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Bewohnte Philosophie

Zwischen Holzfällerhemden und Ideologien: Sarah Bakewell liefert mit ihrem Buch «Das Café der Existenzialisten» eine fulminante Gesamtschau einer philosophischen Bewegung.

Ein Philosoph mit Starappeal: Jean-Paul Sartre 1966 in Paris.
Ein Philosoph mit Starappeal: Jean-Paul Sartre 1966 in Paris.
Getty Images

Dass er eine Berühmtheit geworden war, erkannte Jean-Paul Sartre spätestens am 28. Oktober 1945, als der damals 40-Jährige einen Vortrag im Pariser Club Maintenant hielt. Der Ticketschalter war im Nu gestürmt, der Saal hoffnungslos überfüllt, Stühle gingen zu Bruch. Sogar im «Time Magazine» erschien zu dem Ereignis ein Foto, untertitelt mit: «Der Philosoph Sartre. Frauen sanken in Ohnmacht.»

Würde heute noch jemand ­wegen eines Philosophen ohnmächtig werden? Wohl kaum – selbst wenn er keine «wulstigen Zackenbarsch-Lippen», abstehenden Ohren und in verschiedene Richtungen schauenden Augen hätte wie der nur 1,53 Meter grosse, an einer Sehstörung leidende Franzose, sondern so gut aussähe wie, sagen wir, Richard David Precht.

Im Nachkriegseuropa – von kollektivistischen Ideologien verwüstet und orientierungslos zurückgelassen – wurde der Existenzialismus in einem Masse populär und zum Lebensgefühl einer Generation, wie es heute nur noch schwer vorstellbar ist.

Holzfällerhemden waren hip

Bis jetzt jedenfalls. Denn eine von Sarah Bakewell vorgelegte Gesamtschau lässt nun diese philosophische Bewegung, die die Freiheit und Verantwortung des Einzelnen entdeckte, wieder auferstehen. Und lässt dabei nichts aus: nicht Sartres Horror vor allem Klebrigen, nicht Albert Camus’ Trost unter der Mittelmeersonne, nicht die angesagtesten Kleidungsstile in den Pariser Cafés und Clubs.

Wer hätte gedacht, dass vor dem notorischen schwarzen Rolli unter Existenzialisten ausgerechnet karierte Holzfällerhemden hip waren? Bakewells Gabe, selbst die anspruchsvollsten Philosopheme verständlich zu machen, macht die Lektüre zu einem intellektuellen Vergnügen ersten Ranges.

Gleichermassen kenntnisreich wie leichtfüssig erzählt die englische Autorin, die im deutschsprachigen Raum 2012 mit ihrer Montaigne-Biografie «Wie soll ich leben?» bekannt wurde, von den Ideen, Vertretern und Werken des Existenzialismus. Dessen ­Ursprünge verortet sie überzeugend in der Phänomenologie Edmund Husserls.

Weil dessen Beschreibungsmethode, 1933 von Sartre von Berlin nach Paris importiert, allein auf die konkreten Dinge blickt, befreie sie «uns von politischen und ideologischen Scheuklappen» und besitze «ein überraschend revolutionäres Potenzial», schreibt Bakewell. Sartre ist in Bakewells Darstellung, mit seiner Lebens- und Denkgefährtin Simone de Beauvoir im Schlepptau, die eine Hauptfigur (neben zahllosen Nebenfiguren wie Karl Jaspers, Simone Weil und Edith Stein).

Die andere ist Martin Heidegger, der meist in einen Schwarzwälder Bauernrock gekleidete, in einem selbst erfundenen Kauderwelsch raunende «Zauberer von Messkirch», dessen Popularität zu Lebzeiten heute sogar noch erstaunlicher anmutet als jene von Sartre.

Wenig überraschend arbeitet sich Bakewell dabei vor allem an der Frage nach Heideggers Nähe zum Nationalsozialismus ab. Schliesslich hätte «der brillanteste und meistgehasste Philosoph des zwanzigsten Jahrhunderts» mit seinen warnenden Reflexionen über die Herrschaft des unpersönlichen «Man» in Sein und Zeit eigentlich vor Hitler gefeit sein müssen.

Statt dessen erklärte Heidegger, der sich von den ­Nazis zum Rektor der Universität Heidelberg ernennen liess, seinem entsetzten Freund Jaspers auf die Frage, wie ein so unge­bildeter Mensch wie Hitler Deutschland regieren könne: «Bildung ist ganz gleichgültig. Sehen Sie sich seine wunderbaren Hände an!»

Immer noch aktuell

Wenn es nicht vor Ideologien schützen konnte, ist das existenzialistische Philosophieren also erledigt? Und wissen wir nicht längst von den fröhlichen Denkern der Postmoderne, wie lächerlich und pathetisch Vor­stellungen wie «Authentizität», «Freiheit» und «Verantwortung» sind? Oder sind diese Fragen im Zeitalter von Facebook, NSA und Flüchtlingskrise nicht aktueller denn je?

Wenig überraschend hat Sarah Bakewell dazu eine klare Meinung: «Wenn man liest, was Sar­tre über Freiheit, Beauvoir über die subtilen Mechanismen der Unterdrückung, Kierkegaard über Angst, Albert Camus über die Revolte, Heidegger über Technik und Merleau-Ponty über Kognitionswissenschaften zu ­sagen haben, beschleicht einen oft das Gefühl, die neuesten Nachrichten zu lesen.» So ist es.

Sarah Bakewell: «Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein und Aprikosencocktails». Verlag C. H. Beck, 448 Seiten.