Zum Hauptinhalt springen

Todesfahrt in TrierDeutscher rast im SUV durch Fussgängerzone – mindestens fünf Tote

Die Behörden sehen beim stark alkoholisierten Fahrer keine Anhaltspunkte für ein terroristisches oder politisches Motiv, sondern Hinweise auf eine psychiatrische Erkrankung. Unter den Opfern ist auch ein Baby.

Die Polizei ist mit einem Grossaufgebot vor Ort.
Die Polizei ist mit einem Grossaufgebot vor Ort.
Foto: Harald Tittel (DPA/AP/Keystone) 

Ein dunkelgrauer Geländewagen raste am frühen Dienstagnachmittag mehrere Hundert Meter durch die Fussgängerzone der westdeutschen Stadt Trier. Nach Angabe von Zeugen fuhr der Fahrer unweit der berühmten Porta Nigra, eines römischen Stadttors, absichtlich in Menschen hinein und hinterliess eine Schneise der Verwüstung.

Menschen seien durch die Luft gewirbelt worden, berichteten Zeugen dem «Trierischen Volksfreund». Bilder vom Tatort zeigten zerschlagene Stühle, verbeulte Kinderwagen, Stände und um Hilfe rufende Menschen.

Fahrer war betrunken – und lebte seit längerem im Auto

Einsatzkräften der Polizei gelang es, den Fahrer unweit der Fussgängerzone festzunehmen – lediglich vier Minuten nach dem ersten Alarm. Der Mann habe sich dagegen gewehrt.

Die Behörden teilten am Abend bei einer Medienkonferenz mit, beim Täter handele es sich um einen 51-jährigen Deutschen, der in Trier aufgewachsen sei und hier gelebt habe. Es gebe bei ihm keinerlei Hinweise auf ein terroristisches, politisches oder religiöses Motiv – dafür Anzeichen für eine allfällige psychische Erkrankung.

Laut dem «Trierischen Volksfreund» habe sich der Mann häufig in der örtlichen Dönerbude betrunken. Nach seiner Todesfahrt wurden beim Fahrer 1,4 Promille Alkohol im Blut gemessen. Laut den Behörden hatte er zuletzt keinen festen Wohnsitz, sondern lebte im Auto. Er war der Polizei weder als Straftäter noch als sogenannter Gefährder bekannt.

Auch Vater des getöteten Babys unter Amok-Opfern

Seine verrückte Fahrt kostete mindestens fünf Menschen das Leben: ein Baby, eine 25-jährige und eine 52-jährige Frau, einen 45-jährigen Mann und eine 73-jährige Rentnerin. Der getötete 45-Jährige war der Vater des neun Wochen alten Mädchens, das durch die Tat ums Leben gekommen ist. Neben der Ehefrau und Mutter des Kindes sei zudem auch ein eineinhalb Jahre alter Sohn der Familie verletzt ins Krankenhaus gebracht worden, teilte die Polizei Trier in der Nacht zum Mittwoch mit.

«Alle getöteten Opfer waren Menschen aus Trier, die in der vorweihnachtlich geschmückten Trierer Fussgängerzone unterwegs waren», hiess es in der Polizeimitteilung. Dazu kommen 4 Schwerstverletzte, 5 Schwerverletzte, 6 Leichtverletzte und mindestens zwei Dutzend schwer traumatisierte Menschen.

Die Innenstadt von Trier, der ältesten Stadt Deutschlands, wurde danach weiträumig abgesperrt. Dutzende von Einsatz- und Rettungswagen blockierten die Strassen, Einsatzkräfte kümmerten sich um Opfer. Am Himmel kreisten zwei Helikopter.

Der Oberbürgermeister von Trier, Wolfram Leibe (SPD), sagte schon kurz nach der Tat, es habe sich um eine «Amokfahrt» gehandelt. Bei einer improvisierten Medienkonferenz weinte er, als er beschrieb, was er in der Fussgängerstrasse gesehen hatte: «Ich bin gerade durch die Innenstadt gelaufen und es war einfach schrecklich. Da steht ein Turnschuh eines Mädchens und das Mädchen ist tot.» Am Abend sagte er, Trier habe den «schwärzesten Tag seit dem Zweiten Weltkrieg» erlebt.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) äusserte sich entsetzt über den tödlichen Vorfall. Der Tag sei ein «wirklich schlimmer und schrecklicher Tag für die Angehörigen», sagte Dreyer in Trier. Sie sei mit ihren Gedanken bei den Verletzten und Schwerverletzten und hoffe und bete, dass sie überlebten und gesundeten.

Erst im Februar der letzte Fall

In Deutschland sind in den vergangenen vier Jahren mehrfach Autos mit Absicht in Menschenmengen gerast. Im Februar hatte ein 29-jähriger Deutscher im hessischen Volkmarsen sein Auto in einen Fasnachtsumzug gesteuert und gezielt Kinder angefahren. Mehr als 100 Menschen wurden verletzt, unter ihnen mehr als 20 Kinder. Wie durch Zufall kam niemand ums Leben. Ein politisches Motiv schlossen die Ermittler aus. Der Täter schweigt bis heute zu seiner Tat und arbeitet offenbar auch mit seinem Anwalt und der Psychologin kaum zusammen.

An Silvester 2018/19 steuerte im Ruhrgebiet ein Rechtsradikaler sein Auto in feiernde Menschen, die er für Ausländer hielt und verletzte insgesamt 14 von ihnen. Der Täter wurde schliesslich in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Im April 2018 fuhr ein Mann in Münster einen Campingbus in ein Strassencafé und tötete vier Menschen. Dann erschoss er sich selbst. Die Polizei stufte den Täter als psychisch krank und den Vorfall als erweiterten Suizid ein.

Im Dezember 2016 war ein islamistischer Attentäter mit einem Lastwagen in einen Berliner Weihnachtsmarkt gerast. 12 Menschen verloren ihr Leben, Dutzende wurden verletzt.