«Wir entfernen uns immer mehr von der Realität»

Klimaziele verfehlt: Macron ist vom G-20-Gipfel enttäuscht. Auch Putin warnt, der Klimawandel sei eine «ernste Herausforderung».

Emmanuel Macron auf dem Treffen der G-20-Staaten. Foto: AFP

Emmanuel Macron auf dem Treffen der G-20-Staaten. Foto: AFP

Christoph Neidhart@tagesanzeiger

Der G-20-Gipfel im japanischen Osaka endete als G-19+1-Gipfel. «Damit haben wir das Schlimmste vermieden», sagte der französische Präsident Emmanuel Macron. «Aber das Schlimmste zu vermeiden genügt nicht. Mit unserer Haltung zum Klima und zur Biodiversität entfernen wir uns immer mehr von der Realität», so Macron. «Dabei werden wir von der Jugend täglich an diese Probleme erinnert.» Er habe die Schlusserklärung von Osaka dennoch unterzeichnet, so Macron, weil er glaube, «die rote Linie wurde nicht überschritten». Im Vorfeld des Gipfels hatte er gedroht, Frankreich werde das Schluss-Kommuniqué nicht unterzeichnen, wenn die USA durchsetzten, dass es von den Pariser Klimazielen zurückbuchstabiere.

In den Verhandlungen über den Schlusstext, die sich bis zur letzten Minute hinzogen, fanden die japanischen Gastgeber einen Trick, die Zustimmung von Trump und Macron zu gewinnen und das Scheitern des Gipfels zu vermeiden. Die 20 Teilnehmer konnten einen Schlusstext unterzeichnen, der erklärt, einer von ihnen, die USA, machten bei den Klimazielen nicht mit. In Paragraf 36 steht auch, warum: Washington distanziere sich in der Klimafrage von den übrigen 19 Staaten, weil das Pariser Klimaabkommen «die amerikanischen Arbeiter und Steuerzahler benachteiligt». Die USA suchten ein «Gleichgewicht zwischen Energie und Umwelt». In seiner Pressekonferenz höhnte Trump über Wind- und Solarenergie. Die Sonnenenergie sei viel zu schwach, und Windenergie funktioniere meist nicht.

Der russische Präsident Wladimir Putin hingegen hat am Samstag das Pariser Klimaabkommen ratifiziert. «Bei uns in Russland vollzieht sich die Erwärmung doppelt so schnell wie sonst auf der Erde. Das ist eine ernste Herausforderung für uns alle, wir sollten das begreifen», so der Kremlchef.

Lob für Abe

G-20-Gastgeber Shinzo Abe, der japanische Premier, der sich auch während der Tagung ständig mit Lächeln und Schulterklopfen um Trumps Wohlwollen bemühte, verteidigte dieses Vorgehen vor der Presse. Es sei wichtiger, das Positive hervorzuheben, als die Differenzen aufzuzeigen. Letzteres würde die G-20 politisiert, und das führe in die Niederlage. Das Treffen von Osaka habe im Gegenteil gezeigt, die Welt könne zusammenkommen und vereint handeln. Er habe den Gipfel so zu leiten versucht, dass er einen Weg in eine bessere Zukunft weise, die den Menschen in allen Ecken der Welt zugute komme.

Macron lobte Abe explizit, er habe sich «trotz Gegenwinds» für eine multilaterale Welt und für den Freihandel eingesetzt. Zwar befriedige ihn die Schlusserklärung auch mit den Paragrafen zum Handel nicht, aber auch da sei die rote Linie nicht überschritten worden. Explizit dankte Macron den Europäern und Kanada für ihren Einsatz. Sie seien bereit gewesen, beim Klima und beim Freihandel weiterzugehen.

Abe seinerseits feierte Erfolge, die weniger im Fokus stehen, etwa die Einigung zum elektronischen Datenfluss und zum E-Commerce. Die Einigung zum E-Commerce hatte er schon im Januar in Davos skizziert, jetzt nennt er sie aber «Osaka Track». Ausserdem hat sich die G-20 geeinigt, bis ins Jahr 2050 sollte kein Plastikmüll mehr ins Meer fliessen. Japan werde den andern Ländern helfen, so Abe, ihre Plastikabfälle zu meistern. Die Bemerkung einer Journalistin, Japan gehöre beim Plastik selbst zu den grössten Sündern, wies er zurück.

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