Verzweifelt gesucht: eine Frau!

Lucie Machac lotet Grenzen aus.

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Kürzlich an einem Event: Ein Videojournalist spricht mich von der Seite an. «Duuu, ich brauche noch eine Frau.» Also nicht grundsätzlich, nur für ein Statement vor der Kamera. Ich schaue mich um. Nein, ich bin weiss Gott nicht die einzige Frau hier, geschweige denn die fotogenste oder gar die schlauste. «Ja, aber die wollen alle nicht», jammert der Videojournalist.

Die Situation ist typisch. Mann will, Frau nicht. Wer machts also? Ich. Weil ich kein Problem damit habe, die Quotenfrau zu spielen. Im Gegenteil.

Meist habe ich profitiert, wenns hiess: Es braucht noch eine Frau. Und ich meine ­damit nicht bloss Statements für die Öffentlichkeit. Ich sollte/durfte/wollte – zwecks Frauensicht – ein eingespieltes Männerteam «auflockern». Ich bekam coole Aufträge, weil eine Frau gut fürs Unternehmensimage ist.

Was mich dabei immer wieder verblüfft hat: Ich musste mich so gut wie nie vordrängeln. Weibliche Konkurrenz gleich null. Klar, manche nervt der ewige Ruf nach der Alibifrau. Zumindest in meinem Umfeld schreien Männer ständig nach Quotenfrauen, damit der Gendermix stimmt, wie es so schön heisst.

Bloss: Wenn der Mix stimmen soll, muss sich frau auch trauen. Wieso sucht der Videojournalist verzweifelt eine Frau? Weil viele Männer reden, auch wenn sie nichts zu sagen haben. Und viele Frauen schweigen, auch wenn sie Schlaues zu sagen hätten. Nach fünfzig Jahren Emanzipation ist das eigentlich schräg, oder?

Noch schräger ist: In den ­sozialen Medien klappt die Gleich­berechtigung auch ohne Quote. Frauen beherrschen hier die Selbstinszenierung genauso gut (oder schlecht) wie Männer. Dass sie sich dabei vor der halben Welt mit grenzwertigen Bildern oder scharfsinnigen Statements exponieren, scheint sie wenig zu kümmern.

Jetzt muss diese Unbekümmertheit bloss noch auf die reale Welt überschwappen. Frei nach Nena: Irgendwie, irgendwo, irgendwann. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.09.2017, 17:08 Uhr

Lucie Machac.

Die Kolumne

Politik, Geschichte, Provinz und Grenzen: Darum geht es samstags in den «Echtjetzt?»-Kolumnen von Lucie Machac, Peter Meier, ­Stefan von Bergen, Gregor Poletti und Andreas Saurer.

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