Zum Hauptinhalt springen

Sommerferien in der Schweiz«Beim Image hat Interlaken wohl eher ein Handicap»

Während in Interlaken die Sommersaison wegen fehlender Gäste aus dem Ausland schwierig werden dürfte, haben Adelboden-Lenk oder Meiringen bessere Karten, sagt Tourismusexpertin Monika Bandi.

Schweizer Ferienidyll: Blick auf den Thunersee…
Schweizer Ferienidyll: Blick auf den Thunersee…
Foto: swiss-Image.ch
…ein Bauernhof in Oberbütschel…
…ein Bauernhof in Oberbütschel…
Foto: swiss-Image.ch
…und die Brienzer Rothorn-Dampfzahnradbahn.
…und die Brienzer Rothorn-Dampfzahnradbahn.
Foto: swiss-image.ch
1 / 4

Monika Bandi, wollen die Schweizer angesichts der düsteren wirtschaftlichen Aussichten überhaupt Geld für Ferien ausgeben?

Ich bin durchaus optimistisch. Die Menschen haben ein Bedürfnis nach einem Gegenalltag. Sie haben zwar aufgrund der Pandemie Angst und beginnen auch langsam, jeden Franken zweimal zu drehen. Aber der moderne Mensch lechzt aufgrund der täglichen Belastung nach Auszeit und Tapetenwechsel. Die Leute haben ihre Ferienbudgets zudem bereits reserviert, die Konsumentscheidung wurde oft vor der Corona-Krise getroffen. Der Tourismus wird aber anders aussehen, als wir ihn uns gewohnt sind.

Klar: Die Schweizer können nicht ins Ausland, und die Gäste aus anderen Ländern können nicht in die Schweiz einreisen.

Das ist nur die eine Seite. Die Schweizer werden hier auch anders Ferien machen, als es die ausländischen Gäste tun. So ist etwa gut möglich, dass die Leute viele Tagesausflüge unternehmen werden. Töfftouren, Wanderausflüge in den Bergen oder einen Strandtag am See unternehmen. Bei den Übernachtungsgästen könnte sich zudem die Nachfrage nach exklusiven sowie nach preiswerten Angeboten vergrössern.

Weshalb?

Man weiss, dass Schweizer Übernachtungsgäste im Ausland pro Tag durchschnittlich etwa 160 Franken ausgeben. Im Inland sind es dagegen nur 100 Franken. Da man jetzt nicht ins Ausland gehen kann, könnten die Gelder im Inland ausgegeben werden. Es gibt aber auch viele Schweizer, die ihre Sommerferien auf einem Zeltplatz in Italien verbringen und jeden Abend selber kochen. Für sie sollte es ebenfalls Angebote geben.

Welche Destinationen werden diese Bedürfnisse am besten befriedigen können?

Pauschal kann ich das nicht beantworten. Die Entscheidung der Gäste dürfte aber von drei Faktoren abhängen: Welches Image haben die Destinationen, welche neuen Produkte werden angeboten, und wie gut kann sich der Tourismus vor Ort an die Corona-Vorschriften und die veränderten Bedürfnisse anpassen?

Interlaken mit seinem Image als Hotspot für Asiaten und Araber wird es also sehr schwer haben.

Beim Image hat Interlaken wohl eher ein Handicap. Und ja, es wird herausfordernd sein, die 65 Prozent ausländischen Gäste mit Schweizern zu kompensieren. Aber Interlaken hat auch Vorteile: Die Positionierung auf den Fernmärkten war anspruchsvoll. Die touristischen Akteure haben das geschafft und sich in der Vergangenheit als anpassungsfähig und fit gezeigt. Diese Entwicklung war zudem lukrativ, hoffentlich haben sich daraus Reserven für die anstehende Zeit ergeben. Nehmen Sie etwa die Jungfraubahnen: Sie könnten praktisch von heute auf morgen eine riesige Kampagne für die Schweizer Gäste aufziehen.

Gerade das Jungfraujoch ist doch der Inbegriff des ausländischen Massentourismus im Berner Oberland.

Ja, da spricht einiges dafür. Der Eispalast, das Essensangebot: Das alles entspricht eher asiatischen Bedürfnissen. Es stellt sich aber auch die Frage, ob es sich überhaupt lohnen würde, das Angebot für einen Sommer anzupassen. Denn niemand weiss, wie die Situation ab 2021 aussehen wird. Vielleicht wird es für etliche Betriebe in der Region Interlaken deshalb auch eher ein Durchhalten als ein Anpassen sein. Der Atem müsste aber wohl lang sein.

Sie sehen also schwarz für die dortige Sommersaison?

Nein, nicht nur. Die geografische Lage mit den beiden Seen hat grosses Potenzial auch für Angebote, die zu den neuen touristischen Bedürfnissen passen könnten. Wenn es beispielsweise gelingen würde, das Strandbad Bönigen touristisch zu veredeln, könnte das durchaus für neue Gäste sorgen.

Monika Bandi glaubt, dass Herr und Frau Schweizer trotz Rezession Sommerferien machen wollen.
Monika Bandi glaubt, dass Herr und Frau Schweizer trotz Rezession Sommerferien machen wollen.
Foto: Nicole Philipp

Einfacher dürften es derweil Meiringen oder Adelboden-Lenk haben, wo ausländische Gäste nur 30 Prozent ausmachen.

Ja, diese Orte haben wohl bessere Voraussetzungen – nicht zuletzt auch dank eines hohen Anteils an Zweitwohnungen wie etwa an der Lenk. Deren Besitzer könnten die Sommerferien dort verbringen. Meiringen hat zudem den Vorteil, dass es sich in den letzten Jahren aufgrund der schwächelnden Winter bereits zunehmend in Richtung Sommer positioniert hat. Für Familien gibt es dort auch das Reka-Dorf, genauso an der Lenk. Wie man hört, werden diese momentan bereits gut gebucht. Für Badeferien dürfte im Kanton Bern zudem die Region um den Bieler-, den Murten und den Neuenburgersee hoch im Kurs stehen.

Also Campingferien am See statt dem Meer?

Grundsätzlich glaube ich, dass dies einem starken Bedürfnis der Schweizerinnen und Schweizer entsprechen würde. Hier spielt aber dann der dritte Faktor mit rein. Was ist bei den Beherbergungsformen im Sommer überhaupt möglich? Gerade Campingplätze dürften es schwer haben, mit ihren sanitären Einrichtungen die Corona-Massnahmen einzuhalten. Deswegen wurden sie anders als die Hotels auch vom Bundesrat geschlossen. Doch auch Hotels werden sich anpassen und innovativ zeigen müssen.

Diese können doch einfach weniger Zimmer vermieten und so Distanz schaffen.

Ja, das ist möglich. Aber viele Zusatzangebote wie etwa eine gemeinsame Wellnessanlage werden nur mit Auflagen zugänglich sein. Es wäre wohl möglich, auch dort die Distanzregeln einzuhalten. Aber der Aufwand mit Desinfizieren und Reinigen wird für viele Hotelbetreiber sehr gross sein.

Bereits jetzt gut gebucht werden Ferienwohnungen. Sie könnten es auch bezüglich Schutzmassnahmen am leichtesten haben.

Ja. Die Schlüsselübergabe kann ohne persönlichen Kontakt stattfinden, man ist autonom bei der Verpflegung und gut abgetrennt zu anderen Gästen. Die soziale Distanz dürfte diesen Sommer sowieso zu einem Verkaufsargument werden. Die Leute suchen aufgrund von Corona mehr Raum, sie meiden Menschenansammlungen. Auf Basis dieser veränderten Bedürfnisse benötigt es konkrete Produktinnovationen unserer Touristiker.

«Der Winter in der Schweiz könnte durch Corona längerfristig aufgewertet werden.»

Tourismusexpertin Monika Bandi

Anstelle von neuen, innovativen Angeboten kündigt sich momentan aber eher eine Rabattschlacht an. Ist das sinnvoll?

Diese ist nicht generell zu beurteilen. Wenn sich alle unter Druck fühlen, versucht man sich rasch über den Preis zu differenzieren und stellt das Qualitätsargument in den Hintergrund. Bei gewissen Angeboten wie beispielsweise Campingplätzen hat es aber jetzt bereits vor Öffnung eine erhöhte Nachfrage gegeben. Dies sollte doch Mut machen, sich auf das Ferienerlebnis «Sommer 2020» mit Innovationen bereit zu machen.

Tun das die Touristiker, oder verschlafen sie die Sommersaison?

Ich hoffe nicht, dass sie die Situation verschlafen. Es ist aber auch schwierig. Noch immer ist viel Unsicherheit vorhanden. Was wird im Sommer überhaupt möglich sein? Das ist ungeklärt. Ich bin jedoch der Meinung, dass es besser ist, jetzt die Saison Corona-tauglich zu planen und vorzubereiten, als dass man dann plötzlich überrascht wird, wenn die politischen Entscheide da sind. Die Touristikerinnen und Touristiker sind nun mehr in ihrer Rolle als «Paradies-Gestalter» denn als «Paradies-Verkäufer» gefordert. Denn die einzelnen Betriebe können sich aufgrund der Einschränkungen weniger voneinander differenzieren. Anstelle von Marketingschlachten sollte auf Destinationsebene gemeinsam weiter gedacht werden. Dort könnte das Potenzial für neue Angebote trotz oder eben gerade wegen Corona grösser sein. Es kann «Raum» angeboten werden. Mir ist aber bewusst, dass dies aufwendig und anspruchsvoll ist. Zudem ist das Tourismussystem in den Destinationen vielfach träge.

Monika Bandi hofft auf innovative neue Angebote in den Tourismusdestinationen.
Monika Bandi hofft auf innovative neue Angebote in den Tourismusdestinationen.
Foto: Nicole Philipp

Weshalb?

Weil die Produktgestaltung in einer Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Playern – Bergbahnen, Hotels, Gemeinde, Tourismusorganisation – geschehen muss. Und diese Zusammenarbeit ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Die einzelnen Betriebe investieren lieber dort, wo sie auch den direkten Mehrwert haben. Bei Produktgestaltung auf Destinationsebene kann es sein, dass am Schluss nicht alle im gleichen Umfang profitieren. Die Gäste mit dem Ferienerlebnis aber eben schon.

Werden die Schweizer Destinationen diesen Sommer ausgebucht sein?

Im Sommer hatte man in den vergangenen Jahren stets genügend Kapazitäten. Ein Teil davon wird nun aber aufgrund der Distanzregeln wegfallen. Manche Betriebe werden gar nicht öffnen. Ob die Betten knapp werden, ist regionenspezifisch und hängt von den verschiedenen Faktoren ab. Ich kann mir aber vorstellen, dass es an den Seen und auf den Campingplätzen teilweise eng werden könnte.

Wagen Sie abschliessend auch bereits eine Prognose für die Wintersaison?

Für den Winter bin ich optimistischer als für den Sommer. Der Winter in der Schweiz könnte durch Corona längerfristig aufgewertet werden. In den letzten Jahren kam dieser durch günstige Flugpreise immer stärker unter Druck. Im Februar flog man nach Thailand an die Wärme oder nach Schweden für Schlittenfahrten. Diese Konkurrenzsituation wird wohl jetzt deutlich reduziert. Anders als im Sommer könnte es sich für die Anbieter durchaus lohnen, für den Winter die Angebot längerfristig anzupassen oder auszubauen.