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Smells like no spirit

Über die Monotonie moderner Tanzmusik, die Verschandelung von Nirvana-Songs und die Definition von «Oldies».

Michael Bucher

Neulich im Ausgang: Ich ver­liere bei der gruppeninternen Ausmarchung und muss mich in einen In-Club in der Grossstadt begeben. Dort beschallt ein isländischer Elektro-DJ – Typ Lauch mit überkandideltem Seitenscheitel – den Partytempel mit Musik. Wobei: Die Musik, die er auflegt, beschränkt sich auf ein unentwegtes Fiepen – einem verzweifelten Hilferuf eines kranken Rehkitzes nicht unähnlich.

Unterlegt wird es mit einer monoton stampfenden Bassdrum. Das Ganze tönt wie ein endloses Stakkato an Einfallslosigkeit. Trotz dieses be­scheidenen Outputs schraubt der feingliedrige Gast aus dem Norden unerhört geschäftig an den Mischpultknöpfen herum.

Die Klänge scheinen den An­wesenden tatsächlich zu ge­fallen. Wird zwischen dem Fiepen und Stampfen mal ein neues Klangelement eingespeist – etwa eine Art Haarföhn kurz vor einem Kurzschluss –, streckt die Tanzmeute ekstatisch die Hände in die Höhe, als hätte Jimmy Hendrix gerade sein «Voodoo Child»-Solo gespielt und anschliessend seine Stratocaster verbrannt.

Nach ein paar Gin-Runden endlich ein DJ-Wechsel. Das Gitarrenriff von «Smells Like Teen Spirit» erklingt. Doch zu früh gefreut. Der Frevler hinter dem Plattenteller verschandelt die Hymne zu einem unter­irdischen Remix. Ich dachte immer, man gehe augenblicklich in Flammen auf, wenn man sich an einem Nirvana-Song vergeht. War wohl bloss eine Legende. Schade.

Apropos: Ein in Gel getünchter Jüngling mit Nirvana-Shirt tänzelt umher. Er wird irgendwo gehört haben, das sei eine krasse Band gewesen. Und der Sänger soll sich gar den Kopf weggeblasen haben. Cool, wird er sich gedacht haben, das Shirt verleiht meinem faden Image die nötige Verwegenheit, um mich für die Mädchen interessant zu machen. Genützt hats merklich wenig.

Generell sind viele Junge an­wesend. Neben mir unterhalten sich zwei Mädels. Als «Rhythm Is a Dancer» von Snap erklingt – unterlegt mit einem bescheuerten Reggaeton-Beat –, meint die eine zur anderen: «O mein Gott, jetzt spielt er tatsächlich Oldies.» Ich weine in mein Bier.

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