Avocado! Ziegen! Kekse!

Die Britin Jess Thom hat ihr Tourettesyndrom zum Stand-up-Comedy-Programm verarbeitet: sehr mutig, sehr klug und sehr lustig.

Jess Thom vermischt Tourette virtuos mit Comedy.

Jess Thom vermischt Tourette virtuos mit Comedy.

(Bild: PD)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Nur ganz kurz ist das Gefühl ein komisches. Man schwankt zwischen Neugierde und Scham. Fragt sich, ob man jetzt wirklich aus Interesse hier ist oder um seine voyeuristische Ader zu stimulieren. Dieser Zwiespalt ist auch buchstäblich zu hören im voll besetzten Tojo-Theater am Donnerstagabend. Anfänglich wechselt das Lachen der Zuschauer zwischen einem verhaltenen Kichern und nervösem Quietschen. Aber das ist nur in den ersten Minuten so. Dann geht einem das Herz auf. Jess Thom mit ihren wilden kurzen Locken, dem lauten, sympathischen Lachen und ihrer übersprudelnden Art bricht noch jedes Eis.

Die Britin ist Mitte dreissig, Autorin, Künstlerin, Komödiantin und hat ihr Tourettesyndrom zu einem Stand-up-Comedy-Programm verarbeitet. Es geht ihr dabei darum, Schranken abzubauen und Berührungsängste zu überwinden. Dasselbe Ziel verfolgt auch ihre Organisation Touretteshero, die sie vor neun Jahren gegründet hat. Mit «Stand Up, Sit Down, Roll Over» ist sie nun am Theaterfesitval Auawirleben zu sehen. Wie sie dazu kam, gewissermassen ihre Not zur Tugend zu machen, erfährt man während ihres 60-minutigen Auftritts Und noch sehr vieles und sehr viel Unvorhergesehenes mehr.

Zum Beispiel: «Ich liebe Porno. Ups. Nein. Ich hasse Katzen. Ich liebe Katzen. Nein, auch das ist nicht wahr. Entschuldigung. Ich bin gleichgültig gegenüber Katzen. Das ist wahr. Wirklich. Dieser Abend wird für alle überwältigend sein», sagt sie, «auch für mich.»

Das wahre Leben

Ihr Programm handelt, wie jede Comedyshow, vom wahren Leben. Von alltäglichen Situationen. Nur werden diese Anekdoten halt immer wieder durch drastische, ja vulgäre Wörter und Ausbrüche unterbrochen. Das erinnert ein bisschen an Free Jazz. «Biscuit. Sausage. Fuck! Goat.

Biscuit», sagt sie immer wieder, klopft sich dabei wild auf die Brust, rutsch auf ihrem Rollstuhl hin und her, lacht und kichert. Avocados und kopulierende Tiere kommen auch oft vor. Das Umwerfende ist, dass Jess Thom sich ihrer Ticks bewusst ist und versucht, sie in ihre Erzählungen, ihre Anekdoten einzubauen. So nimmt jeder einzelne Auftritt eine ganz andere Wendung. Sowieso sei ihre Paradedisziplin wohl die surrealistische Comedy, sagt sie und erzählt dann spontan die Geschichte einer Shampooflasche, die mit einer Toblerone ein Kind zeugt.

Um alle Nuancen dieser sprachlichen Virtuosität zu verstehen, muss man ziemlich sattelfest sein in der englischen Sprache. Aber auch sonst ist Jess Thoms Performance ein herrliches Erlebnis, das dem Zuschauer auf lockere und unterhaltsame Weise die Herausforderungen eines Lebens mit Tourette näherbringt. 16000 Mal am Tag sage sie das Wort Biscuit und wisse nicht, wieso. «Das ist aber immerhin noch nicht so oft, wie Theresa May den Satz ‹Brexit means Brexit› sagt.»

Programm statt Zufall

Freilich ist nicht alles dem Zufall überlassen. Jess Thom hat ein Programm. Sie erzählt von ihrer Nichte, vom Sexleben ihrer Schwester, von Problemen im öffentlichen Raum, etwa am Flughafenzoll, wenn ihr plötzlich rausrutscht, dass sie Kokain in der Unterhose habe. Sie erzählt vom Vater, der auf ihre vulgären Ausbrüche nicht einmal reagiert, sie aber bei einem absichtlich gesagten «Scheisse» umgehend ermahnt. Und wir lernen, dass das Tourettesyndrom durchaus seine Vorteile hat. Vor allem für eine Komödiantin. «Ich muss immer nur die Hälfte eines Programms vorbereiten. Und: Es gibt nie Momente von unangenehmer Stille.» Leider aber habe sie ein verdammt schlechtes Timing.

Auf die Bühne kam sie, weil sie einst als Zuschauerin während einer Vorstellung von einem Komödianten blossgestellt wurde. Danach entschied sie sich, ab sofort selber zu entscheiden, wie über sie gelacht werde. Tolle Frau. Tolle Show. Biscuit!

Am Samstag, 11.5., 17 Uhr, Grosse Halle, Reitschule: Konversation mit Jess Thom.

Berner Zeitung

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