Um 4.40 Uhr dröhnen die Sirenen

Wie der deutsche Bundespräsident des Angriffs auf Polen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 80 Jahren gedenkt.

Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkrieges in Polen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht bei den Gedenkfeierlichkeiten in der Stadt Wielun. Bild: Keystone

Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkrieges in Polen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht bei den Gedenkfeierlichkeiten in der Stadt Wielun. Bild: Keystone

(Bild: Keystone)

Plötzlich gehen die Lichter aus. Sirenen dröhnen durch das nächtliche Wielun. Es ist 4.40 Uhr am Sonntagmorgen – Auftakt zur Gedenkfeier an den deutschen Bombenangriff auf die kleine Stadt im Süden Polens, mit dem vor 80 Jahren der Zweite Weltkrieg begann. Auf dem Marktplatz stehen Bürger der Stadt, viele halten Kerzen in ihren Händen.

Damals brachten die Deutschen Tod, Zerstörung und Leid. 1200 Menschen starben, allein 32 davon in einem Krankenhaus, das als erstes bombardiert wurde, obwohl es mit einem Roten Kreuz auf dem Dach markiert war. 80 Jahre später ist der Bundespräsident gekommen. Frank-Walter Steinmeier macht ein ernstes Gesicht, er wirkt angespannt, fast unsicher, als er mit seinem polnischen Amtskollegen Andrzej Duda die militärische Ehrenformation abschreitet. Doch die Menschen auf dem Marktplatz begrüssen ihn mit respektvollem Applaus und neugieriger Erwartung. Einige Minuten später wird er sogar einen besonderen Applaus für eine besondere Geste erhalten.

Gegen eine Hauswand wird ein Film geworfen, eine Animation, die erst das Alltagsleben in Wielun vor 80 Jahren zeigt und dann die Sturzkampfflugzeuge, die Bomben und das Feuer. An einer Stelle schaut man direkt in das überdimensionale Gesicht eines Piloten.

Im neuen Museum der Stadt wird auf einer Schautafel aus den Erinnerungen des deutschen Offiziers Wolfgang Paul zitiert, der nach dem Angriff mit seiner Division Wielu? inspizierte: Die Soldaten seien stark beeindruckt gewesen vom Ausmass der Zerstörung durch die Bomber. Sie hätten verstanden, dass in diesem Krieg kein Unterschied zwischen Soldaten und Zivilisten gemacht würde. Sie hätten die rauchenden Ruinen, die Trümmer auf dem Marktplatz und die Leichen auf den Strassen gesehen. «Und sie hofften, dass ihren Familien zuhause so etwas niemals passieren würde.»

Der polnische Präsident Duda erinnert in seiner Rede daran, dass die Menschen im Schlaf überrascht worden seien. 90 Prozent des historischen Zentrums und 70 Prozent aller Gebäude in der Stadt seien zerstört worden. «Es war ein Terrorakt», sagt der Präsident.

Duda dankt Steinmeier für seine Anwesenheit. «Glauben sie nicht», sagt er an die Zuhörer gewandt über den Bundespräsidenten, «dass es einfach ist für ihn, diese Stadt zu besuchen.» Es sei aber wichtig, dass er gekommen sei und «sich der Wahrheit stellt», auch wenn es nicht leicht für ihn sei, den Überlebenden und den Nachkommen der Opfer «in die Augen zu sehen».

«Ein Vorzeichen für alles, was kommen sollte»

Steinmeier sagt, es sei vor 80 Jahren ein Inferno über Wielun hereingebrochen, «entfacht von deutschem Rassenwahn und Vernichtungswillen». Das sei ein Fanal gewesen, ein Terrorangriff der deutschen Luftwaffe «und ein Vorzeichen für alles, was in den kommenden sechs Jahren kommen sollte». Man nenne es Krieg, «weil wir um einen Begriff verlegen sind für das Grauen dieser Jahre», für einen «wütenden, entfesselten Vernichtungswillen».

Steinmeier dankt für die Einladung, es sei «ganz und gar nicht selbstverständlich, dass ein deutscher Bundespräsident heute hier vor Ihnen stehen darf». Viel zu wenigen Deutschen sei dieser Ort bekannt. Und damit auch die Geschichten, wie die von Zofia Burchacinska.

Die 90-Jährige begleitet den Bundespräsidenten später durch das Museum der Stadt, wo sie sich an die Nacht zum 1. September 1939 erinnert. Sie sei von einem «schrecklichen Heulen» aufgewacht und habe erst gedacht, es seien die Kühe. Noch bevor sie aus dem Bett war, flogen schon die Scheiben aus den Fenstern. Mit der Mutter floh sie aus dem Haus. «Es war ein schrecklicher Anblick. Alles war rot, Balken flogen durch die Luft.» Sie überlebte im Keller eines anderen Hauses.

Als Steinmeier seine Rede hält, kreisen im schwachen Licht der anbrechenden Morgendämmerung schwarze Dohlen kreischend über den Marktplatz. Es sei an der Zeit, dass Wielun «und andere dem Erdboden gleichgemachte Städte und Dörfer Polens ihren Platz neben anderen Erinnerungsorten deutscher Verbrechen finden», sagt der Bundespräsident. Für diese Erinnerung solle man auch in Berlin neue Formen finden. Damit unterstützt nun auch er eine Initiative von 240 Bundestagsabgeordneten, unter ihnen Parlamentspräsident Wolfgang Schäuble, in der Hauptstadt ein Denkmal für die Opfer des Krieges gegen Polen zu errichten. Wielun müsse «in unseren Köpfen und in unseren Herzen sein», so Steinmeier.

«Ich verneige mich vor den Opfern»

Die Spur der Barbarei lasse keinen Deutschen unberührt, «auch diejenigen nicht, die die Erinnerung zurückweisen, die vor der Schmach fliehen in Ablehnung und Aggression». Wer erkläre, die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten über Europa sei eine Marginalie der deutschen Geschichte, «der richte sich selbst», so Steinmeier offenkundig in Anspielung auf AfD-Parteichef Alexander Gauland, der statt Marginalie das Wort Vogelschiss benutzt hatte.

Man nehme «die Verantwortung an, die unsere Geschichte uns aufgibt». Auf die Forderung Polens nach Reparationsleistungen geht Steinmeier nicht ein. Präsident Duda hatte sie erst am Samstag nochmal bekräftigt, sogar eine konkrete Summe angekündigt, die Polen fordern wolle. In Wielun hatte aber auch er das Thema weggelassen. Mit Blick auf Steinmeiers Besuch sprach er sogar von «moralischer Wiedergutmachung».

Und dann ist da noch die besondere Geste Steinmeiers. Der Bundespräsident sagt drei Sätze auf Polnisch: «Ich verneige mich vor den Opfern des Überfalls auf Wielun. Ich verneige mich vor den Opfern der deutschen Gewaltherrschaft. Ich bitte um Vergebung.» I prosze o przebaczenie, lautet der dritte Satz. Die Zuhörer antworten Steinmeier mit freundlichem Applaus.

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