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Neuer Vampir-RomanBis(s) der «Twilight»-Hype endet

Vampir Edward erzählt die alte Geschichte aus seiner Sicht. Es passiert wenig Neues, und doch ist «Bis(s) zur Mitternachtssonne» ein Bestseller. Warum?

Bella und Edward in einer Schlüsselszene auf «ihrer» Lichtung. Dort entscheidet sich, ob Vampir Edward seinen Appetit zügeln kann.
Bella und Edward in einer Schlüsselszene auf «ihrer» Lichtung. Dort entscheidet sich, ob Vampir Edward seinen Appetit zügeln kann.
Bild: Twilight

Eigentlich wollte Stephenie Meyer ja kein weiteres «Twilight»-Buch schreiben. Das hatte sie jedenfalls nach Abschluss der vierteiligen Serie behauptet, die mit Kristen Stewart (Bella) und Robert Pattinson (Edward) in den Hauptrollen verfilmt wurde. Doch nun hat sie zumindest den ersten Band nochmals neu erzählt. Dieses Mal allerdings nicht mehr aus Bellas, sondern aus Edwards Sicht.

Sie wolle den Fans in Corona-Zeiten Abwechslung bieten, erklärte die 46-Jährige in US-Medien. Bereits 2008 hatte sie begonnen, aus Edwards Perspektive zu schreiben. Doch als Fans einige Entwürfe von Kapiteln illegal im Internet verbreiteten, stellt sie die Arbeit vorläufig ein.

Jetzt erscheint «Bis(s) zur Mitternachtssonne» also doch noch. Abgesehen von einigen Details erfahren die Leserinnen und Leser auf den fast 850 Seiten allerdings wenig Neues. Trotzdem stürmt das Buch die weltweiten Bestsellerlisten. Das sind die Erklärungen dafür:

So geht moderne Romantik

Er ist gross und stark, sie schutzbedürftig: So sieht das Geschlechterverhältnis in «Twilight» aus.
Er ist gross und stark, sie schutzbedürftig: So sieht das Geschlechterverhältnis in «Twilight» aus.
Bild: PD/AppleMark

Der Inhalt der Bücher und Filme ist schnell erzählt: Bella zieht in ein abgelegenes Städtchen im US-Bundesstaat Washington. Dort verliebt sie sich in den schönen, aber brandgefährlichen Vampir Edward. Auch Edward fühlt sich zu Bella hingezogen – vor allem reizt ihn ihr verführerisch duftendes Blut. Es ist die alte Geschichte vom Mann-Tier, das seine Triebe zurückhalten muss, um seine Angebetete nicht zu zerstören.

Einerseits ist das ein ziemlich reaktionäres Verständnis von Liebesbeziehungen – über das stereotype Frauen- und Männerbild in Stephenie Meyers Romanen wird immer wieder heftig diskutiert. Anderseits versetzt die Autorin diese altmodische Ausgangslage in eine moderne Teenagerwelt.

In der Schulkantine werden Blicke ausgetauscht, Eltern äussern ihre Bedenken, jedes vermeintlich banale Gespräch mit dem Schwarm wird bis ins Detail seziert – genauso fühlte sich die erste Liebe an. Der Roman versetzt die vorwiegend weiblichen Leser zurück in diese aufregende, aber auch verwirrende Zeit.

Ein Leben in ewiger Freizeit und Jugend? Her damit!


Ferien vor schöner Kulisse, und dabei blendend aussehen: Das ist das Leben der «Twilight»-Vampire. Die Szene stammt aus dem Film «Breaking Dawn – Teil 1».

Ferien vor schöner Kulisse, und dabei blendend aussehen: Das ist das Leben der «Twilight»-Vampire. Die Szene stammt aus dem Film «Breaking Dawn – Teil 1».
Bild: PD/Ascot Elite

Edward und seine Vampirfamilie haben alles, was begehrenswert erscheint: Sie sind wunderschön, unfassbar reich, mächtig, und sie können – falls sie nicht von ebenfalls übernatürlichen Wesen gezielt getötet werden – ewig leben. Ausserdem sind sie frei von lästigen menschlichen Bedürfnissen wie etwa dem nach Schlaf.

Im Prinzip verkörpern die Vampire also eine Welt, von der jeder Topmanager träumen dürfte. Dass diese Utopie eine zutiefst kapitalistische ist, wird der Mormorin Stephenie Meyer oft vorgeworfen. Doch die Faszination bleibt ungebrochen. Weltweit wurden bislang über 100 Millionen Exemplare der Saga verkauft. Und die Filme haben ihre Hauptdarsteller zu internationalen Topstars gemacht.

Unschuldig und doch …

Edward und Bella haben geheiratet. Er trägt sie ganz traditionell über die Schwelle. Die Hochzeitsnacht steht bevor!
Edward und Bella haben geheiratet. Er trägt sie ganz traditionell über die Schwelle. Die Hochzeitsnacht steht bevor!
Bild: PD/AppleMark

Die «Twilight»-Saga schafft es, prüde daherzukommen – Sex vor der Ehe ist undenkbar – und zugleich aufgeladen zu sein mit Erotik. Edwards Begehren ist ja nicht gerade von zarter Natur. Ein Schulkollege von Bella beschreibt dies im ersten Band passend, als er sagt: «Er schaut dich an, als wärst du etwas zu essen.»

Es ist deshalb kein Wunder, dass «Twilight» als Vorbild diente für den grösste Softporno-Erfolg für Frauen aller Zeiten: «Fifty Shades of Grey». Die Autorin E. L. James veröffentlichte die Geschichte zunächst als Fan-Interpretation der Ereignisse um Bella und Edward. Es ist bezeichnend, dass ihr «Edward», Christian Grey, eine Vorliebe für sadomasochistische Spielchen hat, während ihre «Bella», Anastasia Steele, nur allzu gerne unterwürfig mitmacht.

Zwei Männer streiten sich um eine Frau. Wie süss!

Bella ist hin- und hergerissen zwischen Jacob (Taylor Lautner) und Edward.
Bella ist hin- und hergerissen zwischen Jacob (Taylor Lautner) und Edward.
Bild: PD/The Twilight Saga: Eclipse

Bella fühlt sich nicht nur zu Edward hingezogen, sondern auch zu Jacob, mit dem sie ein normales Leben führen könnte. Stephenie Meyer hat das Prinzip des Liebesdreiecks zwar nicht erfunden, aber seither für viele Fantasy-Jugendromane fast zum Standard gemacht.

Doch wieso kommt das «Love Triangle» so selten in Romanen für junge Männer vor? Dort haben Liebesbeziehungen in aller Regel weniger Bedeutung als die Freundschaften zu Gleichaltrigen. Vor allem dies ist ein Aspekt, über den man mit jugendlichen «Twilight»-Fans unbedingt diskutieren sollte.

Stephenie Meyer: «Bis(s) zur Mitternachtssonne», Carlsen-Verlag 2020, 848 Seiten, ca. 40 Fr.