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Der Krieg frisst die Kindheit auf

Seit Oktober versucht die irakische Armee, die Stadt Mosul von der Terrormiliz Islamischer Staat zu befreien. Unter Besatzung und Gewalt haben die Kinder am meisten zu leiden. Bei vielen ziehen sich Krieg und Flucht schon durch ihr ganzes Leben.

Der 13-jährige Ahmed aus Mosul erinnert sich noch an die erste Explosion, an folgende Maschinengewehrsalven. «Menschen schrien und rannten in meine Richtung. Ich fing auch an zu rennen. Dann gab es noch eine Explosion, und ich fiel zu Boden.» Er dachte noch: «Jetzt sterbe ich auch.» Danach dachte er nichts mehr.

Jetzt liegt der 13-Jährige in einer Klinik in Arbil, der Hauptstadt Kurdistans im Irak, wo seine Verletzungen behandelt werden. Als der IS im Dezember drei Autobomben in Ahmeds Viertel in Mosul hochgehen liess, trafen ihn versprengte Splitter. Er überlebte, anders als rund 30 Menschen auf dem Markt. Der Arzt Rauf Mohammed, der die Opfer des Anschlags versorgte, ist sicher: «Das Ziel waren die Zivilisten, die in Mosuls befreiten Zonen leben.»

Viele Viertel im Osten von Mosul wurden seit Oktober von der irakischen Armee wiedererobert, aber der IS klammert sich an seine letzte Hochburg. Gemäss Unicef-Angaben lebt eine halbe Million Kinder unter «extremem Risiko» in der Stadt. «Die Rückeroberung ist noch in Gang. Die Kinder und Familien, die zwei Jahre Nöte und Ängste ausgestanden — haben, sind jetzt zur Flucht gezwungen oder zwischen den Fronten gefangen», heisst es in einem Bericht des UNO-Kinderhilfswerks.

Kinder «in der Schusslinie«

Jeder fünfte Minderjährige im Irak rund 3,6 Millionen Kinder - ist laut Unicef dem Risiko ausgesetzt, Verletzungen bis zum Tod oder sexuelle Gewalt zu erleiden, entführt oder von einer der bewaffneten Gruppen im Land als Kindersoldat rekrutiert zu werden. «Die irakischen Kinder stehen in der Schusslinie», sagt der Unicef-Vertreter im Irak, Peter Hawkins.

Im Lager für die Geflüchteten in Arbil wärmt sich eine Gruppe Kinder die Finger an einem Feuer. Mit verlorenem Blick steht auch der 8-jährige Aisha da. «Seit Wochen ist er sehr traurig und bringt kaum ein Wort heraus. Er sitzt oder liegt den ganzen Tag auf der Matratze», sagt sein Vater Mohammed. Er holt ein Röntgenbild hervor. Darauf ist die Kugel zu sehen, die zwischen Aishas Rippen eindrang. «Ein Scharfschütze hat auf ihn geschossen, als wir aus Mosul geflohen sind», berichtet der Vater.

Zivilisten als Schutzschilde

Mehr als 100 000 Kinder hat Unicef in den letzten eineinhalb Jahren im Irak psychologisch betreut. Selbst wer nicht körperlich verletzt wird, lebt unter ständiger Bedrohung. Denn der IS weiss um den strategischen Wert von Zivilisten: Die Anwesenheit von Frauen und Kindern in seinen Gebieten verlangsamt das Vorrücken von Armee und Peshmerga-Kämpfern.

Schätzungsweise 1,5 Millionen Zivilisten sind noch in Mosul eingeschlossen. Der IS versucht, eine Massenflucht zu verhindern, um sie weiter als Schutzschilde nutzen zu können. Wer die Flucht dennoch riskiert, wird beschossen.

Der Konflikt zerstört auch die Chance auf Bildung. Wie mehrere Millionen Kinder im Irak ist Mustafa Mahmud zuletzt nicht mehr zur Schule gegangen. Er sieht älter aus als 13 Jahre. Furcht und Flucht haben das Kindliche aus seinem Gesicht gelöscht. «In der Schule brachten uns die Jihadisten bei, wie man mit Waffen umgeht. Da zog es mein Vater vor, dass ich nicht mehr zur Schule ­gehe.»

Kriege haben sein junges Leben geprägt. Mustafa war 2 Jahre alt, als seine Familie 2005 wegen des Irakkriegs von Mosul ins syrische Aleppo floh. Nach Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien 2011 kehrten sie auf der Suche nach mehr Stabilität zurück. 2014 fiel der IS in Mosul ein.

Es folgten zwei Jahre unter der Herrschaft der Islamisten, mit dem allgegenwärtigen Gedanken an die Flucht aus dem Albtraum. «Ich bin es leid, von einem Ort zum anderen zu ziehen – warum habe ich nicht das Recht auf ein normales Leben?», fragt Mustafa, während er den Schlammpfützen auf den Wegen im Flüchtlingslager ausweicht. Dort leben mittlerweile 33 000 Zivilisten, die seit Beginn der Offensive gegen den IS geflohen sind.

Mustafa träumt davon, nach Europa zu reisen. Oder in die USA oder nach Kanada. «Einfach weit, weit von hier weg», sagt er. Er weiss aber, dass das nicht möglich ist. Seiner älteren Schwester gelang es nicht, aus Mosul zu fliehen. «Vor einigen Wochen ist die Verbindung abgebrochen. Wir wissen nicht, was mit ihr ist», sagt er. Die Schlacht um Mosul zieht sich. Jeder Tag frisst ein Stück Kindheit.

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