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Die Rache des Monte Conto

Andreas Saurer blickt über den Hag.

Etwa vier Millionen Kubikmeter Fels sind am Mittwoch vom Piz Cengalo ins Val Bondasca und von dort mit Geröll und Schlamm ins Bergell gedonnert und haben Häuser, Brücken, Strassen, Gärten und Wiesen in Bondo verwüstet. Eine Million Kubikmeter Gestein soll am Berg noch in Bewegung sein. Acht Berggänger werden vermisst. Und dennoch ist die schlimme Katastrophe von Bondo nicht der folgenschwerste Bergsturz, den das Bergell je erlebt hat.

Auf der Durchreise an den Comersee mache ich manchmal halt bei Davide Del Curto. Der 61-Jährige ist Bauer und Käser in Borgonuovo di Piuro im italienischen Teil des Bergells, ein paar Kilometer talabwärts von Bondo und kurz vor Chiavenna. Dort hat er auch ein kleines Verkaufsgeschäft. Für die Qualität seines «Bitto» wurde er 2005 zum Cavaliere geschlagen – so wie es auch Silvio Berlusconi einst war, bis man ihm den Ehrentitel wegen seiner Verurteilung aberkannte.

Ebenfalls in der Gemeinde Piuro steht der Palazzo Vertemate Franchi, ein beeindruckender Renaissancepalast. Gebaut wurde der etwas erhöht gelegene Landsitz mit Gartenanlage und Fischteich 1577 von einer Händlerdynastie. Als Besucher kommt man aus dem Staunen nicht heraus: Allein schon das holzvertäfelte, reich verzierte Ofenzimmer lohnt den Ab­stecher.

Der Palazzo Vertemate ist eines der ganz wenigen historischen Gebäude, welche den Bergsturz vom 4. September 1618 überstanden haben. Vor fast 400 Jahren begrub eine gigantische Steinlawine fast das gesamte Dorf Piuro, über 1000 Menschen kamen dabei ums Leben. Die Bewohner hatten das Unglück selbst mitverursacht: Der massive Specksteinabbau hatte den Monte Conto unterhöhlt.

Piuro war damals zusammen mit dem Veltlin Untertanen­gebiet des Freistaats der Drei Bünde. Im protestantischen Thusis am Hinterrhein war kurz davor der katholische Erzpriester Nicolò Rusca, der in Piuro gepredigt hatte, als angeblicher Ketzer und Landesverräter zu Tode gefoltert worden. Im Bergell hatte es seit Tagen stark geregnet. Es kam zu Erdrutschen und dann zum Bergsturz. Überlebende verstanden die Katastrophe als Strafe Gottes.

Politik, Geschichte, Provinz und Grenzen:Darum geht es samstags in den «Echtjetzt?»-Kolumnen von Lucie Machac, Peter Meier, Stefan von Bergen, Gregor Poletti und Andreas Saurer.

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