Herzchen für Rübchen

Nachgehackt

Nicht nur in Gourmetrestaurants kommt Babygemüse gut an.

Marina Bolzli@Zimlisberg

Fruchtbare Tage! Beim abendlichen Gartenrundgang rankt der Kürbis wieder ein paar Zentimeter weiter, hat die Tomate erneut einen Seitentrieb gemacht, sollte ich schon wieder Kefen ernten und – was ist denn das? Eine unübersehbare Lücke im Rüeblibeet. Wie konnte das passieren?

Dabei habe ich die Rüebli ja gehätschelt. Schon an den unüblich warmen Tagen im Februar ausgesät, gejätet, ein bisschen ausgedünnt. Nicht zu viel. Warum auch? Schliesslich kenne ich einen Bio-Bauern, der Babygemüse für Gourmetrestaurants anpflanzt. Fenchelchen, gerade mal daumendick, Rüebli, dünner als der kleine Finger. Wird das Gemüse mal zu gross, um noch als Babygemüse durchzugehen, bringt er es nicht mehr los. Als normales Gemüse kann er es auch nicht verkaufen, weil es dafür zu eng gepflanzt ist. Natürlich ist dieses Kleinstgemüse viel zarter, aber irgendwie auch dekadent. Der Spruch mit dem hungrigen Kind in Afrika mag ja billig sein, manchmal ist er trotzdem angebracht.

Auf dem Teller sieht so ein Babyrübchen, gegart mit dem zarten Kraut, natürlich toll aus. Die Leute stürzen sich darauf. Und es gibt auch etwas her für die sozialen Plattformen. Das wird sich auch mein Kollege gedacht haben, als er das Arrangement noch während seinem Restaurantbesuch der Öffentlichkeit via Internet präsentierte. Das Rüebli leuchtete knallorange, der Fenchel war giftgrün. Um die Babys besser aussehen zu lassen, hatte er einen Filter über das Bild gelegt (wahrscheinlich «Clarendon»).

Ich verteilte ihm dafür kein Herzchen – und war damit die Ausnahme. Aber das hat mit meinem Stolz zu tun. Ich kann so ein Arrangement ja auch bieten, ohne dass ich explizit Babygemüse anpflanzen muss. Seit einem winterlichen Besuch in Griechenland weiss ich, dass Randen nie besser schmecken als golfballgross mit dem Kraut gekocht. Das gab es damals auf dem Markt und in der Bauernstube. Man gab etwas Salz dazu und träufelte frischen Zitronensaft und Olivenöl darüber. Randenblätter schmecken wie junger Krautstiel, und die Knöllchen sind süsser, zarter und weniger erdig als ausgewachsene Randen. Man muss sie nicht mal schälen.

Seit dieser Erfahrung säe ich die Randen ziemlich eng. So habe ich im Frühsommer – so wie jetzt – frische, kleine Randen auf dem Teller. Jede zweite ziehe ich aus, die anderen lasse ich stehen. Damit sie weiterwachsen können, gross und dick werden. Im Spätherbst ernte ich sie und lagere sie während des Winters im Keller. Das ist meine Lösung: eine Prise Dekadenz ohne schlechtes Gewissen.

Mit den Rüebli wollte ich es eigentlich ebenso machen. Das Kraut war schon ganz kräftig, die Rüebliansätze sah man aus dem Boden ragen. Jedes zweite riss ich aus zum Essen. Die Kinder waren entzückt, wollten Babyrüebli fürs Znüni im Kindergarten und in der Spielgruppe. Dieses Znüni kam offenbar so gut an, dass der Sohn in meiner Abwesenheit beschloss, Babygemüse direkt vom Beet zu essen. Richtig böse kann ich ihm nicht sein – ein echter Gourmet eben.

Berner Zeitung

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