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Musikalische Reise in eine finstere Zeit

Auf Einladung der Kunstgesellschaft Thun gastierten die Kammerspiele Hamburg mit dem Stück «Der Ghetto-Swinger» von Kai Ivo Baulitz. Brillante Livemusik, bedrückende Zeitgeschichte und beseelter Gesang entführten rund 300 Besucher im KKThun in die dunkelste Geschichte Deutschlands.

Christina Burghagen
Düstere Stimmung: Die Geschichte des Ghetto-Swingers spielt unter anderem im KZ Auschwitz-Birkenau.
Düstere Stimmung: Die Geschichte des Ghetto-Swingers spielt unter anderem im KZ Auschwitz-Birkenau.
Bo Lahola / zvg

«Von der Isar bis zum Rhein gibt es hundertzwölf Partei’n. Täglich, juhu, kommt eine dazu. Keiner weiss mehr, was er ist: Nazi oder Kommunist. Das ist Berlin! Zauberstadt Berlin!» So tapfer, wie die Sängerin Claire Waldoff den Gassenhauer «Das ist mein Berlin» im Jahr 1932 auch schmetterte – es half nichts. Kaum ein Jahr später rissen Hitler und seine Schergen die Macht an sich.

Im Theaterstück «Der Ghetto-Swinger» zur Biografie des Jazzgitarristen Coco Schumann bildet das Lied intensiv intoniert von Helen Schneider den Auftakt zur musikalischen Reise nach Berlin, Theresienstadt und Auschwitz-Birkenau...

Heinz Jakob Schumann, Jahrgang 1924, Sohn einer jüdischen Mutter und eines konvertierten Vaters, wächst in Berlin auf. Mit der Machtübernahme der Nazis wird der Junge zum «Halbjuden» erklärt. «Ick soll fünf Jroschen mit in die Schule bringen», verkündet der Junge, und die Mutter sagt: «Du nich, du Flitzpiepe.» «Was ist ein Halbjude?», will er wissen. «Du bist zur Hälfte Weihnachtsbaum und zur Hälfte Chanukkaleuchter», erklärt der Vater.

Er starrt auf die Hitlerjugend mit Fackelzug und Marschmusik. Er hört den Feueralarm, in Berlin schlägt der Hass hohe Flammen in der Pogromnacht am 9. November 1939. Er sieht, ohne zu begreifen. Doch die Liebe zur Musik, zum Swing, macht ihn herrlich «elektrisch von innen». Er spielt Gitarre in verschiedenen Bars mit namhaften Künstlern wie Bully Buhlan und erhält von einer Französin den Namen Coco, weil sie Heinz nicht aussprechen kann.

Die Musik hielt ihn am Leben

«Night and Day», «You Can’t stop Me», «I Can’t Give You Anything but Love» – die swingenden Songs wirken in der musikalischen Fassung von Gil Mehmert wie ein grosses Zuckerstück, auf das die virtuosen Musiker und Schauspieler sowie die legendäre Helen Schneider als Sängerin in Bestform die bitteren Tropfen der menschenverachtenden Geschichte träufeln.

Und genau diese Musik erhält den jungen Coco Schumann am Leben. Er wird nach Theresienstadt deportiert und spielt dort bei den Ghetto-Swingers. Er kann mit der Musik sein Leben retten, als er ins KZ Auschwitz-Birkenau verschleppt wird. Von schweren Krankheiten gezeichnet, überlebt Coco Schumann die Tötungsmaschinerie und den Todesmarsch, als die Amerikaner das Konzentrationslager am 27. Januar 1945 befreien.

Schumann wird im Mai 93

Jahrzehntelang hat er kein Wort über diese Zeit verloren, bis er 1997 seine Biografie «Der Ghetto-Swinger – eine Jazzlegende erzählt» herausbrachte. «Ich bin ein Musiker, der im KZ gesessen hat. Kein KZler, der Musik macht», betont er immer wieder. Coco Schumann wird am 14. Mai 93 Jahre alt und lebt heute wieder in Berlin. Applaus und Bravorufe des ergriffenen Publikums verklangen im Schadausaal nur langsam.

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