Feinschliff vor der letzten Dienstfahrt

VW wertet den Passat noch einmal auf. Doch Elektrifizierung und SUV-Boom setzen ihm immer mehr zu.

Der neue Passat. Foto: PD

Der neue Passat. Foto: PD

Er war sehr gut fürs Geschäft, der Passat. In jeder Beziehung. Und das fast ein halbes Jahrhundert lang. Nicht nur für VW als Verkäufer, sondern auch für die Käufer, die ihn grösstenteils für ihr Business genutzt haben – als Firmen- oder Dienstwagen. Stimmt die (Erfolgs-)Rechnung der Wolfsburger, dann müssen das bis heute 24 Millionen gewesen sein. Denn VW hat seit 1973 exakt 30 Millionen Passat produziert.

Europas Dienstfahrzeug Nr. 1

80 Prozent der Autos gingen laut den Wolfsburgern an Geschäftskunden. Diese also haben den Passat zum weltweit erfolgreichsten Mittelklasse-Modell gemacht, zum beliebtesten Dienstfahrzeug. Zumindest in Europa.

Jetzt tritt der Passat, dieses unauffällig-elegante, vor allem als Variant (Kombi) praktische, nie besonders sportliche, aber durchaus leistungsfähige Auto ganz im Sinne seines Zwecks wohl bald die letzte Dienstfahrt an. Zwar werten ihn die Wolfsburger noch einmal auf, und derart facegeliftet geht die achte Generation im September zu Preisen ab 38 700 Franken erneut an den Start. Aber sein Ende ist genauso wie beim Golf, der anderen Wolfsburger Legende (35 Millionen in 35 Jahren) absehbar. Baureihen-Sprecher Martin Hube bestreitet dies allerdings.

Behält Hube recht, dann müsste VW für die Weiterentwicklung des Passat aber erst einen neuen Standort finden. Der Grund dafür hat fast schon schicksalhafte Bedeutung: Ausgerechnet im Werk Emden, wo vor einem Monat der 30-millionste Passat vom Band lief, sollen künftig Elektromodelle der ID.-Familie gefertigt werden. So wie der Golf-Stromer ID. 3, der nächstes Jahr als Erster auf die Strasse kommt.

Allerdings ist es nicht so, dass allein die Elektrifizierung, die der VW-Konzern vehement vorantreibt, die Zukunft des Passat gefährdet, sondern auch der SUV-Boom. Bereits hat ihn der Tiguan als meistverkauftes Mittelklasse-Modell abgelöst. Mehr noch: Der SUV ist in der VW-Hierarchie zur absoluten Nummer eins aufgestiegen und hat selbst den «ewigen» Topseller Golf überflügelt. Diese für den Passat negative Entwicklung belegen die Verkaufszahlen in der Schweiz besonders eindrücklich. Immatrikulierte die Importeurin Amag 2015 noch 4579 Passat und 3950 Tiguan, so sah es zwei Jahre später mit 7110 Tiguan gegen 2747 Passat bereits ganz anders aus. Und nach den ersten fünf Monaten dieses Jahres präsentiert sich die Zwischenbilanz so: 2930 Tiguan gegen 845 Passat. Allerdings hält jetzt auch der Golf mit 2669 Immatrikulationen zwischen Januar und Mai nicht mehr mit. Für den Passat dürfte sich die Situation sogar noch weiter verschärfen, denn bis 2025 will VW mindestens 30 SUV mit elektrischem oder konventionellem Antrieb im Angebot haben.

Travel Assist bis 210 km/h

Dennoch setzen die Niedersachsen auch beim x-ten Facelift noch immer alles daran, das Auto up to date zu halten. So rühmen sie den modifizierten Variant als Vorreiter des automatisierten Fahrens und geben den Travel Assist nun fast über den gesamten Geschwindigkeitsbereich frei. Bis 210 km/h, heisst es, kann man die Hände zumindest sekundenweise vom erstmals mit Berührungssensoren ausgestatteten Lenkrad nehmen und dem Auto Spurführung und Abstandsregelung überlassen. Zusätzlich gibt es wie im Luxus-SUV der Wolfsburger, dem Touareg, das intelligente Matrix-Licht sowie die neueste Generation des modularen Infotainment-Baukastens.

Auch wenn sich beim Facelift wie üblich vieles um die Software dreht, so gibt es doch auch Neues bei der Hardware – vor allem unter der Haube. Denn mit der Modellpflege kommt im Passat die neuste Generation von TDI-Motoren zum Einsatz, die bis zu zehn Gramm weniger CO2 pro Kilometer ausstossen sollen. Und die GTE-Version verfügt neu über einen Plug-in-Akku, der eine Reichweite des Teilzeitstromers von bis zu 56 Kilometer ermöglicht.

Peter Hegetschweiler fuhr die neuste Version des Passat auf Einladung von VW-Importeur Amag am 20. Juni in Deutschland.

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