Sportgerät für Superreiche

Wie sportlich soll eine Luxuslimousine maximal sein? Bentley beantwortet die Frage mit dem neuen Mulsanne Speed – und 537 PS.

  • loading indicator

Reich sein ist unheimlich anstrengend. Denn niemand nimmt einem auch mit viel Geld die wichtigen Entscheidungen des Lebens ab, die tagtäglich gefällt werden müssen: Wo aufwachen – in London, Tokio oder Miami? Was anziehen – Prada, Dior oder Armani? Eher zum Polo, zur Fasanenjagd oder doch mal wieder zum Hochseeangeln? Und dann die Wahl des Transportmittels: Privatjet, Helikopter oder Auto, Chauffeur oder selber fahren? Ein Glück, steht man als Normalsterblicher nicht vor solchen Entscheiden.

Die Schönen und Reichen dieser Welt aber haben ab sofort ein solches Problem mehr – insbesondere die jährlich gut 10'000 Bentley- Käufer. Denn ihre Automanufaktur des Vertrauens, die selbstverständlich auch das britische Königshaus beliefert, bietet die 4-türige Limousine Mulsanne ab sofort mit zusätzlichen 25 Pferdestärken an. Das Flaggschiff der Briten rollt nun auf Wunsch mit 537 PS unter der Haube über den Asphalt und bekommt dafür den Namenszusatz Speed verpasst. Mit ihm soll das Selberfahren, und nicht nur das Sich-chauffieren-lassen, wieder zum Spassfaktor werden.

«Perfektes Sinnbild der Marke»

«Der neue Mulsanne Speed ist das perfekte Sinnbild der Marke», erklärt Wolfgang Dürheimer. «Kompromisse gehören nicht zur Lebenswelt unserer Kunden.» Für den deutschen Bentley-Chef scheint klar: Mit dem am diesjährigen Genfer Autosalon erstmals gezeigten Mulsanne Speed hat seine Marke ein Produkt geschaffen, das den hohen Anforderungen seiner Klientel entspricht. Was Dürheimer nicht sagt, aber zwischen seinen Zeilen zu lesen ist: Die Speedversion des Mulsanne soll im obersten Segment der Luxuslimousinen dem ebenfalls in Genf neu vorgestellten Mulsanne-Konkurrenten Rolls-Royce Ghost Series II Paroli bieten, insbesondere was dessen aufgefrischte Fahrdynamik anbelangt. Zu diesem Zweck hat Ashley Wickham freie Hand erhalten, die Bentley-Toplimousine in Sachen Dynamik und Potenz an die Spitze zu führen. Ganz ohne Scheu lässt der Mulsanne-Projektmanager denn auch sein britisches Understatement für einen Moment beiseite, als er in Miami – quasi auf der Spielwiese der High Society –, bei der Vorstellung des jüngsten Bentleys erklärt: «Der Mulsanne Speed ist die schnellste Luxuslimousine auf dem Markt und verfügt mit 1100 Newtonmetern hinter dem Bugatti Veyron über das zweitstärkste Drehmoment in seiner Klasse.»

Dieses Übermass an Leistung merkt man dem Mulsanne Speed auf der gemächlichen Ausfahrt von Miami in Richtung Key Largo nicht an. Sein 6,75-Liter- V8-Motor arbeitet unter der endlos langen Motorhaube absolut geräuschlos und treibt die gut 2,6 Tonnen schwere Limousine standesgemäss voran. Im selbstredend mit edelsten Hölzern und Ledern ausgeschlagenen Interieur ist man auf allen vier Sitzen dermassen von der Aussenwelt abgeschottet, dass man vom Komfort richtiggehend eingelullt wird. Wer als Passagier den Chauffeur ans Steuer lässt und es sich auf der zweiten Sitzreihe bequem macht, der wird auf der lautlosen Fahrt nicht lange mit den in den Rücksitzen eingebauten und auf Knopfdruck ausfahrenden Wireless-Tastaturen und iPads arbeiten. Viel eher lässt man die Rauchglasabdeckung des Minikühlschranks zwischen den Rücksitzen elektrisch zur Seite gleiten und gönnt sich den kaltgestellten Champagner aus Kristallgläsern im Bentley-Design, bevor einen die Massagefunktion der Rücksitze wohlig ins Lallaland knetet.

Richtig Fahrspass am Steuer

Als gewissenhafter Journalist testet man das Wohlfühlpaket aber selbstredend erst zum Ende der Fahrvorstellung. Und konzentriert sich zuvor auf die sportlichen Eigenschaften des Mulsanne Speed. Wie es sich für eine Edelmarke ziert, bekommt man diese von keinem geringerem als Rennsportlegende Derek Bell persönlich vorgeführt. Der fünffache Le-Mans- und dreifache Daytona-Sieger nimmt einen auf einer ausrangierten Flugzeuglandepiste mitten in den Everglades-Sümpfen mit einem freundlichen Handschlag in Empfang. «So, dann wollen wir mal schauen, was der Speed so drauf hat.» Bell nimmt auf dem Beifahrersitz Platz und lässt einen gleich ans Steuer. Konsequent weist er auf die allzu lockere Handstellung am Lenkrad hin, «denn trotz allem ist der Mulsanne Speed ein mächtiges Auto, das sauber kontrolliert werden will». Die Tachonadel steigt auch in den kurvigen Links-rechts-Kombinationen nach oben, und zum Glück hat Bell die Luftfederung mittels Drehknopf auf die straffere Sportstellung justiert, sonst würden wir jetzt schon mächtig schaukeln. Mit dieser neuen Funktion will Bentley seine Kunden wieder vermehrt ans Steuer locken. Und tatsächlich kommt da Fahrspass auf. Das Flaggschiff lässt sich sauber kontrollieren und mit hohem Tempo und Heckantrieb in die nächsten Kurven zirkeln, während 21-Zoll-Räder für den Bodenkontakt sorgen. Letztere sind übrigens handgefertigt und «unidirektional », lassen sich also jeweils nur auf einer Seite des Fahrzeuges montieren – und kosten zusammen so viel wie ein schöner Kleinwagen.

Am Ende des Tages bleibt nur die Frage: Braucht die Welt eine Luxuslimousine mit so viel Sportlichkeit? Derek Bell antwortet cool wie zu seinen besten Rennfahrertagen: «Wissen Sie, es macht auch in unseren Kreisen einfach Spass, mit dem Mulsanne Speed am Ampelstart die Möchtegernsportwagen stehen zu lassen. . . deshalb ist die Antwort auf ihre Frage definitiv ja.»

Thomas Borowski fuhr den neuen Mulsanne Speed am 12. November auf Einladung von Bentley in den USA.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt