Saanenland

Mister Menuhin Festival sagt Adieu

SaanenlandMister Gstaad Menuhin Festival geht. Endgültig. Am Samstag wird Leonz Blunschi verabschiedet. 26 Jahre lang war er Verwaltungsratspräsident eines Festivals, das einst um seine Existenz bangte. Und sich seit 12 Jahren gut entwickelt.

Lockeres Posieren vor der Kirche Saanen. Leonz Blunschi hat in 31 Jahren viele Akzente gesetzt.

Lockeres Posieren vor der Kirche Saanen. Leonz Blunschi hat in 31 Jahren viele Akzente gesetzt. Bild: Markus Hubacher

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Seine Stimme ist leiser geworden. Seine Worte wägt er länger, nicht weniger sorgfältig ab. Denn am Wort ist ihm gelegen. Am träfen. Am schalkhaften. Am selbstironischen. Am lobenden. Am ernsthaft-nachdenklichen.Wenn Leonz Blunschi spricht, ist Kluges zu hören.

Geprägt von der Weisheit des fortgeschrittenen Alters von 74 Jahren, das ihn nun bewegt, zurückzubuchstabieren und von einem grossen Podium abzutreten. Von jenem des Gstaad Menuhin Festival & Academy (GMFA) nämlich, das er wie kaum ein anderer mitgeprägt und mitgetragen hat.

Seit 26 Jahren ist Blunschi dessen Verwaltungsratspräsident. Seit 31 Jahren hat er mit ihm zu tun: 1985, als «ich reingerutscht bin», wie er sagt. Als damaliger Präsident des Verkehrsvereins (VV) Gstaad war er entsprechend in das Geschehen rund um das Menuhin Festival involviert – und blieb hängen.

Er, Leonz Blunschi, von Einsiedeln, der 1976 als 34-Jähriger ­zusammen mit seiner Frau Gisela die Direktion des alten Hotels Bernerhof in Gstaad übernahm, dieses 1978 neu baute und später Gemeinderatspräsident von Saanen (1993 bis 2000) wurde.

An einem dünnen Faden

Und der Anfang der 90er-Jahre als Verwaltungsratspräsident des GMFA beinahe Schiffbruch er­litten hätte. Damals war das Festival tief in die roten Zahlen ­geschlingert. Das Fortbestehen hing an einem dünnen Faden.

«Im Verwaltungsrat hiess die Frage auf dem Höhepunkt der Krise: ‹Sollen wir gescheiter mit dem Festival aufhören?›»Leonz Blunschi

Der Nachfolger von Festivalgründer Yehudi Menuhin, Gidon Kremer (1996 bis 1998), wollte anspruchsvolle Konzepte im Saanenland realisieren – ohne den volkswirtschaftlichen Auftrag des Festivals als Beitragsempfänger des Kantons im Auge zu behalten. Innert kurzer Zeit wurden riesige finanzielle Löcher aufgerissen.

Von einer Krise in die andere

Überhaupt: «In den 90er-Jahren sind wir von einer Krise in die andere geschlittert», erzählt Blunschi. «Wir mussten mit unserem Berater Peter Keller und Eleanor Hope, der rechten Hand des 1999 verstorbenen Yehudi Menuhin, einen künstlerischen Weg finden und die Finanzen im Lot halten. Das war eine Herausforderung.»

Die Zeltübernahme 1988 von der Alpengala Wengen, welche laut Blunschi von Menuhin als künstlerischem Oberleiter so gewünscht und abgesegnet worden war, um auch die sinfonischen Werke am Festival in Gstaad zu ermöglichen, hatte eine gravierende Schattenseite: Sie führte zu einer grossen finanziellen Belastung, die im nächsten Jahrzehnt nachwirkte. «Das hatten wir unterschätzt, und wir rutschten noch bedrohlicher in die roten Zahlen», sagt Leonz Blunschi.

«Im Verwaltungsrat hiess die Frage auf dem Höhepunkt der ­Krise: ‹Sollen wir gescheiter mit dem Festival aufhören?› Ich stimmte als Verwaltungsratspräsident mit, das Festival doch fortzusetzen – und es reichte!»

Hope half stabilisieren

Was darauf folgte, war eine gründliche Sanierung des Festivals und zunächst ein Programm mit Qualität zwar, aber auf drastischem Sparkurs, um überhaupt wieder Fuss zu fassen. Eleanor Hope schaffte es, die Festivalfamilie von Menuhin (Stammpublikum, Solisten, Ensembles, Dirigenten und Orchester) wieder nach Gstaad zu bringen und damit das Festival zu stabilisieren.

Mit dem Engagement im Jahr 2002 von Christoph Müller, dem damals 32-jährigen, noch wenig bekannten Musikmanager und Cellisten beim Kammerorchester Basel, leitete das GMFA den entscheidenden Kurswechsel ein, der da hiess: Zu Menuhins Erbe Sorge tragen, die Tradition pflegen und gleichzeitig auf der Basis von Menuhins weltoffenem Geist innovativ sein.

Mister Menuhin Festival kann nun sozusagen im besten Moment gehen: Das GMFA mit einem Budget von 6 Millionen Franken gedeiht sehr gut – mit seiner künstlerischen Vielfalt, hohen Qualität und programmlichen Dichte spricht es breit an. Die Kirchen sind oft gefüllt, das Zelt meist gut belegt. Sowohl Amateur- wie Jugendmusikerinnen und -musiker aus nah und fern können sich an Kursen mit versierten Unterrichtskräften musikalisch weiterentwickeln.

«Klar ist aber auch, dass wir die Kirchenkonzerte nie aufgeben werden.»Leonz Blunschi

Die Meisterkurse in Piano, Streichinstrumenten und Gesang haben hohe Anziehungskraft. Und die seit letztem Jahr einzigartig angebotene Dirigenten- respektive Conducting-Academy sorgt für eine weitere Profilierung des GMFA.

Kann man da verstehen, dass Leonz Blunschi glücklich, zufrieden und erleichtert vor der Kirche Saanen posiert? Und ob all dem Geleisteten und Erlebten auch müde geworden ist und froh, die Verantwortung in die Hände von Aldo Kropf zu übergeben? Man kann.

Blunschi hat in all den Jahren einen positiven Geist im Verwaltungsrat und im gut aufgestellten Team des Festivalbüros gespürt – und diesen Geist selber befeuert. Er hat sich zusammen mit Hans-Ueli und Marlène Tschanz (Fundraising/Events) und weiteren langjährigen Mitstreitern für die wichtigen Verträge und Vertragsverlängerungen mit den Hauptsponsoren eingesetzt – essenzielle Grundpfeiler zur Erhaltung und Entwicklung des Festivals.

Wirbel um Opernhaus im Berg

Für mediale Aufregung sorgte 1989/1990 die Idee von Menuhin, ein Opernhaus in den Berg zu bauen. Blunschi erinnert sich: «Er hatte schon einen Stararchitekten angefragt, den er auch finanzierte.» Ihm schwebte auch eine unterirdische Zufahrt von Wimmis her ins Saanenland vor. Die Vision Les Arts des unterirdischen Konzertsaals beim Bahnhof Gstaad für 150 Millionen Franken kommt der ­ursprünglichen Idee von Menuhin nahe.

Der Stiftungsrat hat bisher 55 Millionen auf sicher und steht in entscheidenden Verhandlungen, bis Ende Winter 2016/2017 die Finanzierung zu sichern. «Wenn das kommt, ist das eine Riesenchance fürs Festival, das sich wieder weiterentwickeln kann», so Blunschi. «Wir werden Mieter des Konzertraumes sein. Klar ist aber auch, dass wir die Kirchenkonzerte nie aufgeben.»

Leonz Blunschi selber wurde in der Zeit seines Wirkens nicht von persönlichen Schicksalsschlägen verschont: Im Januar 2011 musste er seine kranke Frau zu Grabe tragen. Im Juli 2014 löste der Tod von Thierry Scherz, Intendant des kleinen winterlichen Schwesternfestivals Les Sommets Musicaux de Gstaad, Betroffenheit aus.

Der ohnehin schon sensible Blunschi ist nachdenklicher, verletzlicher geworden. Am Samstag wird er im Gstaader Zelt am letzten Konzert des Festivals (19.30 Uhr), das auch den 100. Geburtstag von Menuhin mit allen Schattierungen des Violinenspiels feiert, verabschiedet. Das passt zu Menuhin – und zu Mister Menuhin Festival Blunschi. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.08.2016, 21:16 Uhr

Leonz Blunschi

Leonz Blunschi hat als junger Mann über zwölf Jahre in Einsiedeln (wo er auch auf die Welt kam), drei Jahre im Aargau und ein Jahr in Winterthur verbracht. Er hat da gleich drei Schweizer Schulsysteme erlebt, die sich sehr unterschieden. Ein drittes Jahr in der Sek.-Stufe mochte er nicht machen, und sein Umfeld stellte sich schon die bange Frage: «Was machen wir mit ihm?» Nach einem Jahr im Welschland stellte sich schnell heraus, dass Blunschis Weg über die Gastronomie führen wird. Als 22-Jähriger lernte er erst mal auf der Insel Englisch. Später erlangte er das Zertifikat als dipl. Hotelier-Restaurateur SHV. Mit 26 hatte er seine erste Direktionsstelle. 1966 heiratete er seine Gisela. Zusammen bauten sie ihre Zukunft ab 5.?November 1976 im Bernerhof Gstaad auf, dessen Aktienmehrheit sie 1978 übernahmen. sp

Der Nachfolger

Aldo Kropf tritt als neuer Verwaltungsratspräsident des Gstaad Menuhin Festival & Academy an, wie dies im April vermeldet worden ist. Der 63-jährige Inhaber der Apotheke Dr. Kropf AG in Gstaad ist ein langjähriger Konzertgänger und Musikfreund im Saanenland. Wie sein Vorgänger Leonz Blunschi gehört er der FDP an und war Gemeindepräsident (von 2008 bis 2015). Er ist letzten Herbst vorzeitig zurück­getreten. sp

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