witzigste und mutigste Kolumnist des Balkans: Boris Dezulovic. Foto: PD

Enver Robelli@enver_robelli

Die spektakuläre Trennung erfolgt im verflixten siebten Jahr. Boris Dezulovic, der wohl witzigste und mutigste Kolumnist des Balkans, hat mitgeteilt, dass er nicht mehr für die in Sarajevo erscheinende Tageszeitung «Oslobodjenje» schreiben wird. Mit ihm verschwindet auch Kozo, sein fiktives Alter Ego, der mit einer bitterbösen Anekdote aus dem bosnischen Alltag die wöchentliche Kolumne jeweils einleitete.

Wie es so weit kommen konnte, hat Dezulovic in einem Abschiedstext erklärt. Er habe sich kürzlich erdreistet, in einer Kolumne über Recep Tayyip Erdogan zu spotten. Der türkische Staatschef durfte Ende Mai in Sarajevo vor Tausenden Türken aus ganz Europa auftreten. Dabei drohte er den Feinden der Türkei mit einer «osmanischen Ohrfeige», die Auslandtürken bat er um Unterstützung bei der Präsidentenwahl am 24. Juni, und für die westlichen Demokratien hatte er nur ätzende Bemerkungen übrig, weil sie ihm nicht erlauben würden, vor seinen Landsleuten zu sprechen. Zuvor hatte Bakir Izetbegovic, Vertreter der Muslime im dreiköpfigen Staatspräsidium Bosniens, den Gast aus Ankara als von Gott gesandten Erlöser gelobt. Erdogan als Stellvertreter Allahs auf Erden?

Wenn sich ein Politiker aus dem Balkan und ein «Grobian aus Istanbul» zusammentun, um Phrasen zu dreschen, dann müsse er darüber schreiben, dachte Dezulovic. Das tat der 53-Jährige auch, schickte den Text pünktlich und war gespannt auf die Reaktionen der Leser. Doch seine Kolumne erschien nicht. Dezulovic habe die religiösen Gefühle der Muslime verletzt, hiess es aus der Redaktion von «Oslobodjenje».

Kein Verwalter von Emotionen

Dezulovic schlug umgehend zurück. Er habe eine gewisse Erfahrung mit Zensoren. Im alten Jugoslawien sei ihm einmal ein Maulkorb verpasst worden, weil er die Gefühle der Kommunisten verletzt habe. Später wurde er mehrmals entlassen, weil er keine Rücksicht auf die Gefühle der serbischen und kroatischen Nationalisten nahm oder homophobe Geistesgrössen blossstellte. Er sei ein kritischer Denker und Wahrheitssucher, kein Psychiater, kein Arzneimitteldealer, kein Anwalt und schon gar kein Verwalter von Emotionen, schrieb Dezulovic – und verabschiedete sich mit einer sprachlich derben Attacke: «Fickt euch alle mit euren Gefühlen.»

Der kroatische Journalist war schon immer ein Störenfried, der unangenehme Wahrheiten ansprach und angenehme Lügen entlarvte. In den 90er-Jahren schrieb er für die satirische Wochenzeitschrift «Feral Tribune», die in seiner Heimatstadt Split erschien. Zusammen mit anderen unerschrockenen Journalisten engagierte sich Dezulovic für die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen, die kroatische Militärpolizisten an Serben begingen. In einem auch auf Deutsch übersetzten Gedichtband lässt er die Folterer zu Wort kommen. Kultstatus erreichte auch das Buch «Greatest Shits. Anthologie der zeitgenössischen kroatischen Dummheit», das Dezulovic mit seinen Kollegen Viktor Ivancic und dem inzwischen verstorbenen Predrag Lucic herausgegeben hatte. Alle drei gelten in Kroatien als Nestbeschmutzer.

Dezulovic begann vor sieben Jahren, für «Oslobodjenje» (Befreiung) zu arbeiten. Die liberale Tageszeitung war während des Bosnienkriegs eine weltweit geachtete Stimme gegen den nationalistischen Wahn, mehrere westliche Verlage unterstützen sie, darunter auch Tamedia. Die nicht veröffentlichte Kolumne von Dezulovic sei leider nur eine missglückte Satire gewesen, sagte Chefre­daktorin Vildana Selimbegovic. «Oslobodjenje» bleibe ein weltoffenes Blatt.

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