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Wenn Kaffeetrinken zum politischen Statement wird

In Genf gehen am Montag die Zypern-Gespräche auf die Zielgerade. Viele Einwohner der geteilten Insel möchten die ­Wiedervereinigung, doch im Alltag fremdeln sie noch.

Griechischen Kaffee bestellen die Zyprer in Nikosia. Das gleiche Getränk nennt sich auf der Nordseite türkischer Mokka.
Griechischen Kaffee bestellen die Zyprer in Nikosia. Das gleiche Getränk nennt sich auf der Nordseite türkischer Mokka.
Keystone

Als Susan im Speisesaal des Bellapais Gardens an diesem verregneten Winterabend den Evergreen «Those Were the Days» singt, wird Sabri melancholisch. Traurig blickt der Besitzer des stilvollen Hotels ins lodernde Kaminfeuer, nippt an seinem Rotweinglas, bevor er mit leiser Stimme über «die längsten Verhandlungen der Welt» sinniert.

Fast alle Politiker aus dem «griechischen Teil von Zypern» seien schon bei ihm gewesen, erzählt der türkische Zyprer lächelnd. Sie hätten dann «greek coffee», ihre türkisch-stämmigen Gesprächspartner ausdrücklich türkischen Mokka bestellt. «Dabei wussten alle ganz genau, dass wir den Kaffee in einem Topf kochen», betont Sabri: «Schliesslich sind wir alle Zyprer».

Man sei sich nah und doch fern – was 42 Jahre nach der türkischen Invasion, die zur Teilung der Mittelmeerinsel führte, nicht überraschend ist. Trotzdem, glaubt Sabri, wollten die meisten türkischen Zyprer die «Wiedervereinigung der Insel». «Nicht als Juniorpartner, wie es die griechischen Zyprer gerne hätten, sondern auf Augenhöhe», bringt sich Selim ins Gespräch ein.

Festlandtürken als Gefahr?

Selim, der Geschäftsmann, ist über die Weihnachtsfeiertage von London ins türkische Nordzypern gekommen. Vor 14 Jahren hatte Selim die Insel verlassen, weil er «keine Zukunftsperspektive» mehr sah. Heute ruft er «zur Verteidigung unserer Heimat» auf. Selim wirft einen hastigen Seitenblick und äussert dann die Befürchtung, dass man angesichts der vielen Festlandtürken auf der Insel Gefahr laufe, die «türkisch-zyprische Identität zu verlieren».

Sabri und Selim waren zuversichtlich, als vor achtzehn Monaten die Wiedervereinigungsverhandlungen begannen. Mit dem türkisch-zyprischen Volksgruppenführer Mustafa Akinci und Nikos Anas­tasiadis, dem Präsidenten der Inselrepublik, sassen sich zum ersten Mal seit der Teilung der Insel zwei bekennende Befürworter einer Lösung des Zypern-Konfliktes gegenüber. Sie hätten in fünf Monaten mehr Fortschritte erzielt als in den 47 Jahren zuvor, verkündete das Verhandlungsteam im November.

«Die vermutlich letzte Chance zur Lösung des Zypern-Konfliktes müssen unsere Politiker jetzt nutzen.»

Kosta, griechischer Zyprer

Masslose Griechen?

Als einen Monat später im schweizerischen Mont Pèlerin die noch offenen Kernthemen Territorium, Sicherheitsgarantien und Staatsführung geregelt werden sollten, seien die griechischen Zyprer «plötzlich masslos und unverschämt» worden, behauptet Sabri. Besonders deutlich sei dies bei der Vorlage der Karten zum Ausdruck gekommen, auf denen die Verhandlungsteams jene Gebiete eingezeichnet hatten, die sie von der Gegenseite zurückfordern respektive ihr zurückgeben wollen.

Auch in der Frage der Sicherheitsgarantien wollten sich die Insulaner plötzlich nicht mehr bewegen. Ohne einen Abzug der etwa 30 000 Truppen werde es keine Lösung geben, verkündete Nikos Anastasiadis unter dem Beifall seiner griechischen Landsleute. Für Selim sind dagegen bewaffnete Festlandtürken «trotz aller Vorbehalte der einzige Schutz vor neuen Massakern griechisch-zyprischer Faschisten». Sie hatten 1974 in Nikosia geputscht und damit den Einmarsch der türkischen Invasionsarmee ausgelöst.

Achtzehn Monate konstruktiver Verhandlungen schienen plötzlich vergebens. Die Hardliner auf beiden Seiten triumphierten. Vor allem im griechischen Teil Zyperns sah man sich bestätigt, dass «mit Türken kein Deal möglich ist». Daher sei es besser, wenn «alles so bleibt, wie es ist», glaubt Panos Panayiotis. «Halbe Lösungen» kommen für den in Limassol lebenden Elektriker nicht infrage. «Die Türken müssen uns das 1974 besetzte Territorium vollständig zurückgegeben.»

Erst dann würde auch er einen Lösungsplan bei einem für den Sommer geplanten Referendum befürworten. Panayiotis ist im Trodosgebirge. Die bezaubernde Winterpracht lockt dieser Tage Hunderte in die Berge, griechische und türkische Zyprer, die aber unter sich bleiben, beim Vorbeigehen fremdeln, sich bestenfalls scheu zunicken.

Die meisten griechischen Zyprer wollen, wie Panayiotis, keine Türken als Freunde. Fast 70 Prozent von ihnen haben den Nordteil der Insel nach der Invasion nicht besucht. Türkische Zyprer fahren dagegen regelmässig in den Süden. Zur Erholung und zum Einkaufen. Nicht wenige haben dort Arbeit gefunden.

Ja im Norden, Nein im Süden

Die Bewohner des Nordens waren es auch, die 2004 bei einer Volksabstimmung dem Annan-Plan zur Lösung des Konfliktes zugestimmt hatten. Die griechischen Zyprer stimmten mit Nein und könnten dies erneut tun, falls es Präsident Anastasiadis nicht gelingen sollte, seinen Landsleuten eine Lösung schmackhaft zu machen, befürchtet Michalis Theodoulou von «Cyprus Mail».

Zunächst müssen Anastasiadis und Akinci am Montag in Genf die heikelsten Punkte des Abkommens regeln. Europäische Diplomaten in Nikosia gehen davon aus, dass «ein Deal bereits in trockenen Tüchern ist». Hinter den Kulissen werde «fieberhaft an einer Lösung gearbeitet».

Neben den seit 1974 verwaisten Tourismushochburgen im Westen von Famagusta würden die türkischen Zyprer auch die Ortschaft Morphou sowie Gebiete in Zentralzypern zurückgeben, behaupten Gewährsleute in der einzigen geteilten Hauptstadt von Europa. Die Frage der Sicherheitsgarantien sollen ab Donnerstag Vertreter der türkischen und der griechischen Regierung sowie Diplomaten der ehemaligen britischen Kolonialmacht ­lösen.

Zögerliche Annäherung

Über die unruhigen Jahre vor der Unabhängigkeit Zyperns, über die Geschehnisse, welche friedliebende Inselgriechen und Türken gegeneinander aufbrachten, berichtet der britische Schriftsteller Lawrence Durrell in seinem einfühlsamen Roman «Bittere Limonen». Durrell lebte in den 50er-Jahren in Bellapais, nur einige Hundert Meter vom Bel­lapais-Gardens-Hotel entfernt. Nun sitzt Computerspezialist Kosta im Hotel. Er kam mit seiner Familie aus dem griechisch-zyprischen Paphos in den türkischen Norden. Zum ersten Mal. Und würde es «wieder tun».

Sechs Stunden feierte der Mann aus dem Süden der Insel mit türkischen Zyprern. «Sie sprechen auch 42 Jahre nach der türkischen Invasion noch immer fliessend Griechisch», bemerkt Kosta anerkennend. «Wir Griechen können dagegen nicht einmal Guten Morgen auf Türkisch sagen.» Im neuen Jahr werde sich dies ändern, hofft Kosta: «Die beste und vermutlich letzte Chance zur Lösung des Zypern-Konfliktes müssen unsere Politiker jetzt unbedingt nutzen.»

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