Bin ich ein Vampir?

Warum Theater ohne totale Gemeintheit, ohne existenzielle Gefährdung nicht geht.

Als ich mit meinem Team das Genter Theater übernahm, haben wir ein Manifest veröffentlicht. Ein Punkt lautet: Alle Proben sind offen, auch für Kritiker. Normalerweise achten Theater darauf, dass es keine Zeugen gibt, wenn wieder mal alles durcheinandergeht. Ihre Mitarbeiter verpflichten sie zu Stillschweigen. In Gent ist es genau umgekehrt. Denn was wäre ein Stadttheater, wenn nicht jede und jeder hineinschauen und darüber schreiben könnte?

Manchmal werden wir vor irgendwelche ­ideologischen Wagen gespannt oder unter dieselben geworfen. Meist wird aber auch bloss vereinfacht. Aus ein paar Stunden Proben­besuch wird ein Gesamtbild, aus fragmentarischen Einblicken ein «So läuft das in Gent». Fast egal, wie gut recherchiert ein Text ist: ­Immer würde man gern «Das ist doch nicht mal die halbe Geschichte!» rufen. Was natürlich auch und vor allem eine Frage der Eitelkeit ist.

Warum ich hier darüber schreibe? Dieses Wochenende ist im Magazin der «Süddeutschen Zeitung» eine epische Reportage erschienen zum Stück «Orestes in Mossul», das wir vergangenen Monat in der ehemaligen Hauptstadt des Islamischen Staats produziert haben. Viele Dinge sind nur anrissmässig erzählt, andere sehr ausführlich. Aber gerade in der Komposition von Raffung und (auch moralischer) Genauigkeit werden Dinge deutlich, die man sonst im ganzen Durcheinander übersehen hätte. Denn Dramatisierung heisst ja Ordnung.

«Die Produktionsleiterin hinwiederum wünscht mir in der Reportage ‹den Tod›.»

«Er ist ein Vampir», befindet ein Schauspieler in dem Text über mich und wohl über alle, die an einem Projekt beteiligt sind, in dem das Leid eines Landes in ein Theaterstück einfliesst. Der Dramaturg von «Orestes in Mossul» seinerseits empfindet, während er unermüdlich an der Inszenierung feilt, seine Arbeit völlig zu Recht als zutiefst fragwürdig und ausbeuterisch. Die Produktionsleiterin hinwiederum wünscht mir in der Reportage «den Tod», während sie mir zugleich (wie ich erst gestern erfuhr) einen missglückten Bombenanschlag verheimlicht, um mich «nicht bei der Arbeit zu stören».

Wohl selten ist das Theater, dieses Widerspiel von Arbeitsrausch und Selbstzweifel, von Befreiung und Zwang, diese unablässige Produktion von Widersprüchen besser auf den Punkt gebracht worden. Sind wir Theatermacher aber tatsächlich «Vampire»? Ja, das sind wir, und nichts anderes. Nicht nur, weil wir alle, die mit uns in Berührung kommen, aussaugen, oft 16 Stunden am Tag. Sondern auch deshalb, weil unser Material das Leben und die Körper der Beteiligten selbst sind.

Es mag ein Klischee sein, aber Klischees sind eben wahr: Theater ohne totale Gemeintheit, ohne existenzielle Gefährdung geht nicht. ­Gestern beispielsweise drohten zwei Schau­spieler eine Stunde vor einer Aufführung ­meines «Genter Altars» mit der Abreise. Wir stritten lange, irgendwann siegte die ­Solidarität. Und dann spielten sie den besten Abend, den ich je gesehen habe.



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