Es ist nie zu spät

Gregor Poletti, ein Urner, leicht ergraut, sieht rot.

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Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Dieses oft bemühte Zitat von Michael Gorbatschow ist ihm zwar nicht belegbar zuzuordnen, aber trotzdem in die Geschichtsbücher eingegangen. Ganz so drastisch ist es im täglichen Leben dann doch nicht, wenn man zu spät kommt. Aber es kann ganz schön nerven. Und besonders sensibel reagieren Schweizerinnen und Schweizer. Dies erstaunt insofern nicht, gehört doch die Pünktlichkeit zur DNA schweizerischen Wesens.

Fast die Hälfte empfindet bei einem Treffen ausser Haus Verspätungen von mehr als fünf Minuten als unanständig. 15 Prozent akzeptieren gar keine Verspätung, wie die kürzlich veröffentlichte Zeitstudie von Sotomo zeigt. Nur gerade ein Viertel findet, dass Verspätungen von 15 Minuten oder mehr in Ordnung gehen. So weit, so unspektakulär.

Es erstaunt hingegen, dass die eher als pedantisch geltenden Deutschschweizer toleranter gegenüber Verspätungen sind als Tessiner oder Romands. Aufschlussreich ist zudem, dass es politisch links orientierte Personen mit der Pünktlichkeit weniger genau nehmen als Personen, die sich als rechts der Mitte einstufen.

Für die Erklärung dieses Phänomens muss man ein bisschen in die Tiefenpsychologie hinabsteigen. Denn häufig assoziiert eine Person mit dem Pünktlichsein etwas Unangenehmes – einen Autonomieverlust. Sie fühlt sich durch die Terminvereinbarung eingeschränkt, ähnlich wie in der Kindheit, als es hiess: «Um zehn Uhr bist du zu Hause!» Pünktlich zu sein, käme in diesem Fall einer Unterwerfung gleich. Und das kommt für einen Linken einer Verleumdung seiner Prinzipien gleich. Also rebelliert er lieber ein bisschen und telefoniert noch schnell mit einem Genossen, um ein paar Minuten zu spät zur Sitzung zu kommen.

Noch unverschämter verhalten sich nur noch Journalisten – ich nehme mich davon nicht aus, im Gegenteil. Auf die Spitze trieb ich es bei einem Interviewtermin mit Alt-Bundesrat Adolf Ogi. Aufgrund blöder Umstände – das sind sie eigentlich immer – traf ich eine geschlagene halbe Stunde zu spät in Fraubrunnen ein. Nicht dass Ogi mir ein «Freude herrscht» entgegenschleuderte. Aber er nahm es mit der Coolness eines gestandenen Gentlemans.

Dies, obwohl er gemäss der Erhebung ganz anders hätte reagieren müssen. Denn ältere Männer mit einer rechten politischen Einstellung verlieren am schnellsten die Geduld, wenn jemand zu spät kommt. Meine Lehre aus der Geschichte: Es ist nie zu spät, Umfragen zu misstrauen und älteren Semestern etwas zuzutrauen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.11.2017, 12:28 Uhr

Politik, Geschichte, Provinz und Grenzen: Darum geht es in den «Echtjetzt?»-Kolumnen von Gregor Poletti, Lucie Machac, Peter Meier, Stefan von Bergen und Andreas Saurer.

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