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Der Wächter über die Kassen tritt kürzer

Über ein halbes Leben lang hat Daniel Wegmüller über die Finanzen von Thun und Steffisburg gewacht. Nun ist der 62-Jährige in den Ruhestand getreten.

Künftig wird er es sich häufiger auf dem heimischen Sofa gemütlich machen können: Daniel Wegmüller, der ehemalige Finanzverwalter der Stadt Thun.
Künftig wird er es sich häufiger auf dem heimischen Sofa gemütlich machen können: Daniel Wegmüller, der ehemalige Finanzverwalter der Stadt Thun.
Patric Spahni

Es gibt Menschen, die davonlaufen, wenn sich ihnen Hindernisse in den Weg stellen oder ihnen die Arbeit über den Kopf wächst. Daniel Wegmüller gehört nicht in diese Kategorie. Aber der 62-Jährige nimmt sich die Freiheit, sich auf den Sattel seines Velos zu schwingen, wenn er eine Auszeit braucht und den Kopf durchlüften will.

Grund dazu hatte er in den letzten 32 Jahren immer mal wieder. Über ein halbes Leben lang hat sich Wegmüller – von 1985 bis 2002 in Steffisburg und ab 2002 bis Ende 2017 in Thun – als Finanzverwalter darum gekümmert, dass die Rechnung in den öffentlichen Kassen der beiden grössten Gemeinden der Region aufgeht.

Per 1. August 2017 hat er den Schlüssel zum Sparschwein der Stadt Thun nun an seinen Nachfolger Stefan Christen übergeben; per 1. Januar 2018 ist er offiziell in den Ruhestand getreten.

Nicht nur der «Erbsenzähler»

Daheim ist Daniel Wegmüller seit 32 Jahren am Industrieweg in Steffisburg. «Damals existierte für Angestellte der Gemeinde noch die Wohnsitzpflicht», erinnert sich der diplomierte Kaufmann HKG. Sechs Jahre zuvor war der gebürtige Pieterler mit Ehefrau Béatrice vom Seeland nach Thun gezogen – ebenfalls beruflich bedingt (vgl. Box «Zur Person»).

Wo immer Daniel Wegmüller beruflich wirkte, hatte er mit Zahlen und Rechnungen zu tun. «Es hat sich relativ früh gezeigt, dass mich Zahlen interessieren», erzählt der Vater eines erwachsenen Sohns und einer erwachsenen Tochter. «Ich fühle mich auf diesem Gebiet kompetent. Die Arbeit hat mir stets Freude bereitet.»

«Es hat sich relativ früh gezeigt, dass mich Zahlen interessieren.»

Daniel Wegmüller

Wegmüller ist sich durchaus bewusst, dass Jobs wie Buchhalter oder ­Finanzverwalter in der öffentlichen Wahrnehmung eher als öde und langweilig gelten. Ein Vorurteil, oder ist doch was dran? «Von aussen mag das teilweise langweilig wirken. Man ist zudem als Finanzverwalter schnell einmal der ‹Erbsenzähler›, wenn man etwas entscheidet, was dem anderen nicht passt.»

Die Arbeit mit Zahlen sei aber so oder so immer untrennbar verbunden mit konkreten Projekten; entsprechend früh und thematisch breit sei man in die Planung einer Gemeinde involviert. Das gestalte den Job sehr spannend.

Eigene Meinung zählte nicht

Als eine der grossen Herausforderungen des Säckelmeisters bezeichnet Wegmüller, sich gegenüber all den Anliegen und Wünschen der verschiedenen Direktionen und Abteilungen neutral zu zeigen. «Es ist klar, dass ich auch stets eine eigene Meinung hatte. Sie durfte bei den Entscheiden, ob etwas ins Budget aufgenommen wird oder nicht, aber nicht zum Tragen kommen.»

Wegmüller, selber FDP-Mitglied, nimmt für sich in Anspruch, dass ihm dies über all die Jahre hinweg gut gelungen ist. Sachverhalte nüchtern und emotionslos einzuordnen, habe er im Militär gelernt – dort stieg der Seeländer als Chef Kommissariatsdienst eines grösseren Verbands bis auf die Stufe Oberstleutnant.

Knifflige Phase in Steffisburg

Eine weitere Herausforderung in Wegmüllers Berufsleben war der Umgang mit Druck. «Solange die Zahlen stimmen, spürt man ihn kaum. Ist dies nicht mehr der Fall, kann es schon sehr unangenehm werden – insbesondere natürlich auch für die politisch Verantwortlichen», hält er fest. In den vergangenen 15 Jahren habe die generell gute finanzielle Lage der Stadt Thun zu einem relativ entspannten Arbeitsumfeld beigetragen.

Wegmüller erinnert sich aber an eine Phase in den 90er-Jahren, während seiner Zeit als Steffisburger Finanzverwalter, die ihm den Puls ansteigen liess. «Damals wurde eine Volksinitiative angenommen, die gefordert hatte, die Steueranlage um zwei Zehntel herunterzusetzen – obschon dies eigentlich gar nicht drinlag», erzählt er.

«Man ist als Finanzverwalter schnell einmal der ‹Erbsenzähler›, wenn man etwas entscheidet, was dem anderen nicht passt.»

Daniel Wegmüller

«Der Weg, Aufwand und Ertrag wieder ins Gleichgewicht zu bringen, war steinig. Diese Situation in einer politisch unruhigen Zeit hat mich stark belastet.» Die Lehre, die er aus dieser Erfahrung gezogen habe, sei gewesen, auch in den sogenannt guten Zeiten besonders Sorge zu den Finanzen zu tragen.

Die aktuelle finanzielle Ausgangslage seines letzten Arbeit­gebers, der Stadt Thun, beurteilt Wegmüller als «sehr gut». «Im Gegensatz zu vielen anderen Gemeinden verfügt Thun über ein Nettovermögen und nicht über eine Nettoschuld.» Allerdings weise die Entwicklung der nächsten Jahre auf eine neuerliche Verschuldung hin. Das gelte es im Auge zu behalten – gerade weil heute ein Grossteil der Ausgaben gebunden sei.

Der Anteil der Steuereinnahmen einer Gemeinde, die in den kantonalen Lastenausgleich fliessen, ist laut Wegmüller in den letzten 32 Jahren spürbar angestiegen: «Als ich angefangen habe, waren es unter 40 Prozent, heute ist es gut die Hälfte.»

Was macht Parteibüchlein aus?

Seit 1985 hatte Daniel Wegmüller total fünf verschiedene Chefs als politisch Verantwortliche. Sie gehören und gehörten den Parteien FDP, SP und SVP an. Da drängt sich natürlich die Frage auf, ob der Finanzverwalter etwas von den gängigen Klischees der spendierfreudigen Sozialdemokraten oder den streng sparsamen Bürgerlichen mitbekommen hat.

«Der Unterschied ist nicht sehr gross», nimmt er dem Fragesteller den Wind aus den Segeln. Die Parteieinflüsse seien nicht im Vordergrund gestanden, und das Parteibüchlein habe nie einem seiner Chefs den Blick auf die ­Gesamtschau vernebelt. «Aber es ist klar, dass je nach Partei das eine oder andere Geschäft etwas stärker gewichtet wurde.»

«Solche Umstellungen passieren. Bis in 10 bis 15 Jahren wird das nächste System kommen.»

Daniel Wegmüller

Was die Finanzverwaltungen in jüngerer Vergangenheit landauf, landab auf Trab hielt, war die Einführung des neuen Rechnungslegungsmodells HRM2. Wegmüller spricht in diesem Zusammenhang vor allem von einer «Fleissbüez» und einem Mehraufwand, weil sämtliche Konten neu erfasst werden mussten.

«Die Stadt Thun hatte bei der Umstellung, rein von ihrer Grösse her, sicher einen Vorteil gegenüber kleineren Gemeinden», räumt Wegmüller ein. Die Arbeit habe sich in Thun auf mehrere Schultern verteilt. Insofern hat der frühere Präsident des Verbands Bernischer Finanzverwalter auch ein gewisses Verständnis für den Unmut in ländlichen Gemeinden, wo HRM2 teilweise noch heute für rauchende Köpfe sorgt. Wegmüller sieht das Ganze aber letztlich pragmatisch: «Solche Umstellungen passieren. Bis in 10 bis 15 Jahren wird das nächste System kommen.»

Nebenämter laufen noch

Fortan wird sich Daniel Wegmüller wegen Zahlenbergen nicht mehr den Kopf zerbrechen müssen. Damit er sein Arbeitspensum nicht radikal von 100 auf 0 reduzieren muss, gibt er seine nebenamtlichen Tätigkeiten sukzessive ab. «Das erlaubt mir vor allem jetzt, zu Beginn, eine gewisse Tagesstruktur», sagt der Neupensionär.

Aktuell wirkt er zum Beispiel als Stiftungsratspräsident des Wohn- und Pflegeheims Utzigen, zudem sitzt er noch in den Verwaltungsräten der Energie Thun AG oder des Schulheims Sunneschyn in Steffisburg.

Mit dem Velo in die Höhe

Einen Fixtermin, den Daniel Wegmüller auch in seinem dritten Lebensabschnitt weiterhin wahrnehmen wird, ist jener am Donnerstagabend im Schulhaus Erlen. Dort findet jeweils die ­Probe des Männergesangvereins Steffisburg statt, dem der 62-Jährige seit 25 Jahren angehört. «Ich singe dort mit grosser Freude im 2. Bass.»

Abgesehen davon wird man Wegmüller und seine Frau regelmässig in den Skigebieten des Berner Oberlands oder aber auf dem Velo antreffen. «Steffisburg ist als Ausgangspunkt für Ausflüge natürlich ideal. Wir sind beide Bewegungsmenschen und gehen deshalb gerne raus in die Natur», schwärmt er.

«In Heimenschwand und Heiligenschwendi gibt es Orte, wo ich eine fantastische Aussicht geniessen kann.»

Daniel Wegmüller

Wenn Daniel Wegmüller allein mit dem Velo unterwegs ist, macht er seit Jahr und Tag dieselben Touren. Zwischen März und November führen sie ihn mindestens einmal pro Woche nach Heimenschwand und nach Heiligenschwendi. «Dort gibt es Orte, wo ich eine fantastische Aussicht geniessen kann, zum Beispiel beim Schützenhäuschen der Feldschützen Goldiwil-Schwendibach.»

Früher hatte der Finanzverwalter spätestens bei der Ankunft oben auf der Anhöhe allfälligen Ärger des Büros vergessen können. Diese Ventilfunktion des Velofahrens fällt nun weg.

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