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Panik wegen Mers

Seoul hat dem Virus Mers den Krieg erklärt, obwohl es nicht als hochansteckend gilt. Schulen, Kinos und Kneipen bleiben geschlossen. Welche Folgen hat das?

Nur vorsorglich: Dieser Arbeiter desinfiziert ein Theater, um dem Erreger Mers keine Chance zu geben. (Bild: Keystone/Lin Jin-man)
Nur vorsorglich: Dieser Arbeiter desinfiziert ein Theater, um dem Erreger Mers keine Chance zu geben. (Bild: Keystone/Lin Jin-man)

Maskierte Männer in Schutzanzügen desinfizieren U-Bahn-Züge, Soldaten stoppen Autofahrer und messen ihr Fieber, fast 2500 Schulen sind geschlossen, in Seoul tragen die Passanten Atemmasken, die Kneipen und Kinos bleiben leer. Staatspräsidentin Park Geun-hye hat ihren geplanten Besuch in Washington verschoben. Südkorea ist an Mers erkrankt.

Südkoreas Seoul behandelt die Virusinfektion, von der die Weltgesundheitsorganisation WHO sagt, sie werde nur durch engen Kontakt übertragen, etwa innerhalb von Familien oder vom Patienten auf das Pflegepersonal, als hochansteckende Seuche und nationalen Notstand. Und wird trotzdem scharf kritisiert, weil sie zu spät inkompetent reagiert habe.

Polizisten tragen Schutzmasken (Bild: Keystone/Lee Jin-man)
Polizisten tragen Schutzmasken (Bild: Keystone/Lee Jin-man)

Der erste südkoreanische Patient, ein Rückkehrer aus Saudiarabien, suchte wegen Husten und Fieber ab dem 11. Mai mehrfach eine Polyklinik in Asan südwestlich von Seoul auf. Seine Ärzte erkannten Mers nicht. Der Mann hatte ihnen auch nicht gesagt, dass er im arabischen Raum war. Erst die vierte Klinik, die ihn untersuchte, das Samsung-Spital in Seoul, eines der renommiertesten Krankenhäuser in Südkorea, fand die korrekte Diagnose. Der Mann starb am 2. Juni, seine Frau wurde die «Patientin Nummer 2», sie ist inzwischen genesen.

Gerangel um beste Ärzte

In Korea wie auch in China und Japan gehen vor allem ältere Leute häufiger zum Arzt als bei uns. Und am liebsten zu einem berühmten Doktor oder in ein grosses Krankenhaus. Viele lassen ihre Beziehungen spielen, um zum Beispiel ins Samsung-Spital überwiesen zu werden. Die oft überfüllten Krankenhäuser bringen ihre Patienten in grossen Schlafsälen unter. Ihre Angehörigen bringen ihnen täglich frisches Essen. Bisher haben sich die meisten Mers-Patienten im Samsung-Spital und einem zweiten Grosskrankenhaus angesteckt.

An Mers sind freilich nicht nur 126 Südkoreaner erkrankt, sondern mehr noch das öffentliche Leben und die Politik Südkoreas. Das Virus hat alte Wunden aufgebrochen, es zersetzt das brüchige Vertrauen der Koreaner in ihre Regierung. Das Gesundheitsministerium hielt Informationen über mögliche Ansteckungsherde zwei Wochen lang zurück. Es wollte auch keine Warnung ausgeben, da sie Touristen abschrecken könnte. Das «Blaue Haus», der Sitz der Präsidentin, rief im Gegenteil «zum Schlag gegen substanzlose Gerüchte» auf. Bis der Bürgermeister von Seoul, Park Won-soon, der Seuche den «Krieg erklärte» und die Regierung angriff. Das provozierte die Präsidentin. Sie führte «einen Krieg gegen den Bürgermeister statt gegen Mers», schrieb die Tageszeitung «Hankyreh». Der bekannte Historiker Jeon Woo-yong, der auf Twitter über eine Million Follower hat, warf Parks Regierung vor, «ihr Mangel an Kompetenz und Fähigkeit zu regieren macht mehr Angst als Mers selber».

Der Eingang zur U-Bahn-Station Wangsimni (Bild: Keystone/Ahn Young-joon)
Der Eingang zur U-Bahn-Station Wangsimni (Bild: Keystone/Ahn Young-joon)

Die konfuse Reaktion der Administration erklärt sich auch damit, dass Südkorea zurzeit keinen Premier hat. Zum dritten Mal seit ihrem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren schafft die Präsidentin es nicht, einen Kandidaten zu nominieren, den das Parlament akzeptiert. Dabei verfügt ihre Partei im Parlament über eine Mehrheit.

Virus schadet auch der Wirtschaft

Das Virus schwächt auch die Wirtschaft. Die Aktien der Kosmetikfirmen sind eingebrochen. Koreanische Kosmetika sind in China enorm populär und eines der beliebtesten Mitbringsel chinesischer Touristen. Das Finanzministerium hat 400 Milliarden Won, 320 Millionen Euro, bereitgestellt, um mittelständischen Betrieben über den Einbruch des Konsums wegen Mers hinwegzuhelfen. Und die Notenbank hat den Leitzins auf 1,5 Prozent gesenkt, so tief wie noch nie.

Viele Koreaner ziehen eine Parallele zum Untergang der Fähre Sewol im April vor einem Jahr. Damals hielt sich die Präsidentin während des ganzen Unglückstages bedeckt. Bis heute gibt es dafür keine Erklärung. Als der Seoul-Korrespondent der japanischen Tageszeitung «Sankei» in einer Kolumne fragte, wo Park an jenem Tag war, und böse Gerüchte wiedergab, die man in Seoul auf der Strasse hört, wurde er wegen Beleidigung der Präsidentin angeklagt und durfte das Land sieben Monate nicht verlassen. Parks Regierung hat mit allen Mitteln versucht, eine sorgfältige Aufklärung der Sewol-Katastrophe zu verhindern, zu deren Ursachen auch Korruption gehört. Am Jahrestag des Fährunglücks verreiste die Präsidentin nach Lateinamerika. Das wurde ihr als Gefühls- und Taktlosigkeit gegenüber den Angehörigen der fast 300 Todesopfer ausgelegt, die meisten von ihnen Jugendliche aus Ansan, der Stadt, in der auch der erste Mers-Patient wohnte.

Wegen Übervorsichtigkeit erkrankt

Es gibt keine Hinweise, Mers würde in der U-Bahn oder in Schulen übertragen. Die meisten Erkrankten sind ältere Leute, die zuvor an Herz- und Lungenkrankheiten oder Diabetes litten. Sie haben sich im Krankenhaus angesteckt. Die WHO hat Südkorea deshalb aufgefordert, die Schulen wieder zu öffnen. Das sei eine Überreaktion. Aber Park will nun beweisen, dass sie alles tut. Ein Sprecher des Blauen Hauses erklärte die Absage ihres Washington-Besuchs mit den «psychologischen Auswirkungen von Mers». Die Präsidentin wolle «das Vertrauen in die Regierung vergrössern».

Allerdings rief Park ihre Landsleute zugleich auf, sie sollten es mit der Vorsicht wegen Mers «zugunsten der Wirtschaft bitte nicht übertreiben». Der Konsum in Südkorea ist nach dem Untergang der Sewol eingebrochen. Und hatte sich bisher nicht ganz erholt.

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